Ein Monat - ein Buch

Januar 2009: Richard Yates – Das Jahr der leeren Träume

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, bemühe ich mich, vor einer Literaturverfilmung das Buch gelesen zu haben – soweit mir bewusst ist, dass es eine Romanvorlage gibt, oft genug ist dem Zuschauer das gar nicht klar, weil der Film die Vorlage an Bekanntheit übersteigt. Aber als Anfang 2009 „Revolutionary Road“ ins Kino kam, wurde explizit erwähnt, dass er auf einen Roman beruht, und natürlich durfte ich ihn nicht verpassen, wurde doch viel Werbung damit betrieben, dass hier endlich wieder das „Traumpaar“ Kate Winslet und Leonardo DiCaprio gemeinsam auf der Leinwand zu bewundern wären. Als „Titanic„-Fan und überzeugter Kate-Verehrer (ich halte sie für eine der großartigsten Schauspielerinnen überhaupt, dazu eine klassische Schönheit ohne falsche Eitelkeit) war der Film also ein absolutes Muss für mich. Aber davor stand das Lesen und das war gar nicht so einfach – nicht die Lektüre an sich, aber das Finden des Buches. In der Bibliothek gab es eines vom Autor Richard Yates, aber mit dem Titel „Das Jahr der leeren Träume“ und der Film lief in Deutschland als „Zeiten des Aufruhrs“. Sollte es sich trotzdem um das Gesuchte handeln? Das Internet und ein Blick ins Buch bewiesen: Ja, die ursprüngliche Übersetzung erschien als „Jahr der leeren Träume“. Also dann, ran an die Lektüre, bevor es ins Kino ging. Richard Yates war übrigens lange eine Art Geheimtipp, sodass es ganz gut war, dass die starbesetzte Verfilmung die Aufmerksamkeit wieder auf ihn lenkte.

url

Quelle: amazon.de

Gute alte Volk und Welt-Ausgabe

Sowohl Film als auch Roman haben die Eigenschaft, den Rezipienten völlig deprimiert zurückzulassen. Erzählt wird die Geschichte des Ehepaars April und Frank Wheeler, die mit zwei Kindern und Eigenheim eine perfekte Vorstadtidylle der 50er Jahre leben. Sie glauben, weniger spießig und dafür intellektueller als die Nachbarn zu sein, weil sie vor ihrer Ehe ein Bohemien-Dasein in Greenwich Village führten, doch irgendwann müssen sie sich eingestehen, dass es damit nicht mehr weit her ist. Vor allem April ist frustriert von ihrem klassischen Hausfrauendasein, sie hat sich immer als Schauspielerin gesehen, doch ihre Ambitionen kann sie nur noch in einer Laienspielgruppe ausleben. Frank fühlt sich durch seinen monotonen Bürojob ebenfalls alles andere als erfüllt. Ihre Unzufriedenheit schlägt sich auch auf die Ehe nieder, es kommt zu vermehrten Streitigkeiten und Frank beginnt eine Affäre mit einer Kollegin. Beiden Partnern ist bewusst, dass sich etwas ändern muss und April sieht die Zeit gekommen, endlich ihren Jugendtraum in die Tat umzusetzen und mit der ganzen Familie nach Paris umzuziehen, das ihr wie die goldene Verheißung von allem scheint, was ihr jetziges Leben nicht hat: Freiheit, Glamour, Bestätigung als Schauspielerin, ein Neuentfachen der alten Leidenschaft zwischen ihr und Frank, dessen Widerwillen gegen die momentane Situation doch ebenso groß ist wie ihrer. Zunächst stimmt er dem Plan zu und allein die Aussicht auf einen Neustart bringt frischen Wind in die Beziehung. Außerdem sorgen sie für Aufsehen in der Nachbarschaft, vor allen bei dem befreundeten Ehepaar Campbell, das bereits einmal einen solchen von den Wheelers angestrebten Ausbruchversuch aus dem ewigen Alltagstrott unternommen hat, nicht unbedingt mit positiven Folgen. Aprils Vorfreude wird auf einen Schlag zunichte gemacht, als sie bemerkt, dass sie ein Kind erwartet. Sie möchte abtreiben, doch gleichzeitig steigt Frank in der Karriereleiter auf und findet nun viel mehr Gefallen an seiner Arbeit, sodass er keinen akuten Grund mehr für einen Wechsel sieht. Ihm kommt Aprils Schwangerschaft ganz recht, daher versucht er sie zu überreden, das Kind zu behalten. April reagiert mit zwei Kurzschlusshandlungen: Sie schläft mit Nachbar Campbell und versucht, das Baby selbst abzutreiben, mit fatalen Folgen …

Doch das Schlimmste – das Schlimmste an diesem ganzen Wochenende, wenn nicht gar in seinem bisherigen Leben – war der Blick, mit dem April ihn bedachte. Er hatte noch nie einen solchen Ausdruck mitleidiger Langeweile in ihren Augen gesehen.

