Lieblingsbücher

Sybil Gräfin Schönfeldt (Hrsg.) – Kinderweihnacht

November
Es kommt eine Zeit,
da lassen die Bäume
ihre Blätter fallen.
Die Häuser rücken enger zusammen.
Aus dem Schornstein kommt Rauch.
Es kommt eine Zeit,
da werden die Tage klein
und die Nächte groß,
und jeder Abend hat
einen schönen Namen.
Einer heißt Hänsel und Gretel
Einer heißt Schneewittchen
Einer heißt Rumpelstilzchen
Einer heißt Katherlieschen
Einer heißt Hans im Glück
Einer heißt Sterntaler

Auf der Fensterbank
im Dunkeln,
daß ihn keiner sieht,
sitzt ein kleiner Stern
und hört zu.

Dieses Gedicht wird immer eines meiner liebsten sein und ich lese es jedes Jahr mindestens ein Mal im titelgebenden Monat, der hier so trefflich beschrieben wird; oder wenigstens war er einmal so, als ich klein war, und eben aus dieser Nostalgie heraus mag ich die Zeilen von Elisabeth Borchers. Ich las sie zum ersten Mal in „Kinderweihnacht“, ein Buch, von dem ich als unverbesserlicher Weihnachtsfan sage, dass es kein besseres für diese Zeit gibt. Anders als der Titel sagt, ist es längst nicht nur für Kinder, sondern für alle, die gern Gedichte und literarische Fundstücke rund um das schönste aller Feste lesen.

Quelle: buchhexe.de

Kinderweihnacht“ ist wie ein Adventskalender aufgebaut, der allerdings bereits mit dem Martinsfest beginnt und erst zum Dreikönigsfest endet. Für den Dezember gibt es jeden Tag eine Doppelseite, weitere sind für die Adventssonntage bestimmt, und am Nikolaustag sowie in der Weihnachtszeit bis Neujahr gibt es als Bonbon zusätzliche Texte. Die Herausgeberin Sybil Gräfin Schönfeldt hat mit großer Sorgfalt und Originalität viel Unbekanntes zusammengetragen: Mal sind es Gedichte, dann Abzählreime, Rätsel, Auszüge aus Briefen (z. B. von Vincent van Gogh an seinen Bruder Theo) oder aus Tagebüchern (aus Anne Franks am 28. Dezember, dem „Tag der unschuldigen Kinder“) und selbst kleine Geschichten und Lieder. Die detailreichen Illustrationen von Julian Jusim laden zum Anschauen und Verweilen ein. Natürlich eignet sich das Buch hervorragend zum Vorlesen, gerade in der Vorweihnachtszeit besinnen sich ja viele auf diese schöne Tradition, aber auch als Nicht-mehr-Kind kann man mit dem Buch das verborgene in sich wiederentdecken. Als Erwachsener ist der Advent ja leider nicht mehr so besinnlich wie er sein sollte, sondern oft genug stressig und viel zu schnell vorbei, dann ist es gut, wenn man jeden Tag ein kleines Ritual hat und sei es nur, sich abends 10 Minuten Zeit zu nehmen, um die jeweilige Seite für den Tag zu lesen.

Als mich das Buch zum ersten Mal durch den Dezember begleitete, war ich 13, also schon kein richtiges Kind mehr. Es begeisterte mich so, dass ich es all die Jahre hindurch nicht vergessen hatte, bis ich es 2010 zufällig in einer anderen Bibliothek wiederfand und sofort mitnahm. Und zwei Jahre später in München hatte ich erneut das Glück, dass ich es ausleihen konnte. Man bezeichnet solche Sammlungen von Gedichten und Geschichten gern als „Hausschatz“, hier würde ich wirklich sagen, dass es einer ist: Ein Buch, dass man jedes Jahr wieder hervorholen und sich daran erfreuen kann. Wie gesagt, obwohl es heute sowas von uncool ist, gebe ich gerne zu, dass ich die Advents- und Weihnachtszeit liebe, und auch liebend gerne Bücher dazu lese, egal wie alt ich bin. Mindestens zwei, das „Goldene Weihnachtsbuch“ von Josef Carl Grund, das ich 1993 zum Nikolaustag bekam, und ein weiteres, das hauptsächlich Lieder und klassische Geschichten von Autoren wie E. T. A. Hoffmann, Storm und Rosegger enthält („Weihnachten“ von Brigitte Beck aus dem Bassermann-Verlag), muss ich einfach jedes Jahr lesen, weil sie für mich zu den liebgewonnenen Traditionen im Dezember dazugehören – ich bin ein Mensch, der sehr energisch an solchen Ritualen festhält, und zu Weihnachten geht es wohl vielen Leuten ebenso. Natürlich gibt es Hunderte weitere, ähnlich konzipierte Bücher auf dem Markt. Aber „Kinderweihnacht“ hebt sich wirklich aus dieser Masse ab, weil es Lesern jeden Alters etwas zu bieten hat, eine wunderbare Mischung aus kindgerechten und anspruchsvollen Texten enthält, und weil ich unwillkürlich ins Schwärmen gerate, wenn ich nur daran denke. Ein Buch, das einen begleitet, alle Jahre wieder, und das im Herzen bleibt.

Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt des Schlittenglöckleins Ton.

Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schönste Fest ist da.

Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.

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