Ein Monat - ein Buch

Oktober 2006: Christian Pfarr – Ein Festival im Kornfeld

In meiner kurzen persönlichen Vorstellung unter „Who’s That Girl“ habe ich u. a. angemerkt, dass meine musikalische Früherziehung die Schlager aus dem Radio meiner Oma waren, „kein Trauma, nur eine ewige Nostalgie“. Die sich darin äußert, dass ich noch heute ab und zu Anwandlungen bekomme und auf Youtube nach Clips aus der ZDF Hitparade suche oder bei der Arbeit einen Sender höre, der hauptsächlich deutschsprachige Musik aus den 60ern bis 90ern spielt, manchmal arg kitschiges Zeug, manchmal denke ich auch, „Wenn die Leute um mich herum jetzt hören könnten, was gerade durch meine Kopfhörer läuft…“, es ist also immer mit einer Mischung aus Peinlichkeit und wohligem Zurückerinnern verbunden. Man darf allerdings auch nicht vergessen, dass es sich am Ende um – wenn auch zugegeben meist sehr simpel gestrickte – Popmusik handelt, der ein gewisser „Coolnessfaktor“ abgeht, weil sie nicht auf Englisch gesungen wird, die sich aber immer bei den jeweiligen musikalischen Trends bedient, in den 60ern bei Twist und Beat, in den 80ern hielten die Synthesizer Einzug und heute dominiert ein gleichmäßiger Discofox-Rhythmus, der all die Lieder von Helene Fischer, Andrea Berg und Co. wie einen großen Einheitsbrei klingen lässt. Der aber erstaunlich gut ankommt, und genau das ist der Kern: Obwohl das unliebsame Schmuddelkind der Industrie, war Schlager in Deutschland schon immer eines der umsatzstärksten Genre. Und keiner will es gewesen sein.

Quelle: weltbild-marktplatz.de

Quelle: weltbild-marktplatz.de

In seiner „kleinen deutschen Schlagergeschichte“ beschäftigt sich Christian Pfarr sehr unterhaltsam mit diesem Phänomen. Allgemein ist der Autor in seinem Buch auf der Spur von unterschiedlichen Trends im Nachkriegsschlager und was sie über den jeweiligen Zustand der Bundesrepublik aussagen – und das ist nicht wenig. Er verbindet Musikkritik und Textanalyse mit wunderbar ironischen Kommentaren, holt Halbvergessenes ans Licht und gibt auch deutlich zu erkennen, welche Art von Liedern ihm gefallen. So beginnt er mit den 1950er Jahren, als Westdeutschland das Wirtschaftswunder erlebte. Mit den wunderbar frechen Liedern der 20er und frühen 30er hatten die Nazis Schluss gemacht; tatsächlich darf man das Ausbluten der deutschen Musiklandschaft, wie auch anderer Kulturbereiche, durch das Berufsverbot für Juden und der daraus bedingten Emigrationswelle nicht unterschätzen. (In diesem Zusammenhang bin ich auf den Textdichter Fritz Löhner-Beda gestoßen, der von „Wo sind deine Haare, August“ und „In der Bar zum Krokodil“ bis zu „Dein ist mein ganzes Herz“ unvergessliche Evergreens geschaffen hat und sein Ende in Auschwitz fand.) Nach dem Krieg war den Leuten eher nach Fernwehromantik à la „Caprifischer“ oder Freddy Quinns Seefahrerliedern zumute. Und mitten hinein kommt dann so ein satirisches Lied wie „Wir tanzen wieder Polka“ von Bully Buhlan, den Pfarr in den höchsten Tönen lobt, eben weil sich seine Titel wohltuend von den üblichen unterschieden.

Man bläst jetzt auf der Flöte statt in die Jazztrompete

So wunderbar wie’s früher war, wird’s wieder sein

Im frühen Morgenwind wehen destillierte Fahnen

Zum zweiten Frühstück gibt es wie bei unsren Ahnen Bananen

Zum Schweineschnitzel Rüdesheimer Wein – zwei, drei, vier …

In den 70ern hielt zunehmend der Feminismus Einzug in die Gesellschaft und machte auch vorm Schlager nicht halt. Als Beispiel nennt Pfarr den Titel „Komm doch mal rüber“ von Ingrid Peters, in dem die Sängerin ganz locker ihre Nachbarin fragt, was man denn so von ihrer neuen Männerbekanntschaft sagt. Vom gleichen Schlag war Juliane Werding mit „Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst“, die sich selbstbewusst im Skat gegen ein paar herablassende Herren durchsetzt, ja, so waren diese jungen Gören. Und dann hielt die NDW Einzug und stellte sowieso alles auf den Kopf. Mit den Schlagerklischees wurde gespielt, sie wurden parodiert und persifliert und Deutsch als Singsprache war plötzlich in. Daneben hatten Interpreten wie Pur, Purple Schulz oder die Münchener Freiheit (für deren Songs ich eine große Schwäche hege) eingängige Hits, die nicht zu dieser Welle gehörten und trotzdem nicht richtig dem Schlager zuzurechnen waren, aber unbeschadet in jedem Mainstreamsender laufen konnten. Und schließlich gab es noch die ambitionierteren Musiker (Grönemeyer, Müller-Westernhagen oder der vortreffliche Stefan Waggershausen), die es schafften, deutsche Texte mit Tiefgang zu schreiben und sogar vom Feuilleton ernst genommen wurden. So gab es um die Zeit der Wiedervereinigung tatsächlich eine einigermaßen nennenswerte Deutschpoplandschaft, die im neuen Jahrtausend noch wachsen sollte. Doch diese Entwicklung findet man im Buch nicht mehr, weil es bereits 1997 erschien. Auch die Schlagerkünstler der DDR finden meines Wissens keine Erwähnung, was ich schade finde, da durch die Forderung, quer durch alle Genres ausschließlich auf Deutsch zu singen, die Texte m. E. von höherer Qualität als im „Westen“ waren und insgesamt der Übergang von Schlager zu Pop/Rock noch fließender.

Da zu „Ein Festival im Kornfeld“ kaum Informationen im Internet zu finden sind, konnte ich für meinen Post nur meine Erinnerungen heranziehen und die sind nach über acht Jahren natürlich sehr lückenhaft. Ich weiß jedenfalls, dass ich das Buch damals mit großem Vergnügen gelesen habe und so dürfte es nicht nur Schlagerfans gehen. Wer es noch irgendwo antiquarisch auftreiben kann, sollte es sich nicht entgehen lassen, denn Schlager sind doch für die Meisten ein Teil des Lebens, ob man es will oder nicht. Man kann sie lieben oder hassen, aber jeder hat wohl mal einen schwachen Moment, in der er sich ihrem seltsamen Charme nicht entziehen kann.

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