Ein Monat - ein Buch/Lieblingsbücher

September 2014: Richard Adams – Watership Down

Bei all den Büchern, die ich jedes Jahr lese – früher waren es über 90, heute schaffe ich nur noch rund 50 im Jahr –, empfinde ich es immer wieder als Geschenk, wenn sich darunter eines findet, das ich auf meine Liste der Lieblingsbücher setzen kann. Es kommt natürlich nicht sehr oft vor und irgendwie sind die Bücher, die einem am meisten am Herzen liegen, aus der Kindheit und Jugendzeit; je älter man wird, desto rationaler scheint man alles zu sehen und lässt sich nicht mehr so leicht von etwas wirklich begeistern. Aber hin und wieder kommt es noch vor, dass ich während der Lektüre merke, wie sehr ich das vor mir liegende Buch mag, dass ich mich jeden Tag darauf freue, es zu lesen und dass ich mir wünsche, es würde nicht enden. Und so etwas erlebte ich im letzten Herbst mit „Watership Down“.

Quelle: http://www.library.wisc.edu 

So wunderschön wie der Inhalt ist auch die Titelillustration

Mit dem Titel verband ich zuerst ein Szenenfoto aus der Trickfilmversion (im Deutschen „Unten am Fluss“), wobei ich diese nicht gesehen hatte, nur irgendwo einmal das Bild. Was ich allerdings gesehen hatte, war die Serie „Als die Tiere den Wald verließen“, die mir als sehr traurig und furchterregend in Erinnerung geblieben ist, und früher dachte ich, beide wären ein und dasselbe, womit ich insofern nicht ganz unrecht hatte, da in beiden Tiere durch das menschliche Eingreifen in die Natur dazu gezwungen werden, sich eine neue Heimat zu suchen. In „Watership Down“ ist es eine Gruppe von Kaninchen, die sich auf den Weg macht, angeführt vom mutigen Hazel. Auslöser ist eine Vision, die sein Bruder Fiver hat: eigentlich ein ängstliches und wenig angesehenes Kaninchen, zeichnet sich Fiver durch diese Gabe aus. Er weiß nicht genau, was den Bau bedroht, aber fühlt, dass sie ihn sofort verlassen müssen, anderefalls werden sie ihr Leben verlieren. Doch der „Häuptling“ des Baus (es gibt eine strenge Hierarchie einschließlich einer Art von Polizei- oder Soldatengruppe, die „Owsla“) glaubt ihm nicht und so müssen sie sich heimlich davon machen, nur neun weitere Kaninchen schließen sich ihnen an. Wie recht Fiver hat, zeigt sich am nächsten Tag, als Menschen, die auf der Wiese eine Wohnsiedlung aufbauen wollen, sämtliche Löcher des Kaninchenbaus verstopfen und dann Gas einleiten … Zu dieser Zeit haben Hazel und seine Gruppe schon einen für ihre Verhältnisse langen und gefährlichen Weg hinter sich. Überall lauern Feinde: Menschen, Raubvögel, Hunde, ganz zu schweigen von ihrem Erzfeind, dem Fuchs. Neuen Mut schöpfen sie aus Geschichten, besonders Dandelion ist sehr gut im Erzählen. Ihr großer, mythischer Held heißt El-ahrairah, von dem es zahlreiche Legenden gibt und der sich durch Schlauheit, Einfallsreichtum und Kühnheit auszeichnet. Einfallsreichtum kommt auch den Kaninchen auf ihrer Reise zugute, beispielsweise beim Überqueren eines Flusses, wo Blackberry das Prinzip eines Boots entdeckt, was den Verstand der anderen übersteigt:

The board tipped. Pipkin squealed and Fiver lowered his head and splayed his claws. Then the board righted itself and drifted out a few feet into the pool with the two rabbits hunched upon it, rigid and motionless. It rotated slowly and they found themselves staring back at their comrades. „Frith and Inlé!“ said Dandelion. „They’re sitting on the water! Why don’t they sink?“ „They’re sitting on the wood and the wood floats, can’t you see?“ said Blackberry. „Now we swim over ourselves. Can we start, Hazel?“

Sie finden einen bereits bestehenden Bau, dem sie sich zunächst anschließen, doch die dort lebenden Kaninchen verhalten sich merkwürdig und bald stellt sich heraus, was der Grund dafür ist (wieder steckt der Mensch dahinter, mit einer sehr perversen Einrichtung). Also müssen sie weiterziehen, bis sie schließlich einen idealen Ort gefunden haben („Watership Down“, ein wirklich existierender Hügel im englischen Hampshire), um selbst einen neuen Bau zu gründen. Allerdings stehen sie nun vor einem Problem: sie haben keine Weibchen dabei, die zum Fortbestehen und Vergrößern der Gruppe unerlässlich sind. Hazel verfällt auf den Gedanken, von einem Bauernhof in der Nähe einige Stallkaninchen zu befreien, doch als dies nicht den erhofften Erfolg hat, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als einige Weibchen aus dem diktatorisch geführten Bau Efrafa von General Woundwort zu entführen, ein unglaubliches Unternehmen, bei dem sie in Lebensgefahr geraten und das die atemlose Klimax der Handlung darstellt. Doch erst ein gefährlicher Plan von Hazel sichert am Ende das Überleben des neuen Baus unten am Fluss …

Das Faszinierende an „Watership Down“ ist, wie der Autor einen ganz Kosmos der Kaninchen entworfen hat, mit ihrer eigenen Sprache „Lapine“, von der einzelne Ausdrücke erklärt und im Text verwendet werden (z. B. „silflay“, das Grasen unter freiem Himmel, oder „hrududu“, das Auto), mit ihren Gebräuchen und Überlieferungen und ihrer Weltwahrnehmung. Ein schönes Beispiel ist der Bericht von Holly, wie sie als kleiner Erkundungstrupp von einigen Efrafa-Tieren verfolgt werden und durch eine ihnen übernatürlich vorkommende Erscheinung gerettet werden:

