Ein Monat - ein Buch

Juni 2006: Carson McCullers – Das Herz ist ein einsamer Jäger

My heart has always been a lonely hunter“, singt Madonna in einem Song auf ihrem Album „Bedtime Stories“, und das ist eine schöne Metapher, die aber nicht von ihr stammt. Carson McCullers gab ihrem 1940 erscheinenden Debütroman, den sie mit gerade einmal 20 Jahren zu schreiben begann, den Titel „The Heart Is  A Lonely Hunter“ und bringt damit dessen Stimmung treffend zum Ausdruck. Überhaupt war sie „wise beyond her years“, eine Art Wunderkind, das bereits mit 5 Jahren Klavier spielte, eine angestrebte Karriere als Pianistin wurde leider durch Rheuma zunichte gemacht. Sie erlitt als junge Frau mehrere Schlaganfälle, fühlte sich zu Männern und Frauen hingezogen, heiratete zwei Mal den gleichen (der sich schließlich das Leben nahm) und starb schließlich mit nur 40 an einem erneuten Schlaganfall. Aus diesem Grund ist ihr literarisches Schaffen nicht allzu groß, aber dennoch von großer Bedeutung für die amerikanische Literatur.

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Quelle: picclick.de

In ihrem Erstling erzählt sie von einigen Bewohnern einer kleinen Stadt im Süden der USA, im Bundesstaat Georgia, wo es heiß und dreckig ist. Die Protagonisten sind Außenseiter, allen voran der Taubstumme John Singer. Sein bester Freund, Spiros Antonapoulos, ebenfalls taubstumm, wird zu Beginn des Buches in die Psychiatrie eingewiesen, was dazu führt, dass sich Singer zunehmend einsam fühlt, da er nun mit niemandem mehr kommunizieren kann. Gleichwohl kommen aber Menschen zu ihm, weil sie bei ihm mit seinem friedlichen Gesichtsausdruck und seinem Schweigen eine Art Trost für ihre Sorgen finden. So geht es dem trinkenden Revoluzzer Jake Blount, dem Teenager Mick Kelly, Biff Brannon – in dessen Café Singer jeden Tag isst – sowie dem schwarzen Arzt Dr. Copeland. Letzterer leidet an TBC, kümmert sich aufopferungsvoll um seine Mitmenschen, hat jedoch schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinen drei Söhnen, von denen einer aufgrund einer Schlägerei sogar im Gefängnis landet. Blount träumt ebenso wie der Doktor von mehr Gleichberechtigung, will den Kapitalismus stürzen, hat aber keinen richtigen Plan, nur viel Wut. Die dreizehnjährige Mick träumt von einer Karriere als Klavierspielerin, muss jedoch die Schule verlassen, um ihre arme, kinderreiche Familie zu unterstützen. Biff schließlich ist Witwer und denkt hinter dem Tresen seines Cafés oft an sich Ehe mit Alice zurück, auch wenn diese nicht wirklich glücklich war.

Dieser Sommer war anders als jeder andere, den Mick erlebt hatte. Nicht dass viel geschehen wäre, was sie hätte in Gedanken oder Worte fassen können – sie spürte nur, dass sich etwas veränderte. Sie kam aus der Aufregung nicht mehr heraus. Morgens konnte sie es nicht erwarten, aus dem Bett zu kommen und den Tag zu beginnen. Und abends fand sie es grauenvoll, wieder ins Bett zu müssen. Gleich nach dem Frühstück zog sie mit den Kindern los. Sie waren fast den ganzen Tag unterwegs und kamen nur zum Essen nach Hause. Meist trieben sie sich einfach in der Stadt herum: Sie zog den Wagen mit Ralph, und Bubber trottete hintendrein. Und immer war sie in Gedanken vertieft und mit ihren Plänen beschäftigt. Manchmal schaute sie plötzlich hoch und fand sich in einem Stadtteil, den sie gar nicht kannte. Ein- oder zweimal trafen sie Bill, aber sie war derart in Gedanken versunken, dass sie ihn erst bemerkte, als er sie beim Arm fasste. Frühmorgens war es rech frisch, und die Schatten vor ihnen auf dem Trottoir zogen sich in die Länge. Um die Mittagszeit aber war der Himmel immer glühend heiß. Das grelle Licht blendete so sehr, dass man kaum die Augen offenhalten konnte. Eis und Schnee spielten in ihren Zukunftsplänen oft eine große Rolle. Manchmal war sie weit weg, in der Schweiz – alle Berge waren mit Schnee bedeckt, und sie lief auf kaltem, grünlich schimmerndem Eis Schlittschuh. Mister Singer lief mit ihr Schlittschuh. Vielleicht auch Carol Lombard oder Arturo Toscanini, der immer im Radio zu hören war. Sie liefen alle zusammen Schlittschuh, und dann brach Mister Singer auf dem Eis ein, und sie stürzte ihm nach, trotz der Lebensgefahr, schwamm unter dem Eis zu ihm und rettete ihm das Leben. Das war so einer von den Plänen, die ihr durch den Kopf gingen. […]

