Ein Monat - ein Buch

Oktober 2007: Henry Fielding – Tom Jones

Nein, hier geht es nicht um den Sänger von „Delilah“ und „It’s Not Unusual“, sondern um einen echten Romanklassiker, der zu den ersten englischen Werken dieses Genres zu zählen ist: „The History of Tom Jones, a Foundling“. Als solcher in „50 Klassiker: Romane vor 1900“ vorgestellt, durfte ich ihn mir natürlich nicht entgehen lassen und erinnere mich noch gut daran, wie ich zu Beginn meiner Studienzeit versuchte, ihn trotz erster Herbststürme, die mir immer die dünnen Seiten umblätterten, draußen zu lesen.

Quelle: amazon.de

Im Film „Geliebte Jane“ über eine (vermutlich fiktive) Romanze und Inspirationsquelle der berühmten Jane Austen gibt es eine Szene, in der Jane von ihrem Angebeteten die Lektüre von „Tom Jones“ empfohlen wird, selbst wenn der Inhalt unpassend für Damen erschien, um einmal eine Ahnung von Leidenschaft zu erhalten. Und mit Sicherheit enthält das Buch einige deftige Szenen, wie sie aber für die Zeit nichts Ungewöhnliches waren – man denke nur an Choderlos de Laclos‘ „Gefährliche Liebschaften“. Nicht ihretwegen wird er jedoch noch heute zu den Meisterwerken der englischen Sprache gezählt, sondern weil er in Stil und Form völlig neu und wegweisend war. Ein Schelmenroman, der die Entwicklung des Findelkinds Tom Jones nachzeichnet, einem völlig untypischen „Held“, der eines Abends im Bett eines wohlhabenden Gutherren gefunden wird. Eine mutmaßliche Mutter ist schnell ausfindig gemacht, doch weigert sie sich, den Namen des Vaters preiszugeben und der Junge wird schließlich von Squire Allworthy aufgezogen. Er wächst zusammen mit seinem Cousin, dem Sohn der Schwester von Allworthy, auf. Dieser Master Blifil wird später sein Rivale um die Gunst von Sophie Western, Tochter eines benachbarten Gutsherrn.

Sophie, die einzige Tochter des Herrn Western, war von mittlerer Größe, ja man hätte sie wohl groß nennen können. Ihr Körper war nicht bloß proportioniert, sondern äußerst zart. Ihr schwarzes reiches Haar reichte bis zur Mitte ihres Körpers hinunter, bevor sie es der neuen Mode wegen abschnitt, und es war jetzt so anmutig an ihrem Nacken gelockt, dass wenige glauben mochten, es sei ihr eigenes. Wenn der Neid irgend einen Teil des Gesichtes ausfindig machen konnte, der weniger Lob verdiente, als das übrige, so möchte es vielleicht die Stirn sein, die etwas höher hätte sein können. Ihre Brauen waren voll, glatt und bildeten einen Bogen, wie ihn die Kunst nicht nachzuahmen vermag. Ihre schwarzen Augen besaßen einen Glanz, der durch alle Sanftmut, die darin lag, nicht zu verlöschen war. […] Ihre Wangen hatten eine ovale Form und auf der rechten befand sich ein Grübchen, das bei dem geringsten Lächeln zum Vorschein kam. […] Das war das Äußere Sophiens und dieser schöne Körper barg eine nicht minder schöne Seele, die dem erstern selbst noch größere Reize gab, denn wenn sie lächelte, verbreitete die Sanftmut ihres Charakters die Glorie über ihr Gesicht, welche keine Regelmäßigkeit der Züge zu geben vermag. Da jedoch die ganze Trefflichkeit des Gemütes sich in der nähern Bekanntschaft ergeben wird, in die wir unsere Leser mit diesem reizenden jungen Mädchen bringen wollen, so brauchen wir sie hier nicht zu schildern, ja es wäre dies eine Beleidigung des Verstandes des Lesers und möchte ihm auch das Vergnügen verkürzen, mit dem er sich selbst ein Urteil über ihren Charakter bilden wird.

