Ein Monat - ein Buch

August 2014: Bill Bryson – At Home

Bücher, die mich unterhalten und bei denen ich gleichzeitig etwas lerne, also interessante und gut geschriebene Sachbücher, sind mir immer hochwillkommen. Und kaum einem gelingt dies so gut wie dem Amerikaner Bill Bryson, der seit den 70er Jahren in England lebt und über seine neue Heimat das sehr erfolgreiche „Notes From A Small Island“ geschrieben hat, eine sehr unterhaltsame Reise durch das Inselreich in den 90ern (mittlerweile ist ein Folgeband erschienen, „The Road to Little Dribbling“). Außerdem unternahm er den sehr kühnen Versuch, „A Short History of Nearly Everything“ zu verfassen, inwieweit er dabei „fast alles“ berücksichtigt hat, kann ich nicht sagen, da ich es nicht gelesen habe – Bücher über naturwissenschaftliche Themen, und seien sie noch so allgemein verständlich geschrieben, ignoriere ich generell (gleiches gilt für Stephen Hawkings Werke, ich würde sicher eine Menge daraus lernen, aber es interessiert mich einfach nicht und so gebe ich mich mit meiner Ignoranz zu diesen Themen zufrieden). Okay, vielleicht mache ich bei Bryson irgendwann eine Ausnahme, denn er versteht es wirklich meisterhaft, im Plauderton viele interessante Anekdoten und Fakten zu allem Möglichen zusammen zu tragen, ohne den Leser damit zu überfordern oder zu ermüden. Vielmehr entsteht daraus ein faszinierendes, rundes Ganzes.

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Quelle: readmeblogsite.net

Ausgangspunkt von „At Home“ (untertitelt mit “ A Short History of Private Life“ und somit quasi eine Fortsetzung von „Nearly Everything“, das die Anfänge des Lebens und der Menschheit beschreibt – nun erfahren wir, was sie aus ihrem Dasein gemacht hat), ist Brysons eigenes Haus in Norfolk, das er dem Leser wie folgt präsentiert:

As the Crystal Palace rose in London, one hundred and ten miles to the north-east, beside an ancient country church, under  the  spreading skies of Norfolk,  a rather  more modest  edifice went up in 1851  in a village near the market town of Wymondham: a parsonage of a vague and rambling nature, beneath an irregular rooftop of barge-boarded gables and jaunty chimney stacks in a cautiously Gothic  style – ‘a good-sized house,  and  comfortable enough in a steady, ugly, respectable way’, as Margaret Oliphant, a hugely popular and prolific Victorian novelist, described the breed in her novel The Curate in Charge.

In dem ehemaligen Pfarrhaus mit seinem für seine Entstehungszeit im 19. Jahrhundert typischen Grundriss und Räumlichkeiten macht er eine Art Rundgang vom Keller bis zum Dachboden und weiß über jedes Zimmer etwas zu erzählen, das damit in Verbindung steht. So widmet er sich beim Thema Schlafzimmer der Geschichte des Bettes, das für die längste Zeit kein sonderlich privater Ort war: Kinder schliefen im Elternbett, Dienstboten am Fußende des Betts ihrer Herrschaft und in Herbergen mussten sich Reisende das Bett in der Regel mit ihren Zimmergenossen teilen. Im Esszimmer lernen wir, wie sich die Essgewohnheiten und -zeiten im Laufe der Jahrhunderte änderte, wobei er sich dabei (wie allgemein in seinen Büchern) auf die britische und amerikanische Kultur konzentriert, wo das „Dinner“ früher schon zur Mittagszeit eingenommen wurde (so heißt  das klassische Mittagessen am 1. Weihnachtsfeiertag noch heute „Christmas Dinner“, auch wenn „dinner“ ansonsten meist das Abendessen bezeichnet), bis es sich immer weiter nach hinten verschob, sodass man für die Zeit davor ein Mittagessen einführte sowie den berühmten „Afternoon Tea“. Aufgrund veränderter Lebensgewohnheiten wie Bälle und Theaterbesuchen wurde dann mitunter noch ein zweites, spätes Abendessen, das „Supper“ nötig. Außerdem verdeutlicht Bryson beispielsweise die architektonische Revolution, die die Einführung des Schornsteins darstellte: Zuvor hatte man quasi ein Lagerfeuer im Haus, mit allen damit verbundenen Gefahren und der Rauchentwicklung. Gefährlich waren auch das Kinderkriegen und Kinderleben in der Vergangenheit: Hatte man das Glück, die eigene Geburt zu überleben und nicht an einer Krankheit zu sterben, wurde man als Kleinkind vielleicht von einem (auch in der Stadt) umherlaufenden Schwein gebissen oder fiel ins offene Feuer (siehe oben).

