Ein Buch - mehrere Monate

George Moore – Esther Waters

Der naturalistische Schriftsteller George Moore wird außerhalb der englischsprachigen Welt kaum gelesen, was schade ist, denn der gebürtige Ire braucht sich hinter seinem Vorbild Émile Zola nicht zu verstecken. Zu seinen bekanntesten Werken, die auch auf Deutsch erhältlich sind, gehören „Drama in Musselin“ über den schwierigen Weg reicher junger Frauen nach dem Internat angesichts des mehr oder weniger vorhandenen Zwangs zu einer „guten Partie“; und „Esther Waters“, das unter anderen von Virginia Woolf in den höchsten Tönen gelobt wurde (sie bezeichnete Moore als „a born writer“).

Wie in der Epoche des Naturalismus üblich, wandte sich Moore hier einer Klasse zu, die bisher literarisch kaum Beachtung gefunden hatte, erst recht nicht in der Rolle der Hauptfigur: den Dienstboten und Hausangestellten. Dass sich Leser beim Erscheinen des Romans 1884 darüber empörten und ihn als unanständig ansahen, verwundert nicht; ich finde es jedoch großartig, dass endlich jemand realistisch und authentisch anmutend das Leben dieser Menschen beschrieb, die doch damals einen erheblichen Teil der Gesellschaft ausmachten, sie stützten und am Laufen hielten (wer schleppte jeden Tag das Wasser ins Haus, heizte die Öfen, kochte das Essen, versorgte die Pferde …? Etwa die Ladies and Gentlemen selbst?). Wie sie im Gegenzug dazu behandelt wurden, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Sie waren keine Sklaven, aber als vollwertige Menschen wurden sie oft genug auch nicht behandelt. Ich schätze „Esther Waters“ als ehrliches Buch ein, wie ich 2014 noch andere fand, nämlich „New Grub Street“ und „The Age of Innocence“. Die sozialen Verhältnisse wurden endlich so dargestellt, wie sie waren, es gab keine Scheu mehr, unangenehme Wahrheiten auszusprechen.

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Quelle: bookcrossing.com

Der Leser lernt die titelgebende Figur kennen, als sie ihre erste Stelle als Küchenmädchen bei einer reichen Familie im Dorf Shoreham (Sussex) antritt. Sie kommt aus einer kinderreichen Familie, mit einem saufenden, tyrannischen Stiefvater, der seine Kinder lieber arbeiten als in die Schule schickt, weshalb Esther ein Leben lang Analphabetin bleibt. Ihr Brotherr züchtet Pferde, sodass in seinem Haushalt etliche Jockeys leben und alle mehr oder weniger nur Pferderennen und -wetten im Kopf haben, was über kurz oder lang jeden in den Ruin treibt. Esther muss sich erst langsam an die harte Arbeit und die langen Arbeitszeiten gewöhnen, auch fällt es ihr zunächst schwer, Anschluss zu den anderen Dienstboten zu finden, weil sie sehr religiös ist und sich nicht an deren üblichen Späßen und Zeitvertreiben beteiligen mag. Einer von ihnen, William Latch, macht ihr von Beginn an den Hof, wogegen Esther sich lange erwehren kann, bis sie seinen Überredungen doch erliegt. Als unvermeidliche Folge wird sie schwanger; überdies läuft ihr Geliebter mit einer Nichte des Hausherren davon, sodass Esther vor den Scherben ihres jungen Lebens steht. Denn natürlich wird sie entlassen, als sie ihren Zustand nicht länger verbergen kann, obwohl die bis dahin sehr unauffällige Hausherrin der gleichen Konfession wie Esther angehört (den „Plymouth Brethren“). Doch eben deshalb kann sie so einen offensichtlichen Sündenfall im Haushalt nicht tolerieren und muss an Esther ein Exempel statuieren.

Sie muss also zurück nach London; glücklicherweise hat sie von ihrer Arbeit etwas Geld gespart, sodass sie nicht wieder bei ihrer Familie leben muss, die sie nicht gerade mit offenen Armen empfängt – immerhin hatte sie sie bisher finanziell unterstützen können, diese Einnahmequelle fehlt jetzt. Und ihre Mutter erwartet ihr achtes Kind. Esther bringt auf der Entbindungsstation des Queen Charlotte’s Hospital einen Jungen namens Jack zur Welt, die Umstände sind allerdings recht traumatisch: als eine Art lebendes Anschauungsobjekt wird sie von angehenden Ärzten und wenig mitfühlenden Schwestern umringt.

