Und dann war da noch

Oscar Wilde – Das Gespenst von Canterville/ The Canterville Ghost

Diese hübsche kleine Geschichte war mein erster Kontakt mit meinem später so verehrten Oscar. Mein Vater schenkte mir aus seinem reichen Fundus englischsprachiger Bücher ein schmales Heft mit „The Canterville Ghost“ – leider waren meine Englischkenntnisse damals noch viel zu gering, um Oscar Wilde im Original zu lesen. Ich tat aber mein Bestes und lieh mir aus der Bücherei die Geschichte auf Deutsch aus, sodass ich sie in beiden Sprachen parallel lesen konnte. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mich bemühte, den englischen Text laut zu lesen und an der Aussprache vieler Wörter verzweifelte. Die Sätze ergaben kaum einen Sinn für mich, zum Beispiel die Stelle, wenn sich das Gespenst voll Genugtuung an seine vergangenen Erfolge erinnert:

Never, in a brilliant and uninterrupted career of three hundred years, had he been so grossly insulted. He thought of the Dowager Duchess, whom he had frightened into a fit as she stood before the glass in her lace and diamonds; of the four housemaids, who had gone into hysterics when he merely grinned at them through the curtains on one of the spare bedrooms; of the rector of the parish, whose candle he had blown out as he was coming late one night from the library, and who had been under the care of Sir William Gull ever since, a perfect martyr to nervous disorders; and of old Madame de Tremouillac, who, having wakened up one morning early and seen a skeleton seated in an armchair by the fire reading her diary, had been confined to her bed for six weeks with an attack of brain fever, and, on her recovery, had become reconciled to the Church, and broken off her connection with that notorious sceptic, Monsieur de Voltaire. […] All his great achievements came back to him again, from the butler who had shot himself in the pantry because he had seen a green hand tapping at the window-pane, to the beautiful Lady Stutfield, who was always obliged to wear a black velvet band round her throat to hide the mark of five fingers burnt upon her white skin, and who drowned herself at last in the carp-pond at the end of the King’s Walk. With the enthusiastic egotism of the true artist, he went over his most celebrated performances, and smiled bitterly to himself as he recalled to mind his last appearance as „Red Reuben, or the Strangled Babe,“ his début as „Gaunt Gibeon, the Blood-sucker of Bexley Moor,“ and the furore he had excited one lovely June evening by merely playing ninepins with his own bones upon the lawn-tennis ground. And after all this some wretched modern Americans were to come and offer him the Rising Sun Lubricator, and throw pillows at his head!

Auch im Englischunterricht in der Schule lasen wir „Canterville Ghost“, wenn auch in einer sehr gekürzten und vereinfachten Fassung. Obwohl im eigentlichen Sinne keine „Kindergeschichte“, hat sie etwas altersloses an sich, weil der Humor von Jung und Alt verstanden werden kann, selbst wenn die Jüngeren Wildes feine Ironie und Anspielungen sicher noch nicht richtig registrieren. Als ich sie mir im vergangenen Jahr nach Anschaffung einer Wilde-Gesamtausgabe wieder zu Gemüte führt, war ich überrascht, welche Vielschichtigkeit sich hinter der vermeintlich simplen und vergnüglichen Geschichte verbirgt.

Quelle: barnesandnoble.com

Die Handlung dürfte hinlänglich bekannt sein: Der amerikanische Gesandte Otis kauft sich einen Landsitz in England und zieht mit seiner Familie dort ein, ungeachtet der Warnungen vor dem Hausgespenst, das dort seit Jahrhunderten sein Unwesen treiben soll. Mit ihrer typisch nüchternen Herangehensweise sagen sie dem Gespenst den Kampf an: Zunächst einmal wird der legendäre Blutfleck, der vom Mord Sir Simon de Cantervilles an seiner Gattin in der Bibliothek (wofür er mit einer ruhelosen Seele gestraft wurde) zeugt, mittels Fleckenentferner beseitigt – „Pinkerton schafft alles!“, wie Washington Otis stolz verkündet. Zwar taucht der Fleck beharrlich jeden Morgen wieder auf, und das nicht nur in Rot, allerdings muss sich das Gespenst dabei des Malkastens von Virginia Otis bedienen. Gegen das nächtliche Rasseln der Ketten empfiehlt ihm Mr Otis ein Schmierfett, er wird mit dem Gartenschlauch bespritzt und die Zwillinge der Familie spielen ihm einen bösen Streich, als sie einen „Geist“ aus einem beleuchteten Kürbis und einem Bettlaken basteln, der das Canterville-Gespenst zu Tode erschreckt. Es ist ein köstlicher Kampf der Kulturen, die modernen und rational eingestellten Amerikaner haben eben einfach keinen Sinn für düstere Stimmungen, gruslige Geräusche und unheimliche Erscheinungen. Das Gespenst gibt schließlich klein bei und wagt sich kaum noch aus seinem Unterschlupf, bis es eines Tages zufällig von Virginia entdeckt wird, die ihm hilft, seinen Frieden zu finden und den Fluch zu heben – Zeichen dafür ist ein verdorrter Mandelbaum, der wieder zu blühen beginnt. Ganz nebenbei erobert die tapfere kleine Amazone auch noch das Herz eines jungen Herzogs und handelt damit so wie viele amerikanische Erbinnen, die durch eine Heirat Geld in alte englische Adelshäuser brachten und im Gegenzug einen höheren gesellschaftlichen Status erlangten.

Die Seitenhiebe auf die englischen und amerikanischen Wesenszüge („we have really everything in common with America nowadays, except, of course, language“) sind fabelhaft und haben wahrscheinlich auch über 120 Jahre später nichts an ihrer Gültigkeit eingebüßt. Mit dem Gespenst von Sir Simon de Canterville hat Oscar Wilde eine tragische Figur par excellence geschaffen, die verzweifelt seine altgewohnten Traditionen verteidigt und vom frischen Wind der Moderne einfach weggeweht wird. Gleichzeitig will er eigentlich nicht herumspuken, sondern hat eine tiefe Sehnsucht nach der ewigen Ruhe des Todes:

„Yes, death. Death must be so beautiful. To lie in the soft brown earth, with the grasses waving above one’s head, and listen to silence. To have no yesterday, and no to-morrow. To forget time, to forget life, to be at peace. You can help me. You can open for me the portals of death’s house, for love is always with you, and love is stronger than death is.“

Neben den „gewichtigeren“ Werken Oscar Wildes (den Theaterstücken, „The Picture of Dorian Gray“) werden seine zauberhaften Märchen und Erzählungen gern vergessen. Aber er hatte von seinem Vater früh die irische Kunst des Geschichtenerzählens gelernt und zusammen mit seinem typischen satirischen Witz und seinem Gespür für das perfekte Epigramm hat er etwas Unvergängliches geschaffen, das hoffentlich noch vielen Kindern/Jugendlichen den Weg zu diesem fantastischen Autor bereitet.

He made me see what Life is, and what Death signifies, and why Love is stronger than both.

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