So entsteht eine Geschichte des menschlichen Alltags von der Geburt bis zum Tod, ein Alltag, der sich in der Spülküche oder im Arbeitszimmer abspielen konnte, auf jeden Fall aber immer irgendeine Art von Klo beinhaltete, wenn sich dieses auch lange nicht in einem eigenen Raum befand, geschweige denn mit Spülung ausgestattet war. Bryson erinnert uns daran, wie wenig selbstverständlich die für uns heute normalsten Dinge sind:

We forget just how painfully dim the world was before electricity. A candle, a good candle, provides barely a hundredth of the illumination of a single 100 watt lightbulb. Open your refrigerator door, and you summon forth more light than the total amount enjoyed by most households in the 18th century. The world at night, for much of history, was a very dark place indeed.

Natürlich ist es unmöglich, all die Begebenheiten, Geschichten über Erfindungen und Entdeckungen, Namen und Orte, die Bill Bryson in „At Home“ versammelt, im Gedächtnis zu behalten, einiges bleibt aber doch stecken und lässt sich prima in dem ein oder anderen Gespräch anmerken oder anderweitig in Zukunft verwenden. Es gibt viele Aha-Momente, wie z. B. bei der Erklärung, warum wir uns ausgerechnet Salz und Pfeffer auf den Tisch stellen, warum unsere Gabeln meist vier Zinken haben oder dass Treppen zu den häufigsten Todesursachen gehören – nachdem ich das gelesen hatte, ging ich für den Rest des Tages sehr viel vorsichtiger die Stufen in unserem Haus hoch und runter.

Als Übersetzer möchte ich noch anmerken, dass es mit Sicherheit nicht einfach gewesen sein kann, dieses wie erwähnt sehr auf den britischen/amerikanischen Kulturkreis ausgerichtete Buch ins Deutsche zu übertragen. Da ich es nicht auf Deutsch gelesen habe, kann ich nichts über die Qualität sagen, es ist jedoch wahrscheinlich, dass Sigrid Ruschmeier sehr viel Recherchearbeit leisten musste und ziehe schon deshalb den Hut vor ihr. Es gibt auch ein von Rufus Beck eingelesenes Audiobuch (Hörprobe hier). Ob vor- oder selbst gelesen, Brysons Sammelsurium ist auf jeden Fall ein lehrreiches Vergnügen, bei dem es einmal quer durch den Gemüsegarten, oder besser gesagt, durch das davorstehende Wohnhaus geht, durch alle Zeiten und Länder, während man sich dabei im besten Falle „at home“ befindet.

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2 Kommentare zu “August 2014: Bill Bryson – At Home

  1. Hallo Anne, danke für deine Rezension. „At Home“ wandert gleich auf meine Wunschliste. Ich stecke gerade in „It’s textile my der. Wieder reif für die Insel“ (ich lese auf Deutsch). es ist köstlich und zugleich lehrreich – sehr zu empfehlen!

    • Hallo Nele, vielen Dank für deinen Kommentar! Ja, „The Road to Little Dribbling“ (wie das von dir gelesene Buch im Original heißt) steht dieses Jahr auf jeden Fall noch auf meiner Leseliste und ich freu mich da schon sehr drauf. Bei Bryson lernt man auf jeden Fall immer was Neues!

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