Ein Monat - ein Buch

Februar 2007: Alfred Döblin – Berlin Alexanderplatz

Berlin Alexanderplatz ist der erste und bis heute einzige belangvolle Roman in deutscher Sprache, der vorbehaltlos die zeitgenössische Großstadt zu seiner Sache macht. (Quelle)

Döblins Versuch, die von Joyce oder Woolf bekannte „Stream of Consciousness“-Technik in einem deutschen Roman anzuwenden, ist glänzend gelungen. Das Buch hat einen ganz eigenen Rhythmus, die Berliner Luft scheint daraus zu strömen und die „wilden 20er“ werden mit den Stilmitteln des Expressionismus lebendig.

Quelle: lbi.org 

Der Umschlag des Künstlers George Salter passt perfekt zum Inhalt des Romans

Die Geschichte des Franz Biberkopf zeichnet das Schicksal eines Menschen nach, der in diesen unruhigen Zeiten hin und her geworfen wird; frisch aus dem Gefängnis entlassen, wo er wegen Totschlags seiner Freundin saß, erhält er kaum eine Chance, zurück ins normale Leben zu finden und gerät schnell wieder auf die schiefe Bahn. Auf dem Einband der Erstausgabe ist die Handlung bereits in einigen Sätzen und Vignetten zusammengefasst:

Von einem einfachen Mann wird hier erzählt, der in Berlin am Alexanderplatz als Straßenhändler steht. Der Mann hat vor, anständig zu sein, da stellt ihm das Leben hinterlistig ein Bein. Er wird betrogen, er wird in Verbrechen reingezogen, zuletzt wird ihm die Braut genommen und auf rohe Weise umgebracht. Ganz aus ist es mit dem Mann Franz Biberkopf. Am Schluss aber erhält er eine sehr klare Belehrung: Man fängt nicht sein Leben mit guten Worten und Vorsätzen an, mit Erkennen und Verstehen fängt man es an und mit dem richtigen Nebenmann. Ramponiert steht er zuletzt wieder am Alexanderplatz, das Leben hat ihn mächtig angefasst.

Wie in einem Film erlebt der Leser das Geschehen fast hautnah mit, wird genau wie der etwas grobschlächtige, zum Jähzorn neigende, aber eigentliche gutherzige Biberkopf bei seiner Entlassung ins Großstadtgetümmel geworfen, das den ehemaligen Sträfling erst einmal erschreckt und überwältigt. Nachdem grundlegende Bedürfnisse (Essen, Trinken, Sex) gestillt sind, sieht er sich nach Arbeit um und beginnt, nationalistisch ausgerichtete Zeitungen zu verkaufen, obwohl er nach dem Krieg eigentlich links war. Die politischen Unruhen und Straßenschlachten gehören zum täglichen Bild. Später wechselt er zu Schnürsenkeln. Er lässt sich treiben, trinkt, trifft zwielichtige Gestalten, die auf den ersten Blick harmlos wirken, wie den „kleinen Meck“ und Reinhold, die ihn in ihre Bande hineinziehen. Widerwillig macht er bei einem Raubzug mit, wird dann aus dem Fluchtwagen hinaus auf die Straße gestoßen und von einem dahinterfahrenden Auto überrollt – er überlebt, doch sein rechter Arm muss amputiert werden. Er schlägt sich mit Hehlerei durch und hat eine neue Freundin, Mieze, doch die alten Kumpanen kommen ihm wieder in die Quere, Reinhold gönnt ihm die Braut nicht und tötet sie bei einem Waldspaziergang. Lange weiß Franz davon nichts, doch irgendwann kommt es raus, er landet wegen einer anderen Angelegenheit wieder im Knast und möchte nur noch sterben. Sein Ringen wird als Kampf zwischen dem Tod und der Hure Babylon dargestellt, am Ende genest er in der Anstalt Buch und steht quasi wieder am Anfang, nun hoffentlich als geläuterter Mann.

Es geht in die Freiheit, die Freiheit hinein, die alte Welt muß stürzen, wach auf, die Morgenluft. Und Schritt gefaßt und rechts und links und rechts und links, marschieren, marschieren, wir ziehen in den Krieg, es ziehen mit uns hundert Spielleute mit, sie trommeln und pfeifen, widebumm widebumm, dem einen gehts gerade, dem einen gehts krumm, der eine bleibt stehen, der andere fällt um, der eine rennt weiter, der andere liegt stumm, widebumm widebumm.

Jedes der neun Bücher beginnt mit einem kurzen, zusammenfassenden Text, wie man es aus alten Romanen kennt, der über die nachfolgenden Geschehnisse informiert:

Hier im Beginn verläßt Franz Biberkopf das Gefängnis Tegel, in das ihn ein früheres sinnloses Leben geführt hat. Er faßt in Berlin schwer wieder Fuß, aber schließlich gelingt es ihm doch, worüber er sich freut, und er tut nun den Schwur, anständig zu sein.

Daneben schafft Döblin mit zahlreichen Stilmitteln ein lebendiges Zeitbild: Anzeigen, Schlagzeilen, Reklamesprüche, Fetzen populärer Lieder, Reime und Gassenhauer („Wer hat nur den Käse zum Bahnhof gerollt“, „Es liegt in der Luft“, selbst „Die Wacht am Rhein“), das Beschreiben simultan ablaufender Ereignisse – alles ergibt eine Collage, die mitunter verwirren kann, aber den Leser das Gefühl gibt, eine Zeitreise zurück in die 20er Jahre zu machen. Die Charaktere sprechen selbstverständlich Berliner Dialekt, oder im Fall von zwei Juden, jiddisch. Daneben gibt es Motive aus der Bibel (wie die „Hure Babylon“, Allegorien vom Paradies und Sündenfall oder Dialoge mit Hiob, der gleich Franz Biberkopf vom Schicksal hart geprüft wird) oder aus dem traditionellen Volksgut, wenn wiederholend die Zeilen „Es ist ein Schnitter, der heißt Tod“ aus „Des Knaben Wunderhorn“ zitiert werden. Eine Szene beschreibt den blutigen Weg eines Ochsens vom Schlachthof über die Verarbeitung bis zur Auslage im Fleischerladen. Die Lektüre ist aufgrund der nicht-linearen Erzählweise und dem schnellen Wechsel zwischen Ironie, Parodie und Montage nicht immer einfach, doch das sollte keinen abschrecken: „Berlin Alexanderplatz“ ist ein Klassiker der deutschen Literatur und eine Hommage an die Metropole Berlin, die man nicht verpassen sollte.

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