Ein Monat - ein Buch

April 2011: Margriet de Moor – Der Maler und das Mädchen

Als großer Kunstfreund besuche ich liebend gerne Gemäldegalerien und wenn ich dort ein Werk von Rembrandt sehe (besonders eines seiner zahlreichen Selbstporträts), denke ich unwillkürlich an dieses Buch, weil es mich mit dem Leben des holländischen Meisters bekannt gemacht hat. Margriet de Moor, von der ich bereits „Erst grau dann weiß dann blau“ gelesen hatte, verquickt in „Der Maler und das Mädchen“ seine fiktionalisierte, episodenhafte Biografie mit der von Elsje Christaens, deren einfaches, entbehrungsreiches Leben ein allzu frühes Ende am Galgen findet. Dies ist der Moment, da sich beide Schicksale berühren, denn Rembrandt fertigt eine Zeichnung des hingerichteten Mädchens an.

Quelle: hanser-literaturverlage.de

An dem Tag, an dem das Mädchen erdrosselt werden sollte, war der Maler schon morgens in die Stadt gegangen.

De Moor erzählt chronologisch vom Tag der Hinrichtung, aber in Rückblenden wird das bisherige Erleben der beiden Hauptfiguren offenbar. Die aus Jütland in Dänemark stammende Elsje kommt nach Amsterdam, um ihrer Stiefschwester Sarah-Dina zu folgen. Die Reise von der Ost- in die Nordsee im Frühling 1664 wird aufgrund von Packeis erschwert, es geht über Land und Wasser, und schließlich kommt sie auf einem Transportschiff mit Schlachtvieh nach Holland. Elsje quartiert sich in einer Herberge ein und macht sich auf die Suche nach ihrer Stiefschwester, die nichts von ihrer Ankunft weiß. Ganz allein irrt sie durch die fremde Stadt, und als ihr das Geld ausgeht, schlägt ihr die Herbergswirtin vor, sich als Prostituierte zu verdingen.

Ein altes, hässliches und nicht einmal wirklich unsympathisches Weib, allenfalls ein bisschen unmoralisch in puncto Geldverdienen. Über sie gibt es nicht mehr zu sagen, als dass sie es irgendwann für eine ausgezeichnete Idee hielt, das Mädchen hier, vor ihrer Nase, mit einem blöden, schlaffen, alternden Junggesellen zu verkuppeln, nicht für immer, sondern lediglich für dann und wann. Ihr Beruf hat sie mitten ins Leben gestellt. Er hat ihr Auge dafür trainiert, in einem Mädchen, das die Miete nur schwer aufbringen kann, untrüglich, automatisch, eine Milchkuh zu erblicken, die durchaus dazu beitragen könnte, dass das Haus ein nettes Sümmchen zusätzlich abwirft.

Dieser Gedanke ist dem Mädchen zuwider, aber die Frau beharrt auf ihrer Forderung nach Geld, und im Affekt erschlägt Elsje sie mit einem Beil, woraufhin sie versucht, sich im Damrak-Kanal zu ertränken. Doch sie wird herausgezogen und der Polizei übergeben, denn ihre Flucht aus dem Haus ist nicht unbeobachtet geblieben und am Fall selbst sowie an der Strafe scheint es kaum Zweifel zu geben.

Die Zeichnung befindet sich heute unter dem Titel „Elsje Christiaens Hanging on a Gibbet“ im New Yorker Metropolitan Museum of Art

