Und dann war da noch

Charlotte Link – Schattenspiel

Dieses Buch fand ich in bei meinen Großeltern, wahrscheinlich hatte mein Großvater es irgendwo gewonnen, denn sie sind beide keine Leser und würden sich niemals einen Roman kaufen. Für mich war es eines der ersten „Erwachsenenbücher“, das ich las, und das mehrmals, denn die Geschichte und Figuren sind mir noch immer deutlich im Gedächtnis, auch wenn die Lektüre nun schon viele Jahre lang her ist.

charlotte-linkschattenspiel

Quelle: booklooker.de

Charlotte Link (nicht zu verwechseln mit der Regisseurin Caroline Link, die für „Nirgendwo in Afrika“ einen Oscar erhielt) gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren unserer Zeit. Außer „Schattenspiel“ las ich von ihr allerdings nur „Das Echo der Schuld“, doch scheint sie hauptsächlich Psychothriller zu schreiben, also nicht unbedingt mein bevorzugtes Genre. Doch in solchen Kategorien dachte ich noch nicht, als ich „Schattenspiel“ las, es war dick und spannend und das reichte mir.

So verfolgte ich den Fall um den Tod des reichen Industriellen David Bellino in seinem New Yorker Haus, der, just als er nach Jahren zum ersten Mal wieder mit vier alten Freunden aus Internatszeiten zusammentrifft, ermordet wird. Wie sich herausstellt, spielte der verwöhnte und egoistische David, der von Jugend an mit seinem bevorstehenden Erbe geprahlt hat, im Leben eines jeden von ihnen eine entscheidende Rolle, und keine positive: Die verhuschte Mary, deren strengkatholischer Vater sie zur Strafe auch schon mal im Winter auf den Balkon aussperrt, fällt bei ihrem ersten Diskobesuch einem Schürzenjäger in die Hände, weil David sich bei einer Razzia aus dem Staub macht. Prompt wird sie schwanger und von ihrem Vater mehr oder weniger zwangsverheiratet, mit einem äußerst unangenehmen Kerl. Die lesbische Natalie wird während eines Urlaubs mit David Opfer eines nächtlichen Überfalls auf einen Gasthof, in dessen Verlauf sie auch vergewaltigt wird – während David sich aus dem Haus retten kann, natürlich ohne sie mitzunehmen. In Folge davon wird sie tablettenabhängig. Steven landet im Gefängnis, weil er für seinen in der IRA kämpfenden Bruder einen Meineid leistet, den David platzen lässt. Und Gina schließlich wird kurz vor der Hochzeit mit ihrem Traummann von David als Lesbe denunziert (er sah sie einmal in einer verfänglichen Situation mit Natalie), was den Verlobten nicht nur einen Rückzieher machen lässt, sondern indirekt auch dazu führt, dass er in ein Flugzeug steigt, das tragischerweise abstürzt. Als wäre dies nicht genug, ist selbst Davids Geliebte Laura, die er quasi aus der Gosse geholt hat, ihm nicht wohlgesonnen.

Mehr und mehr gelangte er inzwischen zu der Ansicht, dass Andreas recht gehabt hatte. Aber damals war er überzeugt gewesen, dass Laura ihn liebte. Es gefiel ihm, wie sie lachte, redete, gestikulierte, wie sie mit geradezu leidenschaftlichem Gesichtsausdruck Champagner trank, wie sie durch ein Zimmer ging oder sich zum Fenster hinauslehnte und Schneeflocken auf ihrem Gesicht zerschmelzen ließ. Er mochte es auch, wenn der Ausdruck ihrer Augen plötzlich von Fröhlichkeit in Melancholie wechselte und eine wehmütige Nachdenklichkeit auf ihren Zügen erschien. Nie konnte sie das kleine, blasse, hungrige Mädchen aus der Bronx verleugnen, das sie einmal gewesen war, auch dann nicht, wenn sie ein Kostüm von Ungaro oder einen Pelz von Fendi trug. In ihrem Gedächtnis existierten Kälte und Armut, Angst und hundertfach erlittene Gewalt. Manchmal schmiegte sie sich an ihn, dann kam es ihm vor, als sei sie ein kleines Tier, das sich im Fell seiner Mutter verkriecht. Den Kopf an seiner Brust vergraben, flüsterte sie: „Ich will nie wieder arm sein, David. Nie wieder. Ich habe solche Angst, dass ich eines Morgens aufwache, und ich bin wieder in dem verfallenen Haus in der Bronx, mein besoffener Vater schnarcht nebenan, und Mutter ist nicht heimgekommen, ich laufe wieder durch die Straßen und suche nach ihr…“