„It’s going to be very hard to describe to you what happened next. Although all four of us were there, we don’t understand it ourselves. But what I’m going to say now is the cold truth. Lord Frith sent one of his great Messengers to save us from the Efrafan Owsla. Each one of us had fallen over the edge of the bank in one place or another. Buckthorn, who was half blinded with his own blood, went down almost to the bottom. I’d picked myself up and was looking back at the top. There was just enough light in the sky to see the Efrafans if they came over. And then — then an enormous thing — I can’t give you any idea of it — as big as a thousand hrududil — bigger — came rushing out of the night. It was full of fire and smoke and light and it roared and beat on the metal lines until the ground shook beneath it. It drove in between us and the Efrafans like a thousand thunderstorms with lightning. I tell you, I was beyond being afraid. I couldn’t move. The flashing and the noise — they split the whole night apart. I don’t know what happened to the Efrafans: either they ran away or it cut them down. And then suddenly it was gone and we heard it disappearing, rattle and bang, rattle and bang, far away in the distance. We were completely alone.“

Lord Frith“ ist die Sonne, die oberste Gottheit sozusagen, der Herr und Schöpfer der Welt und die Verkörperung alles Guten. Sein Gegenteil ist „Inlé“, der für den Mond und das Dunkle steht – daher der Ausruf „Frith and Inlé!“ im oben angeführten Zitat als Ausdruck äußerster Verwunderung. Andere schöne Wendungen sind „Frith on a hill!“ oder „Frith in a barn!“, die ich ein wenig in mein Vokabular milderer Flüche eingegliedert habe. Überhaupt gefiel mir die Sprache der Kaninchen sehr gut, sie ist sehr bildhaft, aber auf gewisse Weise auch poetisch und ich übersetzte sie manchmal für mich ins Deutsche, um ein besseres Gefühl dafür zu entwickeln. Außerdem macht der Autor nicht den Fehler, die Geschichte simpel darzustellen, als würde es sich um ein reines Kinderbuch handeln. So stellt er jedem Kapitel ein literarisches Zitat vor, und keine Leichtgewichte, von Aeschylus über Shakespeare bis Austen und Tennyson sind viele große Namen dabei, und der Roman selbst wurde mit Homers Epen verglichen, wie die Kaninchen ausziehen, zahlreiche Abenteuer bestehen und sich ihren Platz in der Welt erkämpfen. Es findet keine Verniedlichung der Tiere statt, wohl aber eine gewisse Vermenschlichung, da jedes Individuum einen Namen und eine Persönlichkeit hat: Bigwig und Silver sind die Draufgänger und Kämpfer, Blackberry der Schlaue, Pipkin der Ängstliche, Bluebell der Witzbold usw. Fiver erweist sich fast als eine Art Schamane mit seiner Gabe, Dinge während eines Trancezustands vorauszusehen. Einiges würde so möglicherweise nicht in der Realität geschehen, etwa die Freundschaft zwischen den Kaninchen und einer verletzten Möwe, die sie gesund pflegen und die ihnen aus Dankbarkeit bei ihrer Suche nach Weibchen hilft; laut Adams gibt es eine Sprache, die allen Tieren gemein ist und mit der sich auch so unterschiedliche Arten verständigen können, wenn auch auf sehr einfache Weise.

Quelle: artvalue.com 

Zeichnung von John Lawrence für die Erstausgabe

Trotzdem bleiben die Kaninchen stets als instinktiv handelnde Tiere erkennbar und Adams gibt sich viel Mühe, dem Leser ihre Lebensweise näher zu bringen:

To rabbits, everything unknown is dangerous. The first reaction is to startle, the second to bolt.

[…]

Many rabbits spend all their lives in the same place and never run more than a hundred yards at a stretch. Even though they may live and sleep above ground for months at a time, they prefer not to be out of distance of some sort of refuge that will serve for a hole. They have two natural gaits — the gentle, lolloping forward movement of the warren on a summer evening and the lightning dash for cover that every human has seen at some time or other. It is difficult to imagine a rabbit plodding steadily on: they are not built for it. It is true that young rabbits are great migrants and capable of journeying for miles, but they do not take to it readily. Hazel and his companions had spent the night doing everything that came unnaturally to them, and this for the first time. They had been moving in a group, or trying to: actually, they had straggled widely at times. They had been trying to maintain a steady pace, between hopping and running, and it had come hard. Since entering the wood they had been in severe anxiety. Several were almost tharn — that is, in that state of staring, glazed paralysis that comes over terrified or exhausted rabbits, so that they sit and watch their enemies — weasels or humans — approach to take their lives.

In meinen Augen ist „Watership Down“ daher viel mehr als ein Kinderbuch, wobei man die richtig guten ja daran erkennt, dass man sie ungeachtet des Alters immer mit einem großen Vergnügen und Genuss lesen kann. Ich habe Hazel und die anderen in mein Herz geschlossen und vergoss auch etliche Tränen, als „Hazel-rah“, wie er respektvoll genannt wird, am Ende seiner Tage von einem fremden Kaninchen abgeholt wird, auf dass er sich der Owsla von El-ahrairah anschließe. Ich glaube, dass das Buch in Deutschland noch viel zu wenig bekannt ist – jedenfalls bin ich früher nie darauf gestoßen, und ich habe die Regale der Kinder- und Jugendbibliothek sehr gründlich abgegrast –, umso schöner ist es, dass ich es in England entdeckt habe und für die Dauer der Lektüre auch wieder ein bisschen Kind sein durfte.

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