Ein Monat - ein Buch

Mai 2004: Eberhard Fechner – Die Comedian Harmonists

Ich liebe den Harmoniegesang hoher Männerstimmen und vielleicht wurde diese Vorliebe durch die CHs, wie ich sie liebevoll nenne, geweckt. Schon in meiner Kindheit hörte ich Freitagabend gern eine Sendung namens „Evergreen Show“ („diesen Freitag wie jeden Freitag“, verkündete der Moderator stets, bis er im Zuge einer Programmreform abgesetzt wurde), in der die guten alten Schlager der 20er bis 50er gespielt wurden und seitdem habe ich ein Schwäche für diese mal frechen, mal schmalzigen Melodien. Irgendwann kaufte ich mir dann eine 3er-CD-Box mit Liedern der Comedian Harmonists und kann seitdem alle ihre wunderbaren Lieder mitsingen: „Wie wär’s mit Lissabon“, „Schöne Isabella von Kastilien“, „Wochenend und Sonnenschein“, „Ich hab für dich nen Blumentopf bestellt“, „Das ist die Liebe der Matrosen“ etc. pp. Aber das war, nachdem ich diese Biografie von Eberhard Fechner gelesen hatte, durch die ich ihre Geschichte und Mitglieder näher kennenlernte.

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Quelle: zvab.com

Der – nicht immer wirklichkeitsgetreue – Film „Die Comedian Harmonists“ (1997) von Joseph Vilsmaier, u. a. mit Ben Becker und Heino Ferch, ließ das Publikumsinteresse an dem Ensemble wieder aufleben und aus dieser Zeit stammte auch die Taschenbuchausgabe der Biografie, die ich las. Das Original wurde 1988 veröffentlicht, nachdem der Autor bereits in den 70ern eine Doku drehte, für die er Interviews mit den vier (von ursprünglich sechs) damals noch lebenden Mitgliedern führen konnte. Damit wurde die öffentliche Aufmerksamkeit wieder ein Stück weit auf die Gruppe gelenkt, nachdem sie – sicher auch bedingt durch ihre Zwangsauflösung durch die Nazis – eine Weile in Vergessenheit geraten war. Dabei waren sie Anfang der 30er nicht nur deutschlandweit Publikumslieblinge, nahmen zahlreiche Platten auf, gaben Gastspiele in Filmen und bis zu 150 Konzerte im Jahr, ihr Erfolg führte sie auch ins Ausland, wo sie genau so bejubelt wurden wie in der Heimat. Zudem sangen sie nicht nur die bis heute bekannten Schlager mit witzig-anspielungsreichen Texten wie „Veronika, der Lenz ist da“ oder „Mein kleiner grüner Kaktus“, ihr Repertoire umfasste auch Volkslieder („In einem kühlen Grunde“ kann einen zu Tränen rühren) und deutsche Fassungen englischer Songs, etwa „Ohne dich“ (im Original „Stormy Weather“). Außerdem nahmen sie einige ihrer Hits in Englisch und Französisch auf. Moderne Autoren bezeichnen sie manchmal spaßeshalber als „Erste Boygroup der Welt“ und auch wenn der Vergleich sicher etwas hinkt (haben die heutigen „Boys“ doch selten eine klassische Musik- oder Gesangsausbildung), die Zuneigung und Begeisterung des Publikums – nicht zuletzt des weiblichen – war ihnen sicher.

Angefangen hatte alles im Dezember 1927, als der Berliner Sänger Harry Frommermann eine Anzeige veröffentlichte:

Achtung. Selten. Tenor, Baß (Berufssänger, nicht über 25), sehr musikalisch, schön klingende Stimmen, für einzig dastehendes Ensemble, unter Angabe der täglich verfügbaren Zeit gesucht.

