Ein Monat - ein Buch

Dezember 2008: Yann Martel – Schiffbruch mit Tiger

Als ich im Februar 2013 Ang Lees „Life of Pi“ im Kino sah, war ich mehr als begeistert: Endlich einmal ein 3D-Film, bei dem die Technik wirklich eine Bereicherung des Seherlebnisses bot, und man nicht das Gefühl hatte, hier sollte „3D“ nur zur Berechtigung dienen, ein paar Euro mehr an der Kinokasse zu verlangen. Unvergesslich bleibt mir zum Beispiel das wie durch ein übernatürliches blaues Leuchten erhellte Meer, aus dem schließlich ein gewaltiger Wal steigt. Oh, und der Schreckensmoment, als Richard Parker unter der Bootsplane hervorspringt und dem Zuschauer geradezu ins Gesicht, sitzt mir heute noch in den Knochen. Literaturverfilmungen können manchmal ganz schöne Enttäuschung sein, doch in diesem Fall erwies sich der Film der Vorlage als absolut ebenbürtig.

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Quelle: fischerverlage.de

Die Platzverteilung im Boot ist jedenfalls nicht gerecht

Das Buch hatte ich über vier Jahre vorher gelesen. Zum ersten Mal hörte ich von dem (besonders im Deutschen) etwas merkwürdigen Titel im Radio, und später fand ich den Roman dann in meiner Stadtbibliothek. Und noch ein wenig später in der Bibliothek meiner Hochschule, dort aber auf Englisch – ich ärgerte mich gewaltig, dass ich es da schon gelesen hatte, und nicht im Original. Immerhin gibt der deutsche Titel einen klareren Hinweis auf den Inhalt: Ja, es geht um einen Schiffbruch, bei dem der einzige überlebende Mensch das Rettungsboot mit einem Tiger teilen muss.

Der Mensch heißt Piscine Molitor Patel, ein gebürtiger Inder, der sich selbst den Spitznamen „Pi“ gibt, damit andere seinen Namen nicht verhunzen können. Schon als Jugendlicher setzt er sich mit den Weltreligionen auseinander und beschließt, nachdem er bereits praktizierender Hindu ist, auch den Geboten von Islam und Christentum zu folgen. Auf diese Weise, so meint er, kann er Gott am meisten lieben und aus den Blickwinkeln der unterschiedlichen Religionen betrachten. Ungefähr zur gleichen Zeit trifft sein Vater, Leiter des Zoos von Pondicherry, die Entscheidung, mit seiner Familie nach Kanada auszuwandern, unter Mitnahme der meisten Zootiere. Dies erweist sich als folgenschwer, als das Schiff, auf dem die Tiere und die Familie reisen, während der Überfahrt in einen Sturm gerät und mitten auf dem Pazifik untergeht. Pi gelingt es, in ein Rettungsboot zu klettern – doch nicht nur er, auch eine Hyäne, ein Orang-Utan und ein Zebra suchen dort Zuflucht. Seine Verzweiflung wird nicht geringer, als er zu begreifen beginnt, dass seine gesamte Familie und alle Besatzungsmitglieder bei dem Untergang ertrunken sind. Überdies folgt die Hyäne ihrem natürlichen Instinkt und tötet erst das (durch einen Sturz verletzte) Zebra und dann das Orang-Utan-Weibchen. Und als könnte es nicht noch schlimmer kommen, springt plötzlich ein bengalischer Tiger unter einer Plane hervor, wo er sich die ganze Zeit versteckt gehalten hatte. Pi weiß, dass der Tiger Richard Parker heißt (sein eigentlicher Name wurde durch einen bürokratischen Fehler mit dem des Jägers, der ihn gefangen hat, verwechselt), bereits zuvor hatte er ihn immer als Beispiel angesehen für die Wechselhaftigkeit von Namen – schließlich hat Pi seinen ja auch ein Stück weit geändert. Jedenfalls muss er jetzt sein Boot mit einem hungrigen Tiger teilen, der sich zwar zunächst auf die Hyäne stürzt, die aber sicher nicht ewig vorhalten wird. Deshalb macht sich Pi zunächst daran, ein Floß zu bauen, das er mit dem Boot verbindet, um eine physische Trennung von der Großkatze zu schaffen. Als nächstes versucht er, dem Tiger sein Review klar zu machen und ihn, so gut es geht, mithilfe von Nahrung und einer Pfeife ein wenig abzurichten. Es gelingt ihm in der Tat so gut, dass sie beide eine halbwegs friedliche Koexistenz im Rettungsboot führen können, auch wenn Pi immer auf der Hut sein muss, keinen Fehler zu machen. Die Beschäftigung mit dem Tiger hilft ihm auch, sich nicht einfach zu ergeben angesichts seiner ausweglosen scheinenden Situation.