„Come, come, no nonsense!“ said the nurse; „you can’t have what you like; they are here to learn;“ and when he had tried the pains she heard the midwife say that it wasn’t necessary to send for the doctor. Another said that it would be all over in about three hours‘ time. „An easy confinement, I should say. The other will be more interesting….“ Then they talked of the plays they had seen, and those they wished to see. A discussion arose regarding the merits of a shilling novel which every one was reading, and then Esther heard a stampede of nurses, midwives, and students in the direction of the window. A German band had come into the street.

„Is that the way to leave your patient, sister?“ said the student who sat by Esther’s bed, a good-looking boy with a fair, plump face. Esther looked into his clear blue, girl-like eyes, wondered, and turned away for shame.

Immerhin geht alles gut und sie ist äußerst glücklich über ihren kleinen Jack. Doch dann erfährt sie, dass ihre Mutter weniger Glück hatte und im Kindbett verstorben ist. Die restliche Familie sieht als letzten Ausweg, nach Australien auszuwandern, und eine ihrer Schwestern, Jenny, kommt zu Esther, um sie um Geld für die Überfahrt zu bitten, was Esther ihr nach einigem Zögern auch gibt. Mittellos geworden, muss sie sich nun als Amme für das Kind einer reichen Frau verdingen, während sie ihr eigenes Kind in der Obhut einer anderen Frau (einer „baby farmer“) zurücklässt. Doch als sie Jack, der nur wenige Wochen alt ist, das nächste Mal sieht, macht er einen vernachlässigten und kränklichen Eindruck, sodass Esther beschließt, keine faulen Kompromisse zu mehr zu machen (als Amme durfte sie ihr Kind aus „Gründen der Hygiene“ nicht besuchen) und mit allen Mitteln sich und ihr Kind durchzubringen, koste es was es wolle. Ihre Lage ist schlimm, ohne finanzielle Mittel und nun auch ohne Familie, hat sie kaum eine Chance, als alleinerziehende Mutter eine Stelle zu finden. Sie landet zunächst im Arbeitshaus, einen Ort, den sie immer gefürchtet hat. Dann macht sie die Bekanntschaft einer Witwe, die in einem ländlichen Vorort London lebt und ihr anbietet, Jack aufzunehmen, damit Esther wieder arbeiten kann.

Zunächst hat sie kein Glück mit ihren Stellen, entweder ist die Arbeit unerträglich oder sie wird aufgrund ihres Kindes entlassen, sobald die Sache ruchbar wird – oder sie muss sich sogar den Nachstellungen des Sohnes ihres Arbeitgebers erwehren, ein häufiges Schicksal der weiblichen Dienstboten.

Hers is an heroic adventure if one considers it—a mother’s fight for the life of her child against all the forces that civilisation arrays against the lowly and the illegitimate. She is in a situation to-day, but on what security does she hold it? She is strangely dependent on her own health, and still more upon the fortunes and the personal caprice of her employers; and she realised the perils of her life when an outcast mother at the corner of the street, stretching out of her rags a brown hand and arm, asked alms for the sake of the little children. Esther remembered then that three months out of a situation and she too would be on the street as a flower-seller, match-seller, or——

Doch dann meint es das Schicksal endlich einmal gut mit ihr: Sie findet Anstellung bei einer freundlichen, alleinlebenden Schriftstellerin, die Verständnis für ihre Lage hat und deren Haushälterin und Vertraute sie wird. Außerdem lernt sie einen netten Mann kennen, der ebenfalls zu den „Plymouth Brethren“ gehört und der ihr bald einen Heiratsantrag macht. Der Traum von einem ruhigen, respektablen Leben scheint in greifbarer Nähe, doch aus irgendeinem Grund zögert sie … und dann läuft ihr zufällig William Latch, Jacks Vater, wieder über den Weg. Er lebt in Scheidung von seiner Frau und will Esther zurückerobern. Und sie lässt es zu, auch um ihres Sohnes Willen, der doch am besten bei seinen natürlichen Eltern aufwachsen soll. So gibt sie Fred den Laufpass und entscheidet sich für eine Zukunft an Williams Seite in seinem Pub, dem „King’s Head“. Leider stellt sich bald heraus, dass ihr Gatte dort auch illegales Glücksspiel organisiert, was Esther lange schweigend duldet, ebenso seine eigene Spiel- und Wettsucht. Ihr geht es finanziell endlich gut, doch William setzt diesen bescheidenen Wohlstand aufs Spiel. Bis er am Ende seine Schanklizenz verliert und seiner Tuberkuloseerkrankung erliegt – und erneut steht Esther vor dem Aus …

Der Roman ist keine leicht verdauliche Lektüre, oftmals ist es schockierend, zu erfahren, unter welchen Umständen gerade die Arbeiterklasse lebte, in welcher Armut und mit Alkohol und Wetten als einzigem Trost und Ausflucht aus dem harten Alltag. Doch natürlich war dies nur der Weg in noch größeres Elend.