Abends, wenn die Kleinen im Bett lagen, war sie frei. Das war für sie die allerwichtigste Zeit. Im Dunkeln, wenn sie ganz allein war, passierte so vieles. Gleich nach dem Abendbrot rannte sie wieder aus dem Haus. Sie konnte über das, was sie abends machte, mit keinem Menschen sprechen. Wenn ihre Mama sie ausfragen wollte, erzählte sie ihr irgendeine Geschichte, die einigermaßen glaubwürdig klang. Meistens aber rannte sie, wenn sie gerufen wurde, einfach weg, als hätte sie nichts gehört.

Wie man aus den kurzen Skizzierungen der Charaktere schon erkennen kann, handelt es sich nicht gerade um einen fröhlichen Roman und man sollte beim Lesen nicht bereits depressiv sein, denn hinterher fühlt man sich garantiert nicht besser. Neben dem vorherrschenden Gefühl der Einsamkeit, das jede Figur mehr oder weniger stark empfindet, kommen auch der für die Zeit und Ort unvermeidliche Rassismus zur Sprache, insbesondere wenn es um die Verhaftung und Behandlung von Dr. Copelands Sohn geht (daran hat sich allerdings nicht wirklich viel geändert, wenn man den Nachrichten glauben darf); die Hoffnungslosigkeit, an der eigenen Lage etwas ändern zu können – auch wenn Mick und Jake Blount bis zuletzt diese Sehnsucht in sich tragen – sowie die Wichtigkeit, mit jemandem kommunizieren zu können, der einen versteht. Der Mensch ist ein soziales Wesen, und an Isolation, ob nun echter oder eingebildeter, geht er kaputt. Folgerichtig zieht John Singer am Ende die Konsequenzen, als er vom Tod seines Freundes Spiros erfährt … Seine Sprachlosigkeit ist auch darum von Bedeutung, weil sie ihn mit einer Rätselhaftigkeit umgibt, die den anderen erlaubt, alles Mögliche auf ihn zu projizieren. Sie glauben, er würde sie verstehen, allein schon deshalb, weil er ihn nicht widersprechen kann oder sich abwendet, einfach nur dasitzt und ihnen trotz seiner Taubheit „zuhört“. Mit seiner Verzweiflungstat nimmt er ihnen ihre Illusion, dass er glücklicher mit seinem Dasein wäre als sie.

Der Roman wirkt lange nach, man behält ihm im Gedächtnis, auch wenn die Lektüre, wie in meinem Fall, schon Jahre zurück liegt. Es ist eher seine Grundstimmung als die konkrete Handlung, und gerade als Jugendlicher kann man sich so gut mit den Figuren, vor allem mit Mick, identifizieren. Ihre Ausweglosigkeit macht wütend und traurig. Und das Schlimmste ist, dass es im Leben oft genug so zuging und immer zugehen wird, wie wir alle früher oder später lernen müssen. Nur können wir selbst selten so großartig davon erzählen wie Carson McCullers.

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