I had to stop hoping so much that a ship would rescue me. I should not count on outside help. Survival had to start with me. In my experience, a castaway’s worst mistake is to hope too much and to do too little. Survival starts by paying attention to what is close at hand and immediate. To look out with idle hope is tantamount to dreaming one’s life away.

Er wird unwillkürlich ein anderer, z. B. muss der als Vegetarier erzogene Junge jetzt mitleidlos Fische und Schildkröten töten, um sein und des Tigers Überleben zu sichern. Er erlebt eine Phase des Deliriums, in der er sich einbildet, Richard Parker könnte sprechen und würde einen blinden Franzosen töten, der ebenfalls als Schiffbrüchiger auf dem Meer umher treibt. Und er findet eine Insel, die ganz aus Algen besteht und von Erdmännchen bewohnt wird. Doch das vermeintliche Paradies entpuppt sich als tödliche Falle, denn die Algen sind bei Nacht fleischfressend …

Am Ende schafft es Pi tatsächlich, mit seinem Boot die Küste Mexikos zu erreichen. Sobald der Tiger Land sieht, springt er von Bord und verschwindet im Dschungel, was Pi fast das Herz bricht, war das Raubtier doch für lange Zeit sein einziger Gefährte.

I’ve never forgotten him. Dare I say I miss him? I do. I miss him. I still see him in my dreams. They are nightmares mostly, but nightmares tinged with love. Such is the strangeness of the human heart. I still cannot understand how he could abandon me so unceremoniously, without any sort of goodbye, without looking back even once. The pain is like an axe that chops my heart.

Den mexikanischen Beamten, die ihn ihm Krankenhaus besuchen, bietet er dann zwei Versionen seiner Geschichte an: die, die der Leser kennt, und eine andere, realistischere, aber auch grausamere. Und an dieser Stelle kommt die Philosophie ins Spiel: Was wollen bzw. können wir glauben? Handelt es sich am Ende nur um eine Parabel, so wie auch die Religionen Geschichten erzählen, die für etwas anderes stehen? Aber macht eine schöne Geschichte am Ende das Leben nicht so viel interessanter? Schließlich müssen das auch die Beamten zugeben. Und genau so verhält es sich laut Pi auch mit Gott.

I can well imagine an athiest’s last words: „White, white! L-L-Love! My God!“ – and the deathbed leap of faith. Whereas the agnostic, if he stays true to his reasonable self, if he stays beholden to dry, yeastless factuality, might try to explain the warm light bathing him by saying „Possibly a f-f-failing oxygenation of the b-b-brain,“ and, to the very end, lack imagination and miss the better story

Zwar glaube ich nicht, dass „Schiffbruch mit Tiger“ Menschen zum Glauben bekehren kann – wer felsenfest nur an wissenschaftlich beweisbare Fakten glaubt, wird Pis „poetischere“ Variante seiner Erlebnisse als Versuch ansehen, alles Traumatische mit einem Mantel zu bedecken, um leichter damit leben zu können. Es wird eher Leser ansprechen, die hin und wieder mit ihrem Glauben hadern, die Zweifler, die nach einem rationalen Beweis suchen, während sie doch tief im Inneren wissen, dass es einen solchen nicht geben kann. Übrigens hat schon Blaise Pascal von einer Wette gesprochen, die der Glauben sei – man riskiert nichts, wenn man glaubt und sei insgesamt besser dran, weil er Trost im Diesseits bietet und vielleicht sogar das ewige Seelenheil nach dem Tod, sollte es wirklich einen Gott geben. Man verliert auf jeden Fall nichts. So ähnlich sieht es auch Pi.

Abgesehen von den religiösen und philosophischen Themen des Romans handelt es sich auch um eine unglaublich spannende Geschichte, die ich geradezu verschlang. Auch lernt man einiges, z. B. hätte ich nie gedacht, was so ein modernes Rettungsboot alles an Ausrüstung enthält – u. a. Auffangbehälter für Regenwasser oder Filter, um Meerwasser trinkbar zu machen, Raketen usw. – es dürfte im Normalfall also hoffentlich nicht zum Kannibalismus kommen, wie beim Untergang der Mignonette 1883, als sich die Überlebenden genötigt sahen, einen von ihnen als Proviant für die anderen zu bestimmen. Das Opfer hieß übrigens … Richard Parker.

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Quelle: http://www.hidefninja.com

Szenenbild aus dem Film

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