Ein Monat - ein Buch

Dezember 2009: Charles Maturin – Melmoth the Wanderer

Als Oscar Wilde nach zwei Jahren Haft und Zwangsarbeit aus dem Zuchthaus von Reading entlassen wurde, war er zur Persona non grata geworden. Seine Verurteilung als Homosexueller hatte nicht nur seine Gesundheit, sondern auch seinen gesellschaftlichen Ruf zerstört, und er fühlte sich gezwungen, ein Pseudonym anzunehmen: Sebastian Melmoth, nach dem Märtyrer und nach dem Roman „Melmoth the Wanderer“, der von seinem Großonkel mütterlicherseits, Charles Maturin, verfasst wurde.

Quelle: barnesandnobles.com

Das Werk ist ein klassischer Vertreter der um 1800 so beliebten „Gothic novels“, ein Genre, das Horace Walpoles „Castle of Otranto“ begründet hatte und dann mit großem Erfolg von Ann Radcliffe und Matthew „Monk“ Lewis weitergeführt wurde, bevor es allmählich nach Deutschland und über den großen Teich schwappte. Als Maturin 1820 seinen Roman veröffentlichte, war der Trend schon ziemlich abgeflaut, nichtsdestotrotz erfreute er sich aber einer lang anhaltenden Beliebtheit. Balzac schrieb eine satirische Fortsetzung und der große H. P. Lovecraft fand in seinem Essay „Supernatural Horror in Literature“ viele lobende Worte für „Melmoth“:

Maturin at length evolved the vivid horror-masterpiece of Melmoth the Wanderer (1820), in which the Gothic tale climbed to altitudes of sheer spiritual fright which it had never known before. […] Maturin’s style in itself deserves particular praise, for its forcible directness and vitality lift it altogether above the pompous artificialities of which his predecessors are guilty. Professor Edith Birkhead, in her history of the Gothic novel, justly observes that with all his faults Maturin was the greatest as well as the last of the Goths.

Die Geschichte beginnt mit dem Studenten John Melmoth, der seinen sterbenden Onkel besucht, von dem er sich eine Erbschaft erhofft. In seinem Haus wird er auf einen Vorfahren aufmerksam, der auf einem Porträt aus dem Jahr 1646 dargestellt ist und trotzdem laut seinem Onkel noch auf Erden wandeln soll. Näheres zu diesem Unbekannten findet er im Manuskript eines gewissen Stanton, der auf der Suche nach dem untoten Melmoth war; er war ihm zuerst in Spanien begegnet und fand etwas Dämonenhaftes an dessen Person. Seine Suche wird als Wahnsinn abgetan und er kommt in eine Anstalt, wo ihn Melmoth besucht mit dem Angebot, ihm bei der Flucht zu helfen – aber nur unter bestimmten Bedingungen, die dem Leser vorenthalten werden, aber anscheinend unannehmbar für Stenton sein müssen. Nach der Lektüre hat John gespenstische Träum, selbst nachdem er das Bildnis verbrannt hat, und als in einer Sturmnacht an der Küste vor dem Haus des Onkels ein Schiff untergeht, glaubt er, Melmoth nahebei stehen zu sehen, ohne den Schiffbrüchigen Hilfe zu leisten.

He had, indeed, no leisure, for just then he descried, standing a few yards above him on the rock, a figure that shewed neither sympathy or terror,–uttered no sound,–offered no help. Melmoth could hardly keep his footing on the slippery and rocking crag on which he stood; the figure, who stood still higher, appeared alike unmoved by the storm, as by the spectacle. Melmoth’s surtout, in spite of his efforts to wrap it round him, was fluttering in rags,–not a thread of the stranger’s garments seemed ruffled by the blast. But this did not strike him so much as his obvious insensibility to the distress and terror around him, and he exclaimed aloud, ‚Good God! is it possible that any thing bearing the human form should stand there without making an effort, without expressing a feeling, for those perishing wretches!‘ A pause ensued, or the blast carried away the sound; but a few moments after, Melmoth distinctly heard the words, ‚Let them perish.‘

