Lieblingsbücher/Und dann war da noch

R. Burton, R. Cavendish, B. Stonehouse – Atlas der großen Entdecker

Wie in früheren Posts schon dargelegt, hege ich eine große Faszination für die kühnen Entdecker der Vergangenheit, die unerschrocken Leib und Leben aufs Spiel setzten, um möglichst alle weißen Flecken von den Landkarten zu tilgen oder um neue Länder samt ihrer Bewohner (oft als potenzielle Sklaven) und vermuteter Reichtümer für sich und ihre Herrscher zu reklamieren. Als moderner Mensch kann man sich kaum eine Zeit vorstellen, als man beispielsweise glaubte, die Landmasse sei von einem einzigen riesigen Ozean umgeben oder in fernen Teilen Afrikas und Asiens würden Wesen mit Augen auf der Brust, Einhörner, der Vogel Roch und andere Fabelwesen leben. Umso dankbarer muss man den Menschen sein, die sich aufmachten und Licht ins Dunkel brachten. Im „Atlas der großen Entdecker“ werden 30 der bekanntesten Vertreter dieser Zunft vorgestellt, oder eigentlich mehr, denn manchmal waren es auch zwei, die zusammen auf die Reise gingen: Lewis und Clarke beispielsweise, Burton und Speke, oder Burke und Wills. Ich bekam das Buch von meinem Vater zu Weihnachten geschenkt, als ich vielleicht 11 oder 12 war und las es immer wieder mit großer Begeisterung durch, weil ich die Biografien der zumeist männlichen Persönlichkeiten und die Beschreibungen ihrer Expeditionen so interessant fand. Als Jugendlicher verschlang ich viele Sachbücher zu den Themen Geschichte und Geografie und hier wurde beides perfekt kombiniert, sodass ich das in diesem blau eingebundenen Buch enthaltene Wissen geradezu aufsaugte.

Quelle: zvab.com

Quelle: zvab.com

Als erster „Entdecker“ wird Alexander der Große betrachtet, weil er mit seinen Eroberungszügen, die ihn bis zum Indus führten, das geografische Wissen der Nachwelt bedeutend vergrößerte. Gleichzeitig war er so etwas wie der Prototyp des rastlosen Menschen, der immer weiter muss und vorwärts drängt, perfekte Eigenschaften für einen Entdecker also. Ihm folgen Pytheas, der zur Zeit Alexanders als erster griechischer Geograf nach Großbritannien und möglicherweise sogar bis nach Island („ultima Thule“) gelangte, und Leif Eriksson, der 500 Jahre vor Columbus Amerika entdeckte. Im Buch werden die unterschiedlichen Motive für Entdeckungsfahrten deutlich: Neben den oben genannten wie Abenteuerlust, Neugier oder Landeroberung geschah es oft genug auch, um Handelsbeziehungen zu knüpfen (siehe Marco Polo), religiöse Stätten aufzusuchen (Ibn Battuta, der die gesamte islamische Welt des 14. Jahrhunderts durchreiste); in Leif Erikssons Fall war es sogar reiner Zufall, weil sein Schiff im Sturm vom Kurs nach Grönland abkam. In späteren Jahrhunderten kamen als Gründe Missionierung (etwa bei David Livingstone, dessen mehrjähriges Verschwinden in Zentralafrika eine Weile die halbe Welt in Atem hielt) oder sogar der Versuch einer Emanzipation hinzu, so bei Mary Kingsley, die allerdings auch unter afrikanischen Eingeborenen stets eine viktorianische Lady blieb.

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Quelle: ricardo.ch

Großen Dank an den Benutzer auf ricardo.ch, der sein Exemplar versteigerte und sich die Mühe machte, Fotos vom Inhalt hochzuladen!