Es gibt also mehr als genug Tatverdächtige. Außerdem war sich David sehr gut darüber im Klaren, dass sie alle einen Grund haben, mit ihm abzurechnen – schließlich hat er sie zu dieser ganz besondere Silvesterparty eingeladen, um herauszufinden, wer ihm seit Wochen Morddrohungen schickt. Die gegenseitigen Verdächtigungen sind groß, doch nur einer kann der Täter sein …

Aus heutiger Sicht mögen die Schicksale der Hauptfiguren etwas arg konstruiert und weit hergeholt erscheinen, doch fiel mir das nie weiter auf. Die jeweiligen Geschehnisse werden in Rückblenden erzählt und man kann sich sehr gut in die einzelnen Personen hineinversetzen. Im Mittelpunkt steht die Frage, inwiefern man jemand anderen für seine geplatzten Träume verantwortlich machen kann: Natürlich ist es leicht, einen Schuldigen für das eigene Unglück zu finden, vor allem, wenn es sich um solch ein Arschloch wie David handelt. Doch ist es auch leicht, sich in der Opferrolle einzurichten, anstatt eigene Verantwortung zu übernehmen. Genau das erkennen Gina, Natalie, Steven und Mary, während sie ihre bisherigen Leben – gezwungenermaßen, im Laufe der polizeilichen Ermittlungen – noch einmal Revue passieren lassen. Und erhalten somit die Chance, sich von der Vergangenheit zu befreien und noch einmal von vorn anzufangen.

An die Auflösung des Mordfalls kann ich mich nicht mehr erinnern (obwohl ich eine Vermutung hinsichtlich des Täters habe), was darauf hindeutet, dass die Rückblenden, die einen Großteil des Romans ausmachen, interessanter sind als das Krimielement. Die Rezensionen, die ich im Internet fand, waren gemischt, die meisten Leser vergaben eine durchschnittliche Note und waren sich einig, dass er nicht zu den besten von Charlotte Link gehört, was allerdings verzeihlich ist, denn er gehört noch zu ihrem „Frühwerk“ (1993 erschienen). Irgendwie haben sich einige Passagen nachdrücklich in mein Gedächtnis gebrannt, z. B. diese hier:

„Ich bin Natalie Quint.“ Sie stellte sich immer auf diese Weise vor, nie sagte sie einfach nur ihren Nachnamen oder „Ich heiße Natalie Quint“. Sie sagte: „Ich bin Natalie Quint“, was ihrem jeweiligen Gegenüber das Gefühl gab, man müsse sie eigentlich kennen.

Dieser Trick machte auf mein elfjähriges Ich einigen Eindruck und ich habe ihn wohl einige Male ausprobiert. Es ist seltsam, welche Bedeutung Bücher annehmen, wenn man sie in einem Alter liest, wenn man noch wie ein unbeschriebenes Blatt ist und die eigene Leseliste noch kurz. Heute würde mir „Schattenspiel“ vielleicht abgeschmackt und langatmig vorkommen, aber so denke ich daran mit einer wehmütigen Nostalgie zurück, wie an einen alten Bekannten, den man lange nicht mehr gesehen hat. Es hat einen Wert für mich, der weit über den literarischen hinausgeht.

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