Die Hölle der amerikanischen Vororte wurde oft genug in Film und Literatur beschrieben, sie scheint mir die Garantie des Unglücks und der Monotonie zu sein, zumal in den ohnehin beengten 50er Jahren. Deshalb konnte ich mich gut mit April identifizieren, die sich mit Ende 20 fragt, ob das schon alles war, ob sie ihr Leben bis zum Ende so weiterleben muss und ihre Entscheidung bereut, ihre Karriere für Frank beendet zu haben. Dieser scheint ihre Bemühungen um eine Lebensalternative zu unterstützen, doch nur solange, wie es ihm in den Kram passt – kaum geht es ihm besser, stellt er die klassischen Machtverhältnisse wieder her, dass die Frau nichts zu bestimmen hat und sie sich dem Mann unterzuordnen hat. Obendrein will er ihr noch einreden, dass sie psychische Probleme hätte, weil sie ihre Schwangerschaft abbrechen möchte und löst dabei erst recht eine Krise bei ihr aus, die sich als Ventil die Affäre mit dem Nachbarn sucht. Der charmante, aber oberflächliche Frank ist ein Möchtegern-Revoluzzer, der seinen 9-to-5-Job und die Sicherheit eines stromlinienförmigen Lebens erst ablehnt und sich dann doch von ihren Vorzügen einlullen lässt. Ein sehr interessanter Charakter ist der psychisch kranke John Givings, den seine Mutter zu den Wheelers mitbringt: Er ist wie der Narr, der die Wahrheit spricht, als er unverhohlen seine Verachtung des schönen Scheins, hinter der sich Tragödien abspielen, ausdrückt und Frank wie zum Spaß unterstellt, er hätte April mit Absicht geschwängert, um ihr im Zweifelsfall die Schuld in die Schuhe zu schieben, dass er in der Familienfalle sitzt – weil er vor der Alternative, dem Ausbruch, zu viel Angst hat. Die „Revolutionary Road“, auf der die Familie lebt, ist nur ein leerer Name.

„Der Mann“, wiederholte er, „ist geistesgestört. Weißt du, wie man Geistesgestörtheit definiert?“
„Nein. Du?“
„Ja. Als Unfähigkeit, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Es ist die Unfähigkeit zur Liebe.“
Sie begann zu lachen. Sie legte den Kopf zurück, ließ zwei perfekte Zahnreihen sehen und kniff die schimmernden Augen zusammen, während Welle um Welle ihres Gelächters durchs Zimmer schallte.

Richard Yates gelang es beim Erscheinen des Werks 1961, seinen Zeitgenossen einen Spiegel vorzuhalten und erhielt dafür Kritik (getroffene Hunde bellen), aber auch viel Lob von seinen Kollegen. Das eigentlich Deprimierende an dem Buch ist nicht nur das Gefühl der Resignation, das sich beim Lesen ausbreitet, sondern die Erkenntnis, dass Aprils vermeintlicher Heilsplan gar nicht so genial ist: Hätte sich die Ehe wirklich erholt, wenn sie nach Paris gezogen wären? Und denken sie bei ihrer neu entdeckten Spontanität nur einmal an ihre zwei Kinder? Vielleicht ist es wirklich so, dass man beim Erwachsenwerden allmählich seine Träume begraben und sich den Mantel der Vernunft anziehen muss, weniger egoistisch und dafür verantwortungsbewusster werden muss. Kein Wunder, dass sich so viele Menschen dagegen sträuben. Sowohl Roman als auch Film bieten reichlich Stoff zum Nachdenken, wobei mir der Schock über das unvermeidliche Ende, den ich beim Lesen erhielt, ein ähnlich tiefes Gefühl beim Ansehen ersparte. Aber traurig bleibt das Werk immer und unvergesslich und unbedingt zu empfehlen.

Quelle: nytimes.com

Not so happy ever after.

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s