Ihm schwebte eine Gruppe vergleichbar mit dem amerikanischen Vokalensemble „The Revelers“ vor, von denen er sehr angetan war und deren Stil bislang einzigartig war. Zwar meldeten sich zahlreiche Bewerber, die ihn beim Vorsingen jedoch allesamt enttäuschten. Erst die Bekanntschaft mit Robert „Bob“ Biberti gab den entscheidenden Impuls und allmählich kamen die übrigen zukünftigen „Harmonists“ zusammen: Roman Cycowski, Asparuch „Ari“ Leschnikoff, Erich Abraham Collin sowie der Pianist Erwin Bootz. Die Anfangszeit war schwer, denn der später so mühelos erscheinende Harmonie- und A-cappella-Gesang (wobei vor allem Frommermann ein Meister im Instrumente-Imitieren war, wie im „Creole Love Song“ hörbar) musste erst entwickelt und perfektioniert werden, bevor sich die langen Proben durch erste Engagements endlich auch finanziell auszahlten – Ende der 20er ging es den wenigsten wirtschaftlich rosig und das Künstlerleben war von jeher ein hartes Brot. Nun bekamen sie auch ihren endgültigen Namen, zuvor hatten sie sich die „Melody Makers“ genannt. 1929 wurden sie endlich auch über die Grenzen Berlins bekannt und waren nicht mehr nur Teil von Revuen, sondern konnten mit der Zeit alleine die Konzertsäle füllen. Ihre Schallplatten verkauften sich hervorragend im In- und Ausland und nicht lange, so klopfte der Film an, z. B. sangen sie in „Die Drei von der Tankstelle“ das berühmte „Ein Freund, ein guter Freund“. So hätte es wunderbar weitergehen können, wenn nicht die Hälfte des Ensembles jüdisch gewesen wäre: Da ab Mai 1934 nur noch Mitglieder der Reichskulturkammer in Deutschland auftreten durften und „Nichtariern“ der Zugang dazu verwehrt blieb, erhielt die Gruppe quasi ein Auftrittsverbot. Nur Tourneen im Ausland waren ihnen noch möglich, doch eine Trennung wurde unvermeidlich, nachdem Biberti, Leschnikoff und Bootz ausdrücklich verboten wurde, „noch weiterhin mit diesen Nichtariern zu musizieren.“ Sie einigten sich darauf, zwei unabhängige Ensembles zu gründen, eines in Deutschland, das andere im Ausland. Damit wurde aus den Comedian Harmonists zum einen das rein arische „Meistersextett“ (undeutsche Namen waren jetzt verpönt) und zum anderen die „Comedy Harmonists“, die jeweils durch neue Mitglieder ergänzt wurden. Beide blieben bis ca. 1941 bestehen, bevor es aus verschiedenen Gründen wie internen Streitigkeiten und nicht zuletzt dem Krieg zum endgültigen Aus kam. Die frühere Magie der Originalbesatzung erreichten beide nicht, auch wenn das Meistersextett einen Hit mit „Ich wollt, ich wär ein Huhn“ landete und die Comedy Harmonists erfolgreiche Tourneen hatten. Häufig findet man auf den Samplern und Best Of-CDs auch Aufnahmen dieser zwei getrennten Gruppen unter dem früheren Namen, zumal er von der Exilgruppe noch bis 1937 weitergeführt wurde. In meiner erwähnten 3er-CD-Box habe ich z. B. ihr „Auf Wiedersehen, mein Fräulein“, das ich sehr gern mag. Übrigens war die letzte Veröffentlichung des ursprünglichen Ensembles der aussagekräftige Titel „Morgen muss ich fort von hier“ mit der Zeile „Wenn zwei gute Freunde sind, die einander kennen, Sonn und Mond bewegen sich, ehe sie sich trennen“. Das Schicksal wollte es anders.

