Ein Monat - ein Buch

April 2009: Raymond Chandler – Der große Schlaf

Marlowe, finden Sie Mabel“, flehte Heinz Rudolf Kunze 1986 und war damit sehr erfolgreich, wenn auch fraglich ist, ob sich dieser hartgesottene Bursche mit solch banalen Fällen wie einer durchgebrannten Geliebten befasst hätte. Obwohl, was tut man nicht alles des schnöden Geldes wegen. Die Figur des legendären Detektivs ist für immer untrennbar verbunden mit Humphrey Bogart, der bereits Sam Spade sein Gesicht geliehen und bewiesen hatte, dass er eine ideale Besetzung für diese Art von Rollen war. Berüchtigt ist die Anekdote, dass während der Filmarbeiten zu „The Big Sleep“ (in Deutschland unter dem Titel „Tote schlafen fest“ erschienen) der Regisseur Howard Hawks den Autor fragte, wie eine bestimmte Person in der Handlung eigentlich zu Tode gekommen war und Chandler zugeben musste, dass er es auch nicht wusste …

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Quelle: bookcrossing.com

Aber auf solche Kleinigkeiten kommt es bei seinen Krimis nicht an. Hier zählt allein die Atmosphäre, das Setting – obwohl in LA angesiedelt, scheint es immerzu zu regnen – und vor allem die wunderbar schnoddrige Sprache, mit der Marlowe persönlich den Fall schildert.

Ich trug meinen kobaltblauen Anzug mit dunkelblauem Hemd, Schlips und Brusttaschentuch, schwarze Sportschuhe und schwarze Wollsocken mit dunkelblauem Muster. Ich war scharf rasiert, sauber und nüchtern – egal nun, ob’s einer merkte. Ich war haarscharf das Bild vom gut gekleideten Privatdetektiv. Ich wurde von vier Millionen Dollar erwartet.

In diesem Aufzug betritt er das Anwesen des totkranken General Sternwood, der ihn (passenderweise in einem Treibhaus, umgeben von Orchideen) beauftragt, einem Erpressungsfall nachzugehen, in den seine Tochter Carmen verwickelt ist. Dieses daumenlutschende Blondchen ist kein Kind von Traurigkeit und so verwundert es nicht, dass ein gewisser Arthur Geiger Geld von ihr fordert, da er offensichtlich kompromittierendes Material von ihr hat. Ihre Schwester Vivian scheint auf den ersten Blick weitaus kühler, doch wird Marlowe bald klar, dass sie ebenfalls etwas zu verbergen hat. Der Fall gestaltet sich kompliziert, als er den offenbar einen Versandhandel für pornografisches Material betreibenden Geiger erschossen auffindet, mit einer nackten und unter Drogen stehenden Carmen neben ihm, von der offenbar Bilder gemacht wurden, die jetzt verschwunden sind – weiterer Stoff für eine Erpressung. Dahinter steckt wohl Joe Brody, der bereits früher versuchte, Geld von Carmen zu erpressen. Doch auch dieser wird das Ende des Romans nicht lebend überstehen. Und welche Rolle spielt eigentlich Rusty Regans, Vivians Ehemann, der angeblich mit der Frau des Casinobetreibers und Gangsterbosses Eddie Mars abgehauen ist?

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Quelle: cinema.de

Now wait a minute, you’d better talk to my mother.

Die Handlung ist zu komplex, um sie in mehr als in den wenigen Sätzen oben nachzuerzählen, ohne die Spannung zu zerstören oder durch die Aufzählung zu vieler Personen zu verwirren. Denn auf den etwas mehr als 200 Seiten passiert unheimlich viel, die Ereignisse überschlagen sich und nichts ist so, wie es anfangs scheint. Marlowe, der ehemalige Polizist, desillusioniert und angeekelt von der Korruption in seiner Branche und stets darum bemüht, sauber und anständig durchs Leben zu kommen, stolpert hier nur so über Leichen und schöne Frauen, allesamt „femmes fatales“, wie es in einem klassischen „hardboiled“ Krimi sein muss. So fällt ihm gleich nach Betreten der Sternwood-Villa die nymphomatische Carmen in die Arme:

 Sie war an die 20, klein und schnuckelig, ziseliert, sah aber ganz so aus als ob sie einiges verkraften könnte. Sie trug blassblaue Hosen und sah gut darin aus, sie ging, als ob sie schwebte. Sie hatte hübsches lohfarbenes Haar, das viel kürzer geschnitten war als es die derzeitige Mode mit ihren eingerollten Pagenkopffransen verlangte. Ihre Augen waren schiefergrau und fast völlig ausdruckslos, als sie mich ansahen. Sie kam auf mich zu und lächelte… […] „Sind Sie aber groß“, sagte sie. – „Ich hab’s mir nicht ausgesucht.“ Ihre Augen kullerten. Sie war verdutzt. Sie dachte nach. Ich merkte schon nach dieser kurzen Bekanntschaft, dass sie mit dem Denken ihre liebe Not hatte.

Sehr empfehlenswert ist auch die erwähnte Verfilmung von 1946, mit der unvergleichlichen Chemie zwischen Humphrey Bogart und Lauren Bacall, ebenso wie der Roman zu einem Klassiker seines Genres geworden. Ich schaute mir den Film in einer dunklen Herbstnacht ca. ein halbes Jahr nach Lektüre des Buchs an und fand ihn äußerst faszinierend. Merkwürdigerweise habe ich nie ein anderes Werk von Chandler gelesen, obwohl ich sicher bin, dass sie den Vergleich mit „Der große Schlaf“ nicht zu scheuen brauchen („Der lange Abschied“ von 1953 soll besonders gut sein). Das sollte ich wahrscheinlich dringend mal nachholen, denn seine unvergleichliche Erzählweise und der trockene Humor haben mir damals viel Freude bereitet. Leider konnte ich nur wenige Zitate als Beispiel für seinen Stil online finden, darum sollte man mir einfach glauben, dass man sich diesen Krimileckerbissen nicht entgehen lassen sollte. Leih mir deinen Mantel, Marlowe, nur für eine Nacht.

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