„This is a very serious matter, Esther.“ He had come into command of his voice, and he spoke with earnest determination. „If we get a conviction against you for keeping a betting-house, you will not only be heavily fined, but you will also lose your licence. All we ask is that the betting shall cease. No,“ he said, interrupting, „don’t deny anything; it is quite useless, we know everything. The whole neighbourhood is demoralized by this betting; nothing is thought of but tips; the day’s racing—that is all they think about—the evening papers, and the latest information. You do not know what harm you’re doing. Every day we hear of some new misfortune—a home broken up, the mother in the workhouse, the daughter on the streets, the father in prison, and all on account of this betting. Oh, Esther, it is horrible; think of the harm you’re doing.“

Vielleicht neigt der Autor wie andere seiner realistischen Kollegen manchmal zur Überdramatisierung, aber im Grunde kann man die Verhältnisse nicht drastisch genug schildern, wenn dadurch manche Leser zum Handeln animiert wurden, zu etwas mehr Nachsicht und Verständnis – wie vorschnell wurden Frauen wie Esther verdammt als „unmoralisch“, ohne zu bedenken, dass ein Fehltritt menschlich ist und dem Mann, der seine im Eifer der Leidenschaft gegebenen Versprechen brach, ebenso große Schuld zukommt. Ihnen wurden weniger Gefühle zugestanden (siehe oben das Zitat, als Esther sich vor all den Fremden im Entbindungssaal schämt), als ob sie zum Beispiel ihre Kinder weniger lieben würden, weil sie gezwungen waren, sie zur Arbeit zu schicken. Außerdem standen Angehörige der Arbeiterklasse und die Armen sowieso ständig unter dem Generalverdacht der Kriminalität und Sittenlosigkeit, ohne die Ursachen dafür zu bedenken, und sie mussten sich absolut makellos verhalten, wenn sie nur ein wenig Respekt erhalten wollten. Leider gab es dann auch noch etliche schwarze Schafe unter ihnen, wie Esthers Ehemann. Doch am Ende versucht er nur auf seine Weise sein Glück zu machen und natürlich genießt er die Aufregung und Atmosphäre der Pferderennen: Moores Kapitel über den Ausflug von William und Esther zum berühmte Derby in Epson ist wie ein großes, detailliertes Panoramagemälde voller (angetrunkener) Besucher, Buchhändler, Musikanten, Bettler, Taschendiebe, von denen viele gar nicht besonders an den Rennen selbst interessiert sind …

Esther Waters selbst ist eine unheimlich starke Frau, die vielleicht nicht immer die weiseste Entscheidung trifft, aber wild entschlossen ist, sich und ihren Sohn durchzubringen und dabei, wenn es nur irgend geht, anständig zu bleiben. Doch ist sie kein Engel und kann der Versuchung durch William nicht widerstehen, vor dessen krummen Geschäften sie lange die Augen verschließt, weil sie ihn und die neu gewonnene Sicherheit nicht verlieren will. Sie könnte eine der tragischen „fallen women“ sein, wie wir sie in Hardys „Tess of the D’Urbervilles“ oder Eliots „Adam Bede“ finden – aber dieses Klischee erfüllt sie nicht, stets hält sie den Kopf hoch und versucht, sich möglichst gut durchzuschlagen. Jack erhält eine militärische Ausbildung, wahrscheinlich seine einzige Chance, aus dem Teufelskreis der Armut auszubrechen und, mit etwas Glück, Ansehen und Ehre zu erhalten. Am Ende des Romans kann sie ihn mit mütterlichen Stolz ansehen und fühlt sich mehr als entlohnt für alle Mühen und Entbehrungen:

All was forgotten in the happiness of the moment—the long fight for his life, and the possibility that any moment might declare him to be mere food for powder and shot. She was only conscious that she had accomplished her woman’s work—she had brought him up to man’s estate; and that was her sufficient reward. What a fine fellow he was!

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