Als sich Fechner in den 70ern auf Spurensuche begab, war Erich Collin bereits tot, und Gründer Harry Frommermann starb kurz vor den Dreharbeiten; seine Gesundheit war durch einen ständigen Existenzkampf angegriffen, da er sein Vermögen durch die Nazis verloren hatte. Ari Leschnikoff lebte verarmt und vergessen im kommunistischen Bulgarien, seiner Heimat – er hatte aufgrund von Schulden seine Tantiemen an Biberti abgetreten und konnte trotz mehrfacher Versuche dies nicht mehr rückgängig machen. Pianist und Arrangeur Erwin Bootz war weiterhin in der Musik- und Theaterbranche tätig. Bob Biberti führte ein unspektakuläres, aber relativ wohlhabendes Rentnerdasein in Berlin. Und Roman Cycowski, der am längsten lebende Harmonist (er starb 1998 im Alter von 97), hatte sich in Kalifornien niedergelassen, wo er das Amt als Chasan oder Vorbeter in der Synagoge ausübte. Für sie alle schien die Zeit als gefeierte Sänger schon lange zurückzuliegen, doch teilten sie gern ihre Erinnerungen und Anekdoten, woraus der Autor eine überaus faszinierende Biografie schuf. Die sechs Lebensläufe sind auch beispielhaft für die vieler Deutscher, und insbesondere deutscher Juden, die ins Ausland flohen und dort noch einmal ganz von vorn beginnen mussten. So oder so stellte das Dritte Reich und der Krieg für jeden eine Zäsur da, manchen ging es danach besser oder ähnlich, anderen schlechter, doch Umbrüche und drastische Änderungen gehörten fast immer dazu. Die Comedian Harmonists traf es hart, weil von ihrem früheren Erfolg in den ersten Nachkriegsjahrzehnten nichts übrig geblieben war. Als sie dann in den 90ern allmählich wieder populärer wurden – wie die bis heute zahlreichen Theaterrevuen mit ihren Liedern sowie die ihnen nacheifernden Gesangsgruppen belegen –, waren bis auf Cycowski alle Mitglieder bereits gestorben und profitierten daher in keinerlei Weise mehr davon.

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Die Comedian Harmonists grüßen, v. l. n. r.: Robert Biberti, Erich A. Collin, Roman Cycowski, Erwin Bootz, Ari Leschnikoff, Harry Frommermann

Die Faszination der Comedian Harmonists kann man schlecht beschreiben, man muss sie einfach hören – diese sanft schmelzenden Stimmen, die unverwechselbar und herzzerreißend lieblich sind. Man nehme nur als Beispiel „Irgendwo auf der Welt“, ein Lied, das ich selbst gern manchmal träumerisch-sehnsuchtsvoll vor mich hin singe. Sehr markant ist stets der dröhnende, warme Bass von Bob Biberti und vor allem Aris herrliche hohe Tenorstimme (sehr schön ab Minute 1:38 zu hören), die über den anderen schwebt, sich perfekt für Soli eignet und mich jedes Mal bezaubert und rührt. Ein anderes, witzigeres Beispiel ist „In der Bar zum Krokodil“, die ein angeblich äußerst beliebtes Etablissement im alten Ägypten war, denn „dort tanzt man nur dreiviertel nackt im Rumba- und Dreivierteltakt“. Es beginnt mit einer kurzen A-cappella-Einleitung, bevor wir die Geschichte vom Pharao und Herrn Potifar (bzw. dessen ungemein erfahrenen Gattin) hören, wobei die leitenden Stimmen die von Biberti im Wechsel mit Collin (ab 0:45) sind. Die eingestreuten Zweideutigkeiten – „war schon alt und konnt‘ nicht mehr … die kleine Frau bewachen“ – und originellen Reime – „Ramses“ auf „ham‘ ses“ – machen das Anhören auch heute noch zum großen Vergnügen, und wer stört sich schon an dem bisschen Rauschen einer echten Schellackplatte?! Für diese Lieder werde ich immer einen „soft spot“ im Herzen tragen und dank der Biografie von Eberhard Fechner konnte ich mehr über die Menschen dahinter erfahren. Sie seien gepriesen für ihr Talent.

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