Ein Monat - ein Buch

Januar 2015: John Green – Looking for Alaska

Dies ist das Debütwerk von John Green, der sich nicht erst seit „The Fault In Our Stars“ („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) einen Namen als großartiger Autor von Jugendbüchern gemacht hat. Sein Erfolg zeigt sich nicht nur in den Verkaufszahlen der Bücher und den begeisterten Rezensionen, auch die Verfilmungen seiner Romane locken viele Besucher in die Kinos, wie „Fault In Our Stars“ und zurzeit „Paper Towns“ („Margos Spuren„) beweisen. Letzteres hatte ich 2011 gelesen und da ich damit die besten Erfahrungen gemacht hatte, freute ich mich, als ich zufällig auf „Looking For Alaska“ (im Deutschen „Eine wie Alaska“) stieß, das übrigens auch demnächst verfilmt werden soll. Ich wusste, dass es gut sein würde und wurde nicht enttäuscht.

Quelle booktopia.com.au

Wie in „Margos Spuren“ haben wir es hier mit einem außergewöhnlichen Mädchen zu tun, das den Erzähler völlig in ihren Bann zieht und für das er alles tun würde, das aber plötzlich nicht mehr da ist. Die Hauptfigur, Miles Halter, zieht von Florida nach Alabama, um das gleiche Internat wie sein Vater zu besuchen. In seiner alten Schule hat er kaum Freunde und er sehnt sich nach einer Veränderung. Oder um es mit den letzten Worten von François Rabelais zu sagen: „Nun mache ich mich auf die Suche nach dem großen Vielleicht“. Miles sammelt letzte Worte berühmter Persönlichkeiten und kann sie mühelos zitieren (selbst die etwas obskurerer Leute wie Millard Fillmore, einem US-Präsidenten, von dem ich bis dahin noch nie gehört hatte). In der Culver Creek Preparatory School findet er schnell gute Freunde, angefangen bei seinem Zimmergenossen Chip Martin, genannt „Colonel“. Dieser macht ihn mit Alaska bekannt: „the hottest girl in all of human history“, und es ist nicht nur das, sie liebt auch Bücher – und Sex, wie sie freimütig zugibt – und hat eine verrückte, unwiderstehliche Art, sodass Miles gar nicht anders kann als sich sofort und unwiderruflich in sie zu verlieben:

And now is as good a time as any to say that she was beautiful. In the dark beside me, she smelled of sweat and sunshine and vanilla, and on that thin-mooned night I could see little more than her silhouette except for when she smoked, when the burning cherry of the cigarette washed her face in pale red light. But even in the dark, I could see her eyes—fierce emeralds. She had the kind of eyes that predisposed you to supporting her every endeavor. And not just beautiful, but hot, too, with her breasts straining against her tight tank top, her curved legs swinging back and forth beneath the swing, flip-flops dangling from her electric-blue-painted toes. It was right then, between when I asked about the labyrinth and when she answered me, that I realized the importance of curves, of the thousand places where girls‘ bodies ease from one place to another, from arc of the foot to ankle to calf, from calf to hip to waist to breast to neck to ski-slope nose to forehead to shoulder to the concave arch of the back to the butt to the etc. I’d noticed curves before, of course, but I had never quite apprehended their significance.

Es scheint der übliche Highschool-Roman zu werden, in dem der Außenseiter Miles zum ersten Mal Freunde findet, von fiesen Mitschülern reingelegt wird und Rache übt, sich verliebt, betrinkt, einen Blowjob bekommt (nicht von Alaska) etc. Mit der Zeit lernt er Alaska näher kennen und ihm wird klar, dass dieses anscheinend so offene, aber auch rätselhafte und launische Mädchen einige ernsthafte Probleme mit sich rumträgt. Ihre Mutter ist tot und sie fühlt sich dafür schuldig:

„The day after my mom took me to the zoo where she liked the monkeys and I liked the bears, it was a Friday. I came home from school. She gave me a hug and told me to go do my homework in my room so I could watch TV later. I went into my room, and she sat down at the kitchen table, I guess, and then she screamed, and I ran out, and she had fallen over. She was lying on the floor, holding her head and jerking. And I freaked out. I should have called 911, but I just started screaming and crying until finally she stopped jerking, and I thought she had fallen asleep and that whatever had hurt didn’t hurt anymore. So I just sat there on the floor with her until my dad got home an hour later, and he’s screaming, ‚Why didn’t you call 911?‘ and trying to give her CPR, but by then she was plenty dead. Aneurysm. Worst day. I win. You drink.“

Die Kapitel sind mit der Anzahl der Tage davor und danach überschrieben, aber es ist anfangs nicht klar, worauf sich dieses Davor und Danach bezieht. Der Wendepunkt ist der Tag, an dem Miles und Chip morgens zu einer Schulversammlung gerufen werden, wo sie erfahren müssen, dass Alaska in der Nacht zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Für Miles bricht eine Welt zusammen, besonders weil er noch am Abend vor dem Unfall mit ihr „Wahrheit oder Pflicht“ gespielt hat und sie sich dabei (klassischerweise) zum ersten Mal geküsst haben, ein leidenschaftlicher Kuss, der ihn auf mehr hoffen ließ. Noch mehr aber hat er Schuldgefühle: Schließlich war Alaska betrunken, als sie sich mitten in der Nacht Chips Auto lieh, weil sie plötzlich ganz dringend irgendwo hin musste. Und weder Chip noch Miles hielten sie davon ab, obwohl sie von ihrem Zustand wussten. Als Versuch der Trauerbewältigung versuchen sie, das Rätsel um den Unfallhergang zu lösen und stellen sich auch die Frage, ob es möglicherweise Suizid war. Allmählich lernen sie, mit ihren Gefühlen umzugehen und sie in etwas Positiveres zu verwandeln: So organisieren die Freunde Alaska zu Ehren zum Schuljahresende einen grandiosen Streich, der ihr gefallen hätte. Und Miles beginnt, Frieden mit der Vergangenheit zu schließen und bekommt einen neuen Blickwinkel auf den Kreislauf von Leben und Tod. Doch bis dahin ist es ein langer Weg:

I lit a cigarette and spit into the creek. „You can’t just make me different and then leave,“ I said out loud to her.“Because I was fine before, Alaska. I was fine with just me and last words and school friends, and you can’t just make me different and then die.“ For she had embodied the Great Perhaps—she had proved to me that it was worth it to leave behind my minor life for grander maybes, and now she was gone and with her my faith in perhaps.

In „Looking For Alaska“ verbindet sich der Schmerz über eine unerfüllte Liebe mit dem Schmerz über den Tod eines geliebten Menschen. Und wie man beides überwinden muss, so schwer es auch ist. Dabei ist es überraschend freizügig und ehrlich, der Leser hat nie das Gefühl, dass es sich um konstruierte Charaktere handelt, sondern wird in eine Geschichte hineingezogen, die einen von Anfang bis Ende nicht mehr los lässt. Green erhielt mehrere Preise dafür, während er in den USA für eine unvermeidliche Kontroverse sorgte, weil es einige explizite Sexszenen gibt, nichts schlimmes, aber schon deutlich mehr als bloßes Rumgeknutsche – alles andere wäre bei 16-jährigen Teenagern unrealistisch. Ebenso, dass sie heimlich rauchen und Alkohol konsumieren. Ich glaube, gerade für diesen Realismus lieben die jugendlichen Leser John Green, aber er spricht eben nicht nur diese Zielgruppe an und hebt sich dabei wohltuend von den üblichen Themen in „Young Adult“-Literatur ab: Kein Fantasy, keine Dystopien, nur das pralle Leben mit all seinen schönen und traurigen Seiten.

We need never be hopeless, because we can never be irreparably broken. We think that we are invincible because we are. We cannot be born, and we cannot die.

Like all energy, we can only change shapes and sizes and manifestations. They forget that when they get old. They get scared of losing and failing. But that part of us greater than the sum of our parts cannot begin and cannot end, and so it cannot fail.

So I know she forgives me, just as I forgive her. Thomas Edison’s last words were: „It’s very beautiful over there.“I don’t know where there is, but I believe it’s somewhere, and I hope it’s beautiful.

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