Oft genug enden die Berichte mit einer tragischen Note, weil die Entdecker ihren Wagemut mit dem Leben bezahlen mussten. Über einen davon, Sir John Franklin, habe ich bereits in meinem Post zum Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ geschrieben. Am bekanntesten ist sicher das Schicksal von Robert Scott, der den Wettlauf zu Südpol gegen Roald Amundsen verlor und auf dem Rückweg zusammen mit seinen Begleitern an Erschöpfung, Hunger und Kälte starb. Ähnlich bewegend ist die Geschichte von Robert O’Hara Burke und William John Wills, deren Expedition als erste Australien von Süden nach Norden durchqueren sollte. Sie schafften es zwar bis zur Küste, doch unterschätzten insgesamt die Entfernung und Anstrengung, sodass sie die angelegten Vorratslager auf der Rückkehr nicht erreichten – insgesamt kamen sieben Männer ums Leben, einer überlebte glücklich durch die Hilfe von Aborigines. Überhaupt war Fehlplanung und mangelnde Vorbereitung, gerade was körperliche Fitness und Anpassung an extreme klimatische Verhältnisse anbelangte, ein Hauptgrund für das Scheitern von Expeditionen. Die Unterstützung der oft mit Misstrauen begegneten Ureinwohner war nicht selten die letzte Rettung, die kulturellen Unterschiede oder westliche Arroganz konnten aber wie im Fall von Captain James Cook oder Ferdinand Magellan auch tödliche Folgen haben.

Wenn es die Entdecker schließlich doch wieder glücklich in die Heimat schafften, hatten sie mit Misstrauen gegenüber ihren Berichten zu kämpfen oder stritten sich mit anderen um den Ruhm des „Ersten“: Robert Peary und Frederick Cook behaupteten beide, als erster Mensch am Nordpol gewesen zu sein (möglicherweise war es auch keiner von beiden), während sich Sir Richard Burton und John Hanning Speke nach ihrer gemeinsamen Suche der Nilquelle öffentlich bekriegten und einer die Leistung des anderen schmälerte. Entdecker sind eben eine besonders ehrgeizige Spezies, die ihren Ruhm ungern mit anderen teilen oder zugeben möchten, dass sie ihr erhofftes Ziel nicht erreicht haben.

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Quelle: ricardo.ch

Zwischen den sehr interessant geschriebenen und mit zahlreichen Karten und Abbildungen illustrierten Artikeln finden sich Abrisse über die Geschichte der Erkundung und Kartografierung der einzelnen Kontinente, über reisende Frauen oder die einhergehende Erfassung von Flora und Fauna (Paradebeispiel für den Allround-Entdecker ist Alexander von Humboldt). So erhält man einen schönen Gesamtüberblick, wie sich im Laufe der Zeit das „Welt“wissen der Menschheit immer mehr vergrößerte, auch wenn es noch lange einzelne Herausforderungen wie das Himalaja-Gebirge, das „leere Viertel“ auf der arabischen Halbinsel oder Teile Innerasiens gab, die erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Geheimnisse preisgaben. Bei der Erforschung schwer zugänglicher oder unwirtlicher Regionen war das Flugzeug ein unschätzbarer Helfer und ein Pionier auf diesem Gebiet, Richard Byrd, wird im Atlas ausführlich vorgestellt, bevor die Erstbesteiger des Mount Everest, Edmund Hillary und Tensing Norgay, das Buch beschließen. Nachdem die Welt nun bis in die letzte Ecke erkundet wurde, so die Autoren, richtet sich der Blick der Menschen auf den Weltraum, denn unsere Neugier und das Verlangen, zu wissen, was sich hinter der nächsten Wegbiegung, hinter dem nächsten Berg oder einfach „hinterm Horizont“ verbirgt, ist nach wie vor unstillbar und das englische Sprichwort „the sky’s the limit“ gilt längst nicht mehr. Genauso wichtig ist es aber, unsere Erde zu schützen, nun, da wir um ihre Größe, Schönheit undd Verletzlichkeit wissen. Heute geht es nicht mehr darum, sie zu erobern, sondern zu bewahren.

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