Der einzig Gerettete ist der Spanier Alonzo Monçada, der von John gesund gepflegt wird. Er erzählt, wie er in die Fänge der Inquisition geriet und in seiner Gefängniszelle von Melmoth besucht wurde, der ihm wie schon Stenton anbot, bei der Flucht behilflich zu sein. Es gelang ihm jedoch, bei einem Feuer aus seiner Zelle zu entkommen. Im nachfolgenden Verlauf findet er immer wieder Schriftstücke oder Personen, von denen er allmählich Melmoths Geschichte erfährt, wie dieser beispielsweise ein unschuldiges Mädchen auf einer Insel im Indischen Ozean verführt, das bei einem Schiffsunglück dort an Land gespült wurde und später zurück zu ihrer Familie nach Madrid zurückkehrt, wo sie ihren Geliebten heimlich heiratet. Dies führt später zu tragischen Verwicklungen. Am Ende des Romans später sehen John und Monçada den unsterblichen Wanderer endlich persönlich, als er plötzlich zu ihnen ins Zimmer tritt.

The figure stood at the door for some time, and then advancing slowly till it gained the centre of the room, it remained there fixed for some time, but without looking at them. It then approached the table where they sat, in a slow but distinctly heard step, and stood before them as a living being. The profound horror that was equally felt by both, was differently expressed by each. Monçada crossed himself repeatedly, and attempted to utter many prayers. Melmoth, nailed to his chair, fixed his sightless eyes on the form that stood before him – it was indeed Melmoth the Wanderer – the same as he was in the past century – the same as he may be in centuries to come, should the fearful terms of his existence be renewed. His ’natural force was not abated,‘ but ‚his eye was dim,‘ – that appalling and supernatural lustre of the visual organ, that beacon lit by an infernal fire, to tempt or to warn the adventurers of despair from that coast on which many struck, and some sunk–that portentous light was no longer visible – the form and figure were those of a living man, of the age indicated in the portrait which the young Melmoth had destroyed, but the eyes were as the eyes of the dead.

Das Schicksal dieses Faust-ähnlichen Charakters ist, dass niemand mit ihm tauschen will (selbst nicht die Verzweifelten, Eingesperrten wie Stenton oder Monçada), weil jedem seine Seele lieber ist als ein verlängertes Leben, an dessen Ende – denn auch Melmoths Leben neigt sich schließlich dem Ende zu – die ewige Verdammnis droht. Und dieser muss er sich hier, am Ort seiner Geburt, stellen.

Quelle: http://imgkid.com

Diesen Ort möchte Melmoth möglichst vermeiden (Detail aus dem Gemälde von Hieronymus Bosch)

Wie aus der Zusammenfassung ersichtlich, bietet der Roman alle Ingredienzen der klassischen Gothic Tale: Ein unbedarfter junger Mann, der unvermittelt in eine Gruselgeschichte gerät; Irrenhaus und Inquisition (also Folter); Verführung unschuldiger Jungfrauen, die dann in Ohnmacht fallen; ein Berg an Manuskripten, die wie eine Matroschka immer neue Geschichten präsentieren; ein unheimlicher, untoter Mann, der bei jedem Auftreten für Tod und Verderben sorgt; und schließlich drohende Höllenqualen. Freund der Gruselliteratur, was willst du mehr! Man sieht geradezu vor sich, wie die Menschen damals schaudernd im Licht einer flackernden Kerze fieberhaft die Seiten von „Melmoth“ umblätterten. Denn natürlich hat der Roman unwillkürlich etwas Verstaubtes an sich, er ist selbst wie einer dieser Manuskripte, die darin wiedergegeben werden, von denen man den Staub wegblasen muss. Dann findet man aber einen noch immer fesselnden Schmöker – der freilich manchmal unfreiwillig komisch ist, mich brachten die Szenen in der Irrenanstalt eher zum Lachen als zum Fürchten –, der zu Unrecht etwas in Vergessenheit geraten ist. Sein Einfluss auf nachfolgende Literatur ist nicht zu unterschätzen und allein der Titel beschwört schon dunkle Bilder herauf: Melmoth, der Wanderer … (der Name taucht übrigens auch im Schafskrimi „Glennkill“ auf). Ich hatte das Buch schon längere Zeit lesen wollen, wurde zu Hause mal wieder nicht fündig und nutzte dann die umfangreiche Universitätsbibliothek in Lancaster, woraufhin ich mich manchen Dezemberabend in meinen bequemen Stuhl an der Heizung kuschelte und mich Melmoths Wanderschaft anschloss.

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