Ein Monat - ein Buch

März 2006: Hanns-Josef Ortheil – Die große Liebe

Der Titel schreit geradezu „Kitsch“. Schließlich sind wir heutzutage alle furchtbar abgebrüht und zu zynisch, um an so etwas wie „Die große Liebe“ zu glauben, oder? Doch tief im Inneren sehnt sich wohl jeder danach, selbst wenn er es sich nicht eingestehen mag.

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Quelle: amazon.de

Leider konnte ich nicht ermitteln, bei welchem Renaissancegemälde sich das Cover bediente

Ein solcher Ungläubiger ist Giovanni, Ich-Erzähler des Romans (und Deutscher, trotz des Namens), der sich aus beruflichen Gründen auf den Weg von München an die italienische Adriaküste begibt, um dort einen Film über die Gegend und vor allem das Meer zu drehen. Dabei lernt der Fernsehredakteur, der sich noch immer nicht ganz von einer kürzlich in die Brüche gegangenen Beziehung erholt hat, die Meeresbiologin Franca kennen, und wie im Film ist es für ihn Liebe auf den ersten Blick. Seine Gefühle bringen ihn einigermaßen aus der Fassung, denn er ist es gewohnt, mit Frauen zu flirten, sie zu verführen, doch lässt er sich am Ende nie ganz auf sie ein, seine Beziehungen bleiben stets an der Oberfläche. Er hat die Hoffnung auf Liebe begraben, seit ihm seine erste mit 17 das Herz brach … Aber Italien scheint ihm die Sinne zu öffnen, den Geist zu durchlüften durch all die neuen Eindrücke, das gute Essen und nicht zuletzt das Meer: Er verliebt sich zuallererst in das Land selbst.

Das Meer war sehr ruhig, die Wellen glitten ungebrochen an Land und legten sich wie feine Netze aus Schaum über den glatten aufschimmernden Sand. Ich breitete die Arme aus, wie zum Flug, so verharrte ich kurz, ohne Bewegung, ich war angekommen.

Es ist vermutlich einfacher, eine dramatische Geschichte über eine unglücklich endende Liebe zu schreiben als eine harmonische über eine glückliche, noch dazu, wenn es all die Schwulstklippen zu umschiffen gilt. Zwar geht es auch bei Ortheil nicht gänzlich konfliktfrei zu: Die Dottoressa hat bereits einen Verlobten, den sie in Kürze heiraten und dann mit ihm woanders hinziehen möchte. Doch als sie Giovanni trifft, ist sie viel eher bereit als er, einen Schnitt und den ersten Schritt zu machen und dann auch die Konsequenzen zu tragen, sich mit Haut und Haar auf ihn und eine neue Zukunft einzulassen. Er ist da viel zögerlicher, stellt seine eigenen Gefühle in Frage, prüft und analysiert sie und kommt doch nur zu dem gleichen Schluss wie Franca, was er dann auch gegenüber dem Verlobten ausdrückt:

Sie werden es pathetisch finden, aber in meinen Augen ist es Die große Liebe ohne Herzschmerz und Eifersucht, ohne Intrigen und Vorbehalte, ohne jeden Kummer und Rücksichten. Wir befinden uns in einem Roman, Franca und ich – wir schreiben gleichsam an einem Roman, es ist ein beinahe klassischer Liebesroman. Zwei Menschen erkennen, dass sie füreinander geschaffen sind, das ist es, und es ist so gewaltig, dass es alles andere zum Schwiegen bringt.

Wie realistisch so etwas ist, sollte hier nicht die Frage sein. Der Autor hat sich das Ziel gesetzt, uns eine romantische Liebesgeschichte in schöner Landschaft zu präsentieren, und dies ist ihm zweifellos gelungen. Der Leser darf daran nicht allzu zynisch herangehen oder sich davon deprimieren lassen, nach dem Motto „So etwas gibt es ja doch nur im Roman…“ – ja, vielleicht, aber das haben schon andere geglaubt und sind dann durch einen verzauberten Augenblick eines besseren belehrt worden. Und diese Menschen werden bestätigen, dass es kein Kitsch ist, wenn es einem selber passiert. „Die große Liebe“ ist jedenfalls weitgehend frei davon, so frei, wie er sein kann, wenn sich die Handlung in Italien abspielt, das für viele ja der Sehnsuchtsort an sich ist. Die Liebenden geben sich ausgiebig den kulinarischen Genüssen und dem Rotwein hin, noch bevor sie sich einander hingeben, in einer alten Umkleidekabine am Meer – wo sonst. Wobei von Anfang an klar ist, dass dies viel mehr als eine rein körperliche Angelegenheit ist, hier treffen sich zwei Seelenverwandte, die die Welt mit den gleichen Augen betrachten und ihr eigenes Glück kaum fassen können. Dies in Worte zu fassen, ist viel schwerer als es scheinen mag, doch hier ist es gelungen.

Vielleicht eignet sich das Buch am besten für den Urlaub, wenn man fern des Alltags und offen für die üppig-sinnlichen Beschreibungen des südlichen Landes ist, und die Gedanken schwärmerisch schweifen lassen kann, hin zur eigenen Jugend, als man noch an die große Liebe glaubte … oder zu dem Moment, als man begriff, dass man sie gefunden hat. So etwas soll es geben. Hanns-Josef Ortheil erinnert uns unaufdringlich, doch unvergesslich schön daran.

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