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Oktober 2014: Robert Graves – I, Claudius/Claudius the God

Als Angehöriger einer altrömischen Adelsfamilie hatte man meist keine hohe Lebenserwartung: Fiel man nicht in der Schlacht oder einer Krankheit zum Opfer, wurde man nicht selten von den eigenen Verwandten um die Ecke gebracht. Fressen oder gefressen werden, das war hier die Frage , und wer kein Meister im Intrigenspinnen war, hatte bald verloren. Es sei denn, er war so augenscheinlich harmlos und trottelig wie der „arme Onkel Claudius“: Dieser stotternde, naive und dickliche Kerl konnte doch keinen Schaden anrichten und war der absolut unwahrscheinlichste Kandidat für den Titel des römischen Kaisers. Und doch setzte gerade er sich durch und regierte fast 14 Jahre lang bis zu seiner (unvermeidlichen) Ermordung im Jahr 54 n. Chr.

Quelle: amazon.co.uk

„I, Claudius“ ist die meisterhafte fiktive Autobiografie eines Mannes, der sich dem Leser wie folgt vorstellt:

I, Tiberius Claudius Drusus Nero Germanicus This-that-and-the-other (for I shall not trouble you yet with all my titles) who was once, and not so long ago either, known to my friends and relatives and associates as „Claudius the Idiot“, or „That Claudius“, or „Claudius the Stammerer“, or „Clau-Clau-Claudius“ or at best as „Poor Uncle Claudius“, am now about to write this strange history of my life; starting from my earliest childhood and continuing year by year until I reach the fateful point of change where, some eight years ago, at the age of fifty-one, I suddenly found myself caught in what I may call the „golden predicament“ from which I have never since become disentangled.

Von früher Kindheit an mit einer Gehbehinderung und einem Sprachfehler ausgestattet, wird er von seiner ganzen Familie als minderwertig angesehen und sträflich unterschätzt, dabei ist er sehr intelligent und wissbegierig und gilt mittlerweile als beachtlicher Historiker, der u. a. 20 Bände zu den Etruskern und eine Geschichte über Augustus‘ Regierung verfasste (die zu seinem Kummer kaum Beachtung fanden). Beim Schreiben kommt sein Stottern nicht zum Tragen, er kann sich frei und verständlich ausdrücken und dies bewegt ihn auch dazu, seine Memoiren für die Nachwelt zu hinterlassen, gemäß der Prophezeiung einer Wahrsagerin, die nicht nur seine Thronbesteigung vorhersieht, sondern auch, dass er in 1900 Jahren endlich klar sprechen wird; nämlich beim angeblichen Auffinden der Schriftstücke.

Claudius nimmt uns mit in das römische Reich während der Regierungszeit von Augustus, Tiberius und Caligula. 10 v. Chr. wird er in eine der einflussreichsten und mächtigsten Familien hineingeboren: Seine Großmutter Livia ist mit dem Kaiser Augustus verheiratet, nachdem sie sich von Claudius‘ Großvater scheiden ließ. Ihr Machthunger kennt keine Grenzen und ihr Weg zur heimlichen tatsächlichen Herrscherin ist mit Leichen gepflastert, darunter die ihrer Gatten und ihres eigenen Sohns, Claudius‘ Vater. Ihr Enkel, der nach dem Tod des Vaters von Livia erzogen wird, bewundert und fürchtet sie gleichermaßen und muss miterleben, wie verschiedene potenzielle Nachfolger Augustus‘ ein allzu frühes Ende finden – umso mehr nimmt er sich den Rat seines Vorbilds Asinius Pollio zu Herzen und stellt sich absichtlich dümmer als er ist. Die einzigen Familienmitglieder, denen er sich nahe fühlt, sind sein Bruder Germanicus und sein Cousin Postumus. Doch durch eine Intrige wird Postumus ins Exil auf eine kleine Insel verbannt, und dem allseits beliebten und erfolgreichen Feldherrn Germanicus wird seine Popularität zum Verhängnis, als er mutmaßlich Opfer von Gift und „Hexenzauber“ wird. Wie sich zeigt, war Livia für ihren Urenkel Caligula, Germanicus‘ Sohn, eine gute Lehrerin – nur kommt in seinem Fall noch Größenwahn und Geisteskrankheit hinzu. Als er nach dem Tod seines Großonkels Tiberius auf den Thron des römischen Kaisers kommt, wird das Überleben ein reines Glücksspiel (Caudius wird als eine Art Hofnarr betrachtet, doch gerät auch er in einige brenzlige Situationen) und Tausende sterben unschuldig, während das Land wegen seiner kostspieligen, unsinnigen Launen in Schulden versinkt. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Ermordung dieses Tyrannen geplant und ausgeführt wird. Bei dem anschließenden Chaos im Palast finden die Soldaten Claudius, der sich in Todesangst zu verstecken versucht und erklären ihn prompt zum neuen Kaiser. Widerstrebend nimmt er, der eigentlich den Idealen der Republik hinterher trauert, an, um sich und seine schwangere Frau Messalina vor der Wut der Prätorianer zu schützen.

