Ein Buch - mehrere Monate

George Eliot – Daniel Deronda

Mit ihrem letzten Roman „Daniel Deronda“ ging George Eliot, die in ihrem Leben und Werk schon einige Grenzen der viktorianischen Sittsamkeit durchbrochen hatte, noch einmal ein richtiges Wagnis ein: Sie stellte einen jungen Mann in den Mittelpunkt, der nicht nur zwischen zwei Frauen steht, von denen die eine praktizierende Jüdin ist, er zeigt auch im Laufe der Geschichte ein zunehmendes Interesse und eine wachsende Faszination für das Judentum. Nie zuvor wurden Angehörige dieser Religion so positiv, ja sogar als Vorbild für die englische Gesellschaft in einem Roman dargestellt, was bis heute zu Kontroversen führt. So verwundert der Vorschlag eines Kritikers nicht, man solle doch alle Passagen, die Daniel betreffen, herausnehmen und sich auf den anderen Handlungsstrang konzentrieren, ja das Buch sogar nach seiner heimlichen Heldin in „Gwendolen Harlech“ umbenennen. Diese sehen wir zum ersten Mal durch seine Augen an einem für Damen äußerst unschicklichen Ort: an einem Roulette-Tisch.

Was she beautiful or not beautiful? and what was the secret of form or expression which gave the dynamic quality to her glance? Was the good or the evil genius dominant in those beams? Probably the evil; else why was the effect that of unrest rather than of undisturbed charm? Why was the wish to look again felt as coercion and not as a longing in which the whole being consents?

She who raised these questions in Daniel Deronda’s mind was occupied in gambling: not in the open air under a southern sky, tossing coppers on a ruined wall, with rags about her limbs; but in one of those splendid resorts which the enlightenment of ages has prepared for the same species of pleasure at a heavy cost of gilt mouldings, dark-toned color and chubby nudities, all correspondingly heavy—forming a suitable condenser for human breath belonging, in great part, to the highest fashion, and not easily procurable to be breathed in elsewhere in the like proportion, at least by persons of little fashion.

Nicht nur aufgrund ihrer Leidenschaft fürs Spiel ist Miss Harlech in der Tat höchst bemerkenswert: schön und gewandt wie eine griechische Göttin, kapriziös und stolz, mit einem unbedingten Freiheitswillen, will sie sich von keinem Mann an die Kette legen lassen und begreift die Ehe nur als Möglichkeit, endlich selbstbestimmt zu leben, finanziell unabhängig und ohne die lästigen Einschränkungen, denen eine unverheiratete Frau von Stand unterliegt. Aus Liebe macht sie sich nichts, wie zuerst ihr Cousin feststellen muss, der gar nicht anders kann, als sich heftig in diese reizende Amazone zu verlieben. Gwendolen wiederum fühlt sich auf den ersten Blick angezogen von Deronda, selbst wenn er sie zunächst heftig in ihrem Stolz verletzt, als er ein von ihr verpfändetes Armband einlöst und ihr zukommen lässt. Zu dem Zeitpunkt, als er (und der Leser) sie in einem deutschen Kurort kennen lernt, ist sie auf der Flucht vor einem anderen Verehrer: Mr Grandcourt, einem reichen Erben, der erst kürzlich ein Anwesen in der Nähe von Gwendolens Familie bezogen hat und ihr nach kurzer Zeit einen Antrag macht, den sie jedoch ausschlägt, da sie ein dunkles Geheimnis über seine Vergangenheit erfahren hat. Doch muss sie ihre Position neu überdenken, als sie während ihrer Europareise erfährt, dass die Familie aufgrund von Fehlinvestitionen ihr gesamtes Vermögen verloren hat: Plötzlich erscheint ihr Grandcourts Angebot als einzige Alternative dazu, ihre Mutter und vier Schwestern als Gouvernante durchzubringen und in ein winziges Cottage zu ziehen – kurz, als Möglichkeit ihren Lebensstandard zu retten. Auch glaubt sie, ihren Zukünftigen so wie alle anderen Männer um den Finger wickeln zu können, eigenwillig und selbstsicher wie sie nun mal ist. Doch muss die als verwöhnte Prinzessin aufgewachsene Gwendolen bald erkennen, dass sich ihr Gatte zum Ziel gesetzt hat, ihren Willen zu brechen und ihr mit allen Mitteln zu zeigen, wer der Herr im Hause ist …

