Ein Monat - ein Buch

Januar 2008: Federico García Lorca – Gedichte

2007 habe ich der Liebe wegen angefangen, Spanisch zu lernen – es gibt sicher schlechtere Gründe. Außerdem liebe ich ohnehin Fremdsprachen, und Spanisch hat mir schon immer gefallen, viel mehr  als zum Beispiel Italienisch. Um meine neuen Kenntnisse ein bisschen zu üben und auszubauen, suchte ich nach spanischer Lektüre in meiner kleinen Stadtbibliothek. Kein leichtes Unterfangen, aber zufällig stieß ich auf einen dünnen zweisprachigen Band mit Gedichten von Federico García Lorca aus DDR-Zeiten. Als Opfer des spanischen Bürgerkriegs wurde er im sozialistischen Staat in Ehren gehalten, ähnlich wie sein chilenischer Kollege Pablo Neruda.

Quelle: enforex.com

Schon zu Schulzeiten hatte ich begeistert Gedichte gelesen, gern auch fremdsprachige, und mir sogar ein Sammelbuch im A6-Format angelegt, in das ich alle Gedichte, die mir gefielen sowie meine selbst verfassten hineinschrieb oder klebte. Ich hatte also keine Berührungsängste, war aber nicht darauf gefasst, wie sehr mich Lorcas Lyrik berühren würde. Ich las immer zuerst den spanischen Text und versuchte, möglichst viel zu verstehen, was überraschenderweise gar nicht so wenig war. Diese Sammlung vereinte Gedichte aus seiner gesamten Schaffenszeit (u. a. aus den „Canciones“, den „Romancero gitano“ und „Poeta en Nueva York“) und vor allem die „Zigeunerromanzen“ gefielen mir ausnehmend gut. Gleichzeitig hatten sie etwas Außergewöhnliches, Exotisches an sich, es fühlte sich seltsam erhebend an, sie z. B. im Zug zu lesen. Selbst wer des Spanischen nicht mächtig ist, kann den Klang der ersten Verse der „Romance de la luna, luna“ genießen, den retardierenden, rollenden Rhythmus:

La luna vino a la fragua
con su polisón de nardos.
El niño la mira, mira.
El niño la está mirando.

En el aire conmovido
mueve la luna sus brazos
y enseña, lúbrica y pura,
sus senos de duro estaño.

Huye luna, luna, luna.
Si vinieran los gitanos,
harían con tu corazón
collares y anillos blancos.

Niño, déjame que baile.
Cuando vengan los gitanos,
te encontrarán sobre el yunque
con los ojillos cerrados

Der Mond kam zur Schmiede
Mit seiner Turnüre aus Narden.
Der Knabe schaut, schaut ihn an.
Der Knabe schaut ihn an.

 In der bewegten Luft
Bewegt der Mond seine Arme
Und zeigt, schlüpfrig und rein,
seine Brüste aus hartem Zinn.

Flieh Mond, Mond, Mond.
Wenn die Zigeuner kämen
Würden sie aus deinem Herz
Halsbänder und weiße Ringe machen.

 Kind, lass mich tanzen.
Wenn die Zigeuner kommen
Werden sie dich auf dem Amboss finden
Mit geschlossenen Äuglein.

 Er arbeitete viel mit Symbolen und Metaphern, was den Gedichten eine magische und sinnliche Atmosphäre verleiht. Ein immer wieder kehrendes Bild ist z. B. der Mond, der für Lorca den Tod, aber auch Schönheit und Erotik symbolisiert (viele Dichter sind ja fasziniert von dieser Ambivalenz, dem Kaltem und gleichzeitig Leuchtenden, zudem ist der Mond im Spanischen ein feminines Wort). Auch Blut und Wasser tauchen häufiger auf oder ein einsamer Reiter, wie in seinem „Canción del jinete“:

Córdoba.
Lejana y sola.
Jaca negra, luna grande,
y aceitunas en mi alforja.
Aunque sepa los caminos,
yo nunca llegaré a Córdoba.
Por el llano, por el viento,
jaca negra, luna roja.
La muerte me está mirando
desde las torres de Córdoba.
¡Ay que camino tan largo!
¡Ay mi jaca valerosa!
¡Ay que la muerte me espera,
antes de llegar a Córdoba!
Córdoba.
Lejana y sola.
Córdoba.
Einsam und fern.
Nachtschwarze Stute, Diskus
des Monds, Oliven im Sacke am Sattel.
Wohl weiß ich die Wege,
doch Córdoba sehe ich nie.
Durch Wind, durch die Ebene,
nachtschwarze Stute, purpurner
Mond. Von Córdobas Türmen
starrt mich stechend der Tod an.
Ah, welch ein endloser Weg!
Ach, meine wackere Stute!
Ach, mich erwartet der Tod,
eh ich nach Córdoba komme!
Córdoba.
Einsam und fern.