Nicht weniger bewegend als Elsjes Schicksal ist das von Rembrandt Harmenszoon van Rijn: Zum Zeitpunkt der Handlung ist er bereits 57 Jahre alt und führt nach Zahlungsunfähigkeit mit anschließender Versteigerung seines Hauses und allen Inventars (eine sehr erniedrigende Situation, alles wurde besehen, katalogisiert und weit unter Wert verschachert) einen bescheidenen Haushalt in der Rozengracht. Die Autorin beschreibt seinen Weg durch die Stadt am 03. Mai 1664 und wie ihn verschiedene Orte an verschiedene Punkte in seinem Leben erinnern. Im Rathaus erfuhr er beispielsweise die Abweisung eines großen Auftragsgemäldes durch die Stadtoberen, das er als Reaktion wütend zerschnitt. Wenn ich mich recht erinnere, ist im Buch eine Karte der damaligen Innenstadt von Amsterdam abgebildet, damit der Leser die erwähnten Straßen und Gebäude nachvollziehen kann. Auch die Frauen in seinem Leben, Saskia van Uylenburgh und Hendrickje Stoffels, sind in seinen Gedanken präsent (beide porträtierte er mehrfach). Hendrickje, 17 Jahre lang seine Partnerin (wenn auch nicht Ehefrau), Muse, Haushälterin und Mutter seiner Tochter Cornelia bzw. Ersatzmutter seines Sohns Titus, war erst kurz zuvor an der Pest gestorben, was Rembrandt sehr schwer traf. Gegenwärtig arbeitet er an dem Gemälde eines Liebespaars, das später den Titel „Die jüdische Braut“ erhalten sollte und für das er Farben kauft. Unwillkürlich bekommt er etwas von einer geplanten Hinrichtung mit, und der später heimkehrende Titus schildert die Verhandlung von Elsjes Fall im Rathaus, wie sie sich auf dem Weg zum Schafott verzweifelt wehrt und schließlich erdrosselt wird. Seine Erzählung weckt Rembrandts Interesse und er entschließt sich, zum Kalvarienberg zu gehen (bzw. überzusetzen, er befindet sich am anderen Ufer des IJ), wo die Tote als mahnendes Beispiel an einen Pfahl gebunden wurde, zusammen mit dem Mordinstrument. Bis zuletzt hatte sie keine Reue gezeigt.

Bestürzt schaute der Maler eine Weile auf das festgebundene und -genagelte Kind und ließ währenddessen die Tasche von seiner Schulter in den Sand gleiten. […]
Schon kniete er neben der Tasche. Immer wieder zu seinem Modell aufblickend, wie er es auch in seinem Atelier getan hätte, wählte er den richtigen Zeichenstift, das Tuschefläschchen und das Büchlein mit dem abwaschbaren Pergament. […]
Er stellte alles genau nach der Wirklichkeit dar. Seine schweren Brauen waren zusammengezogen, Augen und Mund verrieten Anspannung. Doch ob es möglich ist, den Tod zu erforschen, darüber machte er sich keine Sekunde lang Gedanken. Sein Verständnis war in diesem Moment rein zeichentechnischer Natur. […]
Der Maler betrachtete die Zeichnung und stellte fest, daß sie schön geworden war, genau was er wollte, nur das.

Der Erzähler wechselt immer wieder, er ist allwissend, kennt Rembrandts Leben und Werk vor und nach 1664 genau, ist mit der örtlichen Geografie damals und jetzt vertraut und lässt auch das Vergangene wie Gegenwart erscheinen, mit großer Leichtigkeit wird der Alltag und die Weltsicht der Menschen jener Zeit lebendig. Es mag wie eine häufig verwendete Phrase klingen, aber trotz der zeitlichen Distanz nimmt der Leser über die Gefühle der Charaktere Anteil an ihrem Ergehen, weil es universelle und zeitlose Motive sind wie Liebe, Trauer nach einem Verlust, Eifersucht, Hoffnung und Verzweiflung. Die Erzählsprünge sind mitunter etwas unerwartet, so reflektiert der Maler beispielsweise über seine von Tizian inspirierte „Danae“ und wir erfahren, dass das Gemälde 1985 in der Eremitage von einem geistig Verwirrten mit Säure und einem Messer angegriffen wurde. Oder Rembrandt will zum Galgenberg übersetzen und plötzlich sind wir in einer Episode 30 Jahre zuvor, als er mit seiner neuvermählten Frau Saskia auf dem zugefrorenen IJsselmeer Schlittschuh läuft. Die Lektüre, obwohl nicht wirklich schwierig, ist dennoch anspruchsvoll, denn das Buch ist intelligent geschrieben; äußerst interessant für Freunde des klugen Historienromans (streng genommen handelt es sich nicht um einen solchen, weil de Moor nicht immer in einer Zeit bleibt, sondern auch die Gegenwart berücksichtigt) und alle, die Einblicke in ein Künstlerleben, in die Arbeitsweise, die Inspirationen und den Alltag eines der ganz großen Meister erhalten wollen. Ein anrührendes, gleichermaßen unterhaltsames und bildendes Buch, ganz wie es liebe. Das Verrückte war, dass ich es genau am Datum von Elsjes Hinrichtung las, am 03. Mai, 347 Jahre später.

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Ein Kommentar zu “April 2011: Margriet de Moor – Der Maler und das Mädchen

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