I was thinking, „So, I’m Emperor, am I? What nonsense! But at least I’ll be able to make people read my books now.“

Damit endet „I, Claudius“; die Regierungszeit des neu ernannten Herrschers wird in „Claudius the God“ beschrieben.

Quelle: amazon.co.uk

Nun muss er sich der Mammutaufgabe widmen, den Staatshaushalt zu sanieren und diverse, lang vernachlässigte Projekte in Angriff nehmen: Zunächst statuiert er ein Exempel und bestraft Caligulas Mörder (auch wenn sie ihn zum Kaiser gemacht haben), dann lässt er den Bau des Hafens von Ostia beginnen, um die Lebensmittelversorgung von Rom zu sichern, kümmert sich um die Instandsetzung und Verbesserung des Aquäduktsystems, verbessert das Rechtssystem, schlägt Aufstände nieder, bemüht sich, die ewig rebellischen Germanen zur Ruhe zu bringen und erobert endlich die britische Insel. Doch wird er von seiner bekanntermaßen promiskuitive Gattin Messalina hintergangen, die Claudius‘ Gutgläubigkeit ausnutzt, um Feinde aus dem Weg zu räumen, und die ihr eigenes Machtsystem aufbaut, für das ihr Mann lange blind ist. In mutmaßlicher Folge ihrer Verurteilung und Hinrichtung wird seine Herrschaft wesentlich blutiger, und er heiratet ein letztes Mal, nämlich seine Nichte Agrippinilla, obwohl er sie verachtet und im Grunde weiß, dass sie alles tun würde, damit ihr Sohn Nero der nächste Kaiser wird. Was am Ende auch eintrifft.

Quelle: diese ausgezeichnete Rezension unter 101 Books – http://101books.net/2011/02/09/book-8-i-claudius/
Ja, das ist der weit verzweigte Stammbaum der Julier-Claudier. Ja, die Personen kommen alle in Graves‘ Romanen vor.

Für diese beiden Bücher sollte man ein gewisses Geschichtsinteresse aufbringen und einige Vorkenntnisse schaden auch nichts, zudem ist ein Stammbaum am Buchende sehr hilfreich, um bei all den oft ähnlich klingenden Namen nicht durcheinander zu kommen. Doch man wird mit einer unglaublich spannenden Lektüre belohnt über einen Außenseiter, den keiner für voll nimmt, bis er sich plötzlich ganz oben wiederfindet. Was er dann mit diesem unverhofften Amt anfängt, ist auch ein Lehrstück darin, wie schnell gute Absichten durch die alltäglichen Machtkämpfe im Haifischbecken zerrieben werden und erhoffte Änderungen nicht oder nur langsam erfolgen. Wie schnell die Beliebtheit eines Staatsmanns, der sich für unantastbar hält, sinken kann:

„But godhead is, after all, a matter of fact, not a matter of opinion: if a man in generally worshipped as a god then he is a god. And if a god ceases to be worshipped he is nothing.“

Robert Graves, der sich zuerst als Chronist seiner Erlebnisse im Ersten Weltkrieg einen Namen machte (die er in Gedichten und einer Biografie verarbeitete), muss einen unglaublichen Rechercheaufwand für diese zwei historischen Bücher betrieben haben, die jederzeit als völlig authentisch gelten könnten, müsste man nicht davon ausgehen, dass kein römischer Kaiser so offen und unverblümt über sich und seine Mitmenschen geschrieben haben würde. Er stützt sich dabei auf die Historien von Tacitus, Plutarch und Sueton, wobei er gleichzeitig versucht, deren schiefes oder voreingenommenes Bild dieses oft vergessenen oder als „Idiot“ verschrienen Kaisers gerade zu rücken. Dabei ist es unvermeidlich, dass er seinerseits bestimmte Ereignisse umschreibt oder auslässt bzw. einige Charaktere in ein bestimmtes Licht rücken will – am Ende ist es eben ein Roman, keine absolut getreue, trockene Biografie („Es ist mehr als Wahrheit: Es ist Dichtung!“).

Doch im Bereich der historischen Romane spielen beide Werke in der ersten Liga (und es spielt dank des ohnehin „antiken“ Themas keine Rolle, dass „I, Claudius“ bereits 1934 und der Nachfolgeband ein Jahr später erschien) und sind mittlerweile Klassiker, die natürlich auch schon verfilmt wurden. Wer wie ich beim Lesen die perfekte Kombination aus Bildung und Unterhaltung sucht, darf diese zwei Werke nicht verpassen.

Quelle: bleon1.wordpress.com
Claudius als Jupiter, wie er heute in den Vatikanischen Museen herumsteht

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