Ein Monat - ein Buch

Michail Scholochow – Der stille Don

Die großen russischen Epen des 19. Jahrhunderts von „Anna Karenina“ bis „Schuld und Sühne“ gehören zum festen Kanon der Weltliteratur und werden nach wie vor auf der ganzen Welt viel und gern gelesen. Mit dem 20. Jahrhundert und dem Einzug des Sozialistischen Realismus änderte sich das, die russische und später sowjetische Literatur wurde politisch und dadurch fast automatisch für die einen zur Pflichtliteratur (welcher DDR-Schüler erinnert sich nicht gern an „Wie der Stahl gehärtet wurde“) und für die anderen zur verpönten kommunistischen Propaganda. Mir fallen auf Anhieb nur zwei Autoren ein, die beide auch jenseits des Eisernen Vorhangs Anerkennung und sogar den Nobelpreis erhielten, Boris Pasternak und Alexander Solschenizyn. Und eben Michail Scholochow, der 1965 für „Der stille Don“ ausgezeichnet wurde. Dennoch habe ich das Gefühl, dass dieses große Werk heute etwas in Vergessenheit geraten ist, was äußerst schade wäre, denn ich habe die vier Bände mit großer Emotionalität und Spannung gelesen und der Autor steht einem Tolstoi oder Dostojewski in nichts nach.

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Quelle: local24.de

Nicht „meine“ Ausgabe, aber sehr hübsch

„Der stille Don“ beschreibt die Welt der Kosaken von den Ufern des titelgebenden Flusses und wie ihr von jahrhundertealten Traditionen geprägtes Leben durch den 1. Weltkrieg und die Oktoberrevolution aus den Fugen gerät. Im Mittelpunkt stehen Grigori „Grischa“ Melechow und seine Liebe zur verheirateten Axinja, seiner Nachbarin im Dorf Tatarsk, die von ihrem Mann Stepan äußerst schlecht behandelt wird. Die Affäre endet nicht, als Grischa mit Natalja verheiratet wird, er flieht sogar mit seiner Geliebten und kommt später nur zurück, weil Axinja ihn betrügt. Und dann bricht der Krieg aus und Grischa wird eingezogen. Zwar bringt Natalja Zwillinge auf die Welt, doch die Ehe gestaltet sich dadurch nicht glücklicher. Grischa muss als Soldat in der zaristischen Armee kämpfen, schließt sich später den Bolschewiki an und wechselt dann auf die Seiten der Weißen Armee. Er sehnt sich eigentlich nur nach Frieden und einem Leben in Tatarsk mit Axinja – die Beziehung zu ihr reißt nie ab –, doch die Unruhen der Revolution lassen dies nicht zu. Als Offizier der Weißen Armee muss er sich nach deren Niederlage auf Betreiben seines bolschewikischen Schwagers für sein Tun verantworten. Aber im Grunde ist er weder ein Weißer noch ein Roter, sondern ein bodenständiger Kosak, der miterleben muss, wie sein Volk bei der Revolution unter die Räder gerät.

Seit Veröffentlichung des Romans 1928 gibt es Gerüchte, dass der Autor sein Werk plagiiert hat und die Vorwürfe kamen im Laufe der Jahre immer mal wieder hoch, wie ein Artikel im „Spiegel“ aus dem Dezember 1974 zeigt:

Als wahrer Urheber des Werks, für das Scholochow 1965 den Nobelpreis erhielt, wird ein im Bürgerkrieg umgekommener Schriftsteller namens Fjodor D. Krjukow, Sohn eines Kosakenoffiziers, namhaft gemacht.

Während manche diesen Behauptungen entrüstet entgegentraten, dementierte Scholochow selbst sie kaum und soll sich inoffiziell sogar für sein Plagiat entschuldigt haben. Einige halten den Autor für zu jung (bei Erscheinen des ersten Teils war er erst 23) und literarisch nicht bewandert genug, um ein solch meisterhaftes Mammutwerk allein verfasst zu haben, sodass eine geteilte Autorenschaft möglich sein könnte, wobei der ranghohe Funktionär Scholochow den ganzen Ruhm einheimste. Ein Grund für die Zweifel ist, dass sich die kritische Sicht auf den Bolschewismus in „Der stille Don“ nicht mit der regimefreundlicheren Haltung in Scholochows zweitem bekannten Werk „Neuland unterm Pflug“ deckt. Eine These geht sogar dahin, dass Texte politisch unerwünschter Autoren verwendet und kompiliert worden seien, die dann unter dem Namen eines Vorzeigesowjets herausgebracht wurden. Das wäre dann allerdings ein Betrug gigantischen Ausmaßes.

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Quelle: akpool.de 

Pjotr Glebow als Grigori in der sowjetischen Verfilmung von 1957

Wie dem auch sei, der Autor erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den Stalin- und Leninpreis und wie erwähnt, auch den Nobelpreis für Literatur. Als ich „Der stille Don“ las, wusste ich nichts von den Plagiatsvorwürfen, sodass mein Urteil davon nicht beeinflusst wurde. Für mich war es einfach ein weiteres dieser wunderbaren Epen, so weit wie die Steppen am Don und voller gefühlvoller Darstellungen der dort lebenden Menschen und ihren inneren und äußeren Kämpfen. Der Grausamkeit des Krieges stehen dabei die Schönheit des Kosakengebiets und die ewige Ruhe des Dons gegenüber. Als jemand, der mit dem Verlauf des russischen Bürgerkriegs nicht vertraut ist (das gleiche gilt auch für den amerikanischen), ist es teilweise schwierig, der damit verbundenen Handlung zu folgen, ohne den Überblick zu verlieren, wer jetzt gegen wen wo gekämpft hat. Deshalb lasen sich die Bände 2 bis 4 etwas mühsamer als der erste, der nur in der kleinen Welt des Tatarendorfs spielt. Es ist eine ziemlich traurige Geschichte, in der die Charaktere mal leidenschaftlich gegen ihr Schicksal rebellieren, mal sich resignierend dem Lauf des Lebens hingeben. Spätestens im 3. Band musste ich auch ständig zum Taschentuch greifen, weil beispielsweise Natalja an den Folgen einer Abtreibung stirbt, Exekutionen vorgenommen werden oder Grischas Bruder Petro auf dem Schlachtfeld umkommt. Solche breit angelegten Bücher graben sich mir besonders tief im Gedächtnis ein, weil ich ein emotionaleres Verhältnis zu ihnen entwickle, aus diesem Grund liebe ich auch „Krieg und Frieden“ so. „Der stille Don“ steht diesem kaum nach und wer sich darauf einlässt, wird nicht enttäuscht werden.

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