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Quelle: goodreads.com

In dieser Situation erscheint ihr der junge Daniel Deronda wie ein Fels in der Brandung, bei dem sie unter den argwöhnischen Augen ihres Ehemanns Trost und Rat sucht. Und halb unbewusst auch mehr. Dabei ist Daniel längst nicht so gefestigt, wie er scheint: als Mündel seines „Onkels“ Sir Hugo Mallinger aufgewachsen, nimmt er an, dass er eigentlich dessen unehelicher Sohn sei und sucht die ganze Zeit nach seinen Wurzeln (seine Mutter hat er nie gekannt). Er lässt sich mehr oder weniger treiben, aufgrund des wohlhabenden Onkels ohne den Druck, eine Profession auszuüben. Sein Leben ändert sich schlagartig, als er an einem Sommerabend auf der Themse ein junges jüdisches Mädchen vor dem Ertrinken rettet – sie wollte auf diese Weise Selbstmord begehen. Daniel bringt die mittel- und heimatlose Mirah Lapidoth bei der Familie eines Freundes unter und erfährt bald, dass sie nach London gekommen ist, um ihre Mutter zu finden, von der ihr Vater sie als Kind mehr oder weniger „entführt“ hat, um seiner Spiel- und Freiheitssucht nachzugehen. Mirah trat als Sängerin auf, doch ohne Leidenschaft für die halbseidene Bühnenwelt, in der sie früher oder später ihre Unschuld verlieren würde. Daniel wird von dem Gedanken besessen, ihre Mutter und ihren Bruder ausfindig zu machen und lernt durch einen Zufall den Schriftgelehrten Mordecai kennen, der in ihm einen Menschen zu erkennen glaubt, der seine Vision eines geeinten jüdischen Volkes im Land seiner Vorfahren weitertragen wird. Die Zeit drängt, denn Mordecai ist todkrank. Doch Daniel zögert, ist hin- und hergerissen zwischen seinem Respekt für den Gelehrten und dem damit einhergehenden Interesse am Judentum, seiner wachsenden Zuneigung zu Mirah, der Suche nach seiner Herkunft und schließlich den Erwartungen seines Umfelds, dass er den typischen Weg eines Gentlemans (z. B. als Politiker) einschlagen wird. Bis ihm sein Onkel einen Brief übermittelt, der alles auf den Kopf stellt …

Das Buch fesselte mich bis zur letzten Seite, mit großer Spannung verfolgte ich den Lebens- und Leidensweg der einzelnen Charaktere und fieberte mit, ob das zum Beispiel etwas wird mit Daniel und Mirah. Einige Wendungen lassen sich voraus ahnen, während andere ganz unvorhergesehen kommen. Die Autorin schafft es, dass man Anteil an den fiktiven Personen nimmt, selbst wenn sie einem am Anfang so unsympathisch sind wie das bei Gwendolen der Fall sein könnte. Natürlich wünscht man ihr, dass sie von ihrem hohen Ross herunterkommt, doch mit ihrem äußerst schmerzhaften Fall leidet man dennoch mit. Einiges hätte noch radikaler sein dürfen – muss Mirah dann partout auf die Heirat mit einem Juden beharren? Ein anderes Paar in der Geschichte (Bekannte von Deronda und Gwendolen) wagen eine solche konfessionsübergreifende Verbindung, wobei die Braut sogar eine mögliche Enterbung riskiert. Die jüdischen Elemente, Einblicke in Rituale, in Dialoge eingeflochtene Erörterungen über die Geschichte der Juden und ihre mögliche Zukunft, mögen mitunter überflüssig wirken, ablenkend vom eigentlichen Geschehen – hier merkt man, dass Eliot ein Anliegen mit dem Roman hatte, das sie „an den Leser bringen“ wollte. Diese Seiten werden von einigen Leser vielleicht nur überflogen oder ganz übersprungen. In der BBC-Verfilmung von 2002 wurden sie jedenfalls vernachlässigt, es erfolgte eine Verlagerung auf die romantischen Aspekte der Geschichte. Dabei lernen wir im Roman auch den ganz normalen Antisemitismus im 19. Jahrhundert kennen, als Juden landläufig als ungewaschene Bohemiens, schurkische Geschäftsmänner oder jedenfalls als exotische Heiden galten, mit denen der ehrenhafte Christenmensch nichts zu tun haben wollte.