Da sie aber zunächst unerreichbar scheint, wird Tom durch die verführerische Molly erst mal vom rechten Weg abgebracht und kurze Zeit später durch eine Intrige von Blifil vom Landsitz verbannt. In seiner Verzweiflung will er Seemann werden, doch diverse Abenteuer und Liebeshändel kommen ihm in die Quere und schließlich sind es die Frauen, die ihn nach London locken, ohne zu wissen, dass auch seine Sophie dorthin unterwegs ist, auf der Flucht vor einer Verheiratung mit Blifil. Natürlich gibt es etliche Irrungen und Wirrungen, doch braucht der Leser nie um den glücklichen Ausgang des Ganzen zu fürchten, dass unser Held am Ende sein Glück findet und der Bösewicht seine gerechte Strafe erhält.

Quelle: de.wikipedia.org

Die liebreizende Sophia Western – laut Wikipedia jedoch nicht in der typischen Kleidung von 1749, in der Seilspringen kaum möglich gewesen wäre, sondern in der Mode von 1800, der Entstehungszeit dieser Zeichnung

Ganz im Stil der damaligen Zeit tragen die Kapitel eine Überschrift, die auf den Inhalt schließen lassen und gleichzeitig neugierig darauf machen sollen (z. B. „Ein sonderbares Ereignis, das dem Herrn Allworthy bei seiner Rückkehr nach Hause zustößt. Das anständige Benehmen der Jungfer Deborah Wilkins, nebst einigen passenden Bemerkungen über Bastarde“), und enthalten, ebenfalls zeittypisch, längere Abschweifungen und Betrachtungen des Autors, nicht immer auf die eigentliche Geschichte bezogen.

Ehe wir weiter fortfahren, lieber Leser, halte ich es für geraten, Dich darauf aufmerksam zu machen, dass ich im ganzen Verlaufe dieser Geschichte so oft abzuschweifen gedenke, als ich eine Gelegenheit dazu sehe, was ich besser zu beurteilen weiß, als irgend ein Kritiker.

Das erschwert die Lektüre für den heutigen Leser vielleicht ein wenig, aber wer sich daran wagt, wird rasch feststellen, dass das Buch überraschend unterhaltsam und vergnüglich ist, ähnlich wie das nur zehn Jahre jüngere „Tristram Shandy“. Nicht umsonst kam „Tom Jones“ in einer Liste der 50 besten britischen Romane aller Zeiten auf Platz 22 – nicht schlecht für ein Buch, das nunmehr fast 270 Jahre auf dem Buckel hat. Wie das Zitat oben zeigt, litt Fielding wahrscheinlich nicht unter Minderwertigkeitskomplexen und wenn man sich den Erfolg seiner literarischen Laufbahn ansieht, in der er sich vor allem durch sein humoristisches und satirisches Talent auszeichnete (sein erster Roman war eine Parodie auf Richardsons Lob der Tugend, „Pamela“), gab es dazu auch keinen Grund. Neben dem Schreiben von Romanen und Theaterstücken war er auch journalistisch tätig und führte als Friedensrichter diverse Reformen im Rechtswesen durch, im Bemühen, die steigende Kriminalität zu bekämpfen. Kein Wunder, dass dieser arbeitsreiche Lebensstil seiner Gesundheit nicht zuträglich war, er starb bereits mit 47.

Und nun, lieber Freund, benutze ich diese Gelegenheit (da sich mir keine andere darbieten wird), Dir von Herzen alles Glück zu wünschen. Bin ich Dir ein unterhaltender Gesellschafter gewesen, so kann ich versichern, dass ich dies zu sein wünschte. Manches, was gesagt wurde, hat vielleicht Dich oder Deine Freunde verletzt, aber ich erkläre feierlich, dass ich weder auf Dich noch auf sie zielte. Ich zweifle nicht, dass man Dir unter andern von mir auch gesagt haben wird, Du hättest mit einem sehr leichtfertigen Menschen zu reisen; aber wer dies auch sagte, er tat mir Unrecht. Niemand verachtet und verabscheut die Leichtfertigkeit mehr als ich und Niemand aus bessern Gründen, denn Niemand ist leichtfertiger behandelt worden.

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