Auch seine Beziehung zu den Surrealisten kann er nicht leugnen, haben seine Metaphern doch oft einen sehr abstrakten, wenn auch stark bildhaften Charakter. Gerade das sprach mich aber besonders an, weil es dem Leser neue Perspektiven auf die Welt öffnet, weg vom allzu Realistischen hin zu einer neuen Art des Ausdrucks. Der folgende Auszug stammt aus dem „Pequeño poema infinito“, dem „Kleinen unendlichen Gedicht“ aus dem Band „Poeta en Nueva York“, das erst vier Jahre nach seinem Tod erschien:

Pero el dos no ha sido nunca un número
porque es una angustia y su sombra,
porque es la guitarra donde el amor se desespera,
porque es la demostración de otro infinito que no es suyo
y es las murallas del muerto
y el castigo de la nueva resurrección sin finales.Los muertos odian el número dos,
pero el número dos adormece a las mujeres
y como la mujer teme la luz
la luz tiembla delante de los gallos
y los gallos sólo saben votar sobre la nieve
tendremos que pacer sin descanso las hierbas de los cementerios.
Doch war die Zwei nicht niemals eine Zahl,
denn sie ist eine Angst und deren Schatten,
denn sie ist die Gitarre, womit die Liebe in Verzweiflung gerät,
denn sie stellt eines anderen Unendlich dar, das nicht das ihre ist,
und ist des Toten Mauer
und ist die Strafe der erneuten Auferstehung ohne Ende.
Die Toten hassen diese Ziffer Zwei,
doch schläfert ein die Ziffer Zwei die Weiber,
und weil das Weib vorm Licht sich fürchtet,
und weil das Licht erzittert vor den Hähnen,
und weil die Hähne überm Schnee nur fliegen können,
so müssen wir das Gras der Totenäcker weiden ohne Unterlass.

Die Übertragungen aller zitierten Gedichten stammen übrigens von Enrique Beck, dessen Fassungen die allgemein bekannten und gültigen zu sein scheinen. Ich bin mir aber nicht sicher, dass sie auch in dem von mir gelesenen zweisprachigen Band verwendet wurde, manche Formulierungen kommen mir fremd vor. Doch da ich seinerzeit nur einige der Originale abgeschrieben habe und im Internet jetzt keine Informationen zum Übersetzer der Ausgabe fand, kann ich das nicht mit Sicherheit sagen.

Federico García Lorca wurde im August 1936 von faschistischen Milizen erschossen. Die Motive sind bis heute unklar, ob es allein seine sozialistische Gesinnung war, ob seine Homosexualität eine Rolle spielte oder ob er ein Opfer von Konflikten innerhalb der Faschisten wurde. Tatsache ist, dass sein Tod auch von vielen Antikommunisten bedauert wurde, weil er allgemein als großer Dichter Spaniens anerkannt wurde. Obwohl in jüngster Zeit Anstrengungen unternommen wurden, die Hinrichtungs- und Begräbnisstätte zu ermitteln, wurden seine Überreste bis heute nicht gefunden.

Doch sein Werk bleibt unvergessen: Er ist zweifellos einer der bekanntesten spanischsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts und seine Gedichte werden weiterhin gelesen, seine Theaterstücke (zu den bekanntesten gehören „Das Haus der Bernarda Alba“ und „Bluthochzeit“) werden weiterhin aufgeführt. Für mich war es ein großartiger Einstieg in die spanische Literatur und auch wenn ich mich in letzter Zeit nur selten mit dieser wunderschönen Sprache beschäftigt habe, stelle ich beim Lesen von Lorca fest, dass ich mir mehr Vokabeln gemerkt habe als ich gedacht hatte. Wenn auch die erwähnte Verliebtheit verblichen ist, ihr „Vermächtnis“ – mein Lernen einer neuen Sprache – bleibt bestehen.

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