But when Rex was present, the girls, according to instructions, never started this fascinating topic, and to-day there had only been animated descriptions of the Meyricks and their extraordinary Jewish friends, which caused some astonished questioning from minds to which the idea of live Jews, out of a book, suggested a difference deep enough to be almost zoological, as of a strange race in Pliny’s Natural History that might sleep under the shade of its own ears. Bertha could not imagine what Jews believed now; and she had a dim idea that they rejected the Old Testament since it proved the New; Miss Merry thought that Mirah and her brother could „never have been properly argued with,“ and the amiable Alice did not mind what the Jews believed, she was sure she „couldn’t bear them.“ Mrs. Davilow corrected her by saying that the great Jewish families who were in society were quite what they ought to be both in London and Paris, but admitted that the commoner unconverted Jews were objectionable; and Isabel asked whether Mirah talked just as they did, or whether you might be with her and not find out that she was a Jewess.

In einer Zeit, in der Vorurteile und Angst vor Fremden mehr denn je vorherrschen, tut man gut daran, zu bedenken, dass dies kein neues Phänomen ist, dass jahrhundertelang Juden damit zu kämpfen hatten (und natürlich weiterhin haben, nur dass wir heute geschichtsbedingt sensibler für Antisemitismus sind). Marginalisiert, dämonisiert und oft mit einem Gefühl der Heimatlosigkeit, sehnten sich nach dem Gelobten Land, das sie ca. 70 Jahre nach Erscheinen des Buches endlich einnehmen konnten, ungeachtet der Tatsache, dass es derweil von einem anderen Volk besiedelt worden war. Doch dies ist ein ganz anderes Problem (und findet im Roman mit seiner Verklärung des frühen Zionismus keine Erwähnung).

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Quelle: http://www.audienceseverywhere.net

Grandcourt, Gwendolen und Daniel in der BBC-Miniserie von 2002

Vielleicht hat der anfangs erwähnte Kritiker insofern recht, als dass der Roman zuweilen wirklich wie zwei Werke erscheint, jedes mit einer Hauptfigur, die ihren Platz in der Welt sucht, der eine eher auf spirituelle Weise, die andere eher im Sinne von Reichtum und Ansehen. Beide haben nur wenige gemeinsame Szenen, auch wenn diese dann von umso größerer Intensität sind. Doch fand ich nicht, dass der eine Handlungsstrang dem anderen überlegen wäre, eher vermisst man die eine Hauptfigur, wenn sich die Autorin der anderen zuwendet. In ihrem letzten Werk hat sich George Eliot selbst übertroffen und einen Klassiker geschaffen, der heute oft zugunsten von „Middlemarch“ übersehen wird und den man, einmal entdeckt, fast schon überrascht angesichts seiner Qualität und Alterslosigkeit liest.

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Ein Kommentar zu “George Eliot – Daniel Deronda

  1. Danke für diese Rezension, die mich darin bestärkt, mehr von George Eliot zu lesen. Habe selbst kürzlich ihre Novelle „The Lifted Veil“ [„Der Vorhang hebt sich“] gelesen und begeistert rezensiert. Schon in diesem frühen Werk erahnt man die Größe (und erstaunliche Modernität) dieser Autorin. Wie du schreibst, kennen alle nur „Middlemarch“, haben es aber wohl in den seltensten Fällen gelesen.

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