Lieblingsbücher

Sven Regener – Der kleine Bruder

Die Handlungschronologie der erschienenen Bücher um Frank Lehmann ist benah so verwirrend wie die der Star Wars-Filme: Das erste, „Herr Lehmann“, spielt 1989 und ist damit in der zeitlichen Abfolge das letzte, während das als nächstes veröffentlichte, „Neue Vahr Süd“ (in dem Frank noch in Bremen wohnt) am Anfang stehen müsste, gefolgt vom letzten Buch „Der kleine Bruder“. Regener ist sehr konsequent dabei geblieben, keine weiteren Angaben über das spätere Leben seines sympathischen Anti-Helden zu machen. Über dessen besten Freund Karl Schmidt und seine Aktivitäten zur Techno-Hochzeit ließ er sich zwar in „Magical Mystery Tour“ aus, wo Lehmann jedoch nur in erzählten Erinnerungen vorkommt.

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Quelle: wikipedia.org

„Der kleine Bruder“ nimmt den Leser mit auf eine Reise in das legendäre West-Berlin Anfang der 80er Jahre, in die Zeit der Hausbesetzer und Punks, als dort die alternative Kunstszene blühte und die eingemauerte Stadt aufgrund ihres Sonderstatus (kein Wehrdienst, keine Sperrzeiten) und des billigen Wohnraums für viele wie ein Magnet wirkte. Auch Frank Lehman, frisch aus der Bundeswehr entlassen, kann der Anziehungskraft nicht widerstehen und beschließt, seinem großen Bruder Manfred zu folgen. Mit wenig Gepäck und dem Punk Wolli als redseligen Beifahrer und Lotsen auf dem Beifahrersitz wagt er also den Schritt ins Ungewisse, der zunächst über dunkle Transitstraßen durch die DDR führt.

Irgendwann war es so dunkel, dass Wolli schwieg. Frank Lehmann bemerkte das erst gar nicht, weil er schon lange nicht mehr hinhörte, schon kurz hinter der Grenze bei Helmstedt hatte er die Ohren auf Durchzug gestellt und sich aufs Fahren konzentriert, vor allem darauf, die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern nicht zu überschreiten, denn das war ja schon Wollis Hauptthema zwischen Bremen und Hannover gewesen, dass die einen fertig machen würden, wenn sie einen dabei erwischten, wie man ihre Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 Stundenkilometern ignorierte […] Nicht so sehr, dass er Wollis Erzählungen […] für wirklich bare Münze genommen hätte, aber er war immerhin soweit davon eingeschüchtert, dass er um seine Ersparnisse zu fürchten begann, jene paar hundert Mark, die er von seinem Postsparbuch abgehoben hatte, um nach Berlin zu seinem dort wohnenden Bruder zu fahren und ein neues Leben anzufangen, denn das war sein Plan.

Bei seiner Ankunft trifft Frank seinen Bruder jedoch nicht in dessen WG an und anscheinend weiß keiner von Mannis Bekannten, wo sich dieser gerade aufhält. Im Übrigen muss der „kleine Bruder“ bald feststellen, dass er den Älteren gar nicht richtig kennt, das fängt schon damit an, dass „Manni“ hier „Freddie“ genannt wird und dass er auch nicht mehr malt, wie Frank glaubte, sondern Installationen aus Metallschrott herstellt. Und darin von vielen als „der neue heiße Scheiß“ betrachtet wird, dem das Ganze aber offensichtlich etwas zu Kopf gestiegen ist, weil er angeblich seine Fühler nach New York ausstreckt, um dort groß rauszukommen. Überhaupt scheint Freddie nicht viele Freunde in Berlin zu haben. Franks Versuch, das Rätsel um den Verbleib seines Bruders zu klären, bildet quasi das Grundgerüst der Handlung, in deren Verlauf er auf die verschiedensten Typen trifft. Da wären zum einen die Mitglieder von Freddies WG, zu denen Karl – sein späterer „bester Freund“, den er auf den erste Blick aber gar nicht richtig leiden kann –, ein gewisser H.R., der Wohnungseigentümer Erwin und dessen Nichte Chrissie zählen. Erwin wird bald Vater, weshalb er die Wohnung selbst benötigt und alle Mann umziehen sollen in eine WG über Erwins Kneipe, dem „Einfall“ („Herr Lehmann“-Lesern bestens bekannt), wovon Frank, der ja erst einmal bei seinem Bruder unterkommen will, ebenfalls betroffen ist. Auf einem Punkkonzert der Band „Dr. Votz“ lernt er dann P. Immel kennen, der wirklich so heißt und die „ArschArt-Galerie“ leitet, die sich als Krönung überdies in einem besetzten Haus befindet. Allerdings wird Frank bald darüber aufgeklärt, dass es sich dabei nur um einen raffinierten Werbetrick handelt:

„Was meinst du, wie viele Fernsehteams hier schon waren, weil das Haus besetzt ist? Weil Immel und seine Leute so Besetzerkünstler sind? Das hat ihn doch erst nach vorne gebracht, dass er und seine ArschArt-Leute die großen Besetzerkünstler sind, und was weiß ich denn, was die halt dauernd so schreiben und erzählen und filmen und so. Immel hat das Haus vor zwei Jahren geerbt und wusste nicht, was er damit machen sollte, das war ja damals schon entmietet und total runter, und als das mit den Besetzungen losging, da hat er’s lieber gleich selber besetzt, bevor es die anderen tun, und dann stellte sich auch noch raus, dass das die ideale Promo für seine Aktionskunstscheiße war. Bloß die Sache mit den Punks war Pech. Die waren plötzlich im Hinterhaus, und Immel konnte natürlich nichts machen, er konnte ja schlecht die Bullen holen oder was.“

Das ganze Buch beschreibt nur die ersten drei Tage von Frank in Berlin, doch diese kurze Zeit reicht für ihn aus, um Leute kennenzulernen, die ihn das ganze nächste Jahrzehnt über begleiten werden, und um seine eigentliche Berufung zu finden: das Arbeiten in einer Kneipe. Zum ersten Mal verkauft er Bier auf dem Punkkonzert, als der eigentliche Verkäufer durch eine herumfliegende Bierbüchse außer Gefecht gesetzt wird und Frank kurzerhand die Stellung halten muss, damit die Getränke nicht geklaut werden.

… und dann verkaufte und verkaufte er und dachte an gar nichts mehr, und tiefer Friede kam über ihn, er verkaufte wie in Trance und kam erst wieder zu sich, als längst eine andere Band als Dr. Votz spielte […] Da fiel ihm überhaupt erst auf, wieviel Spaß ihm das machte, dass er noch nie so viel Spaß und Befriedigung bei einer Arbeit empfunden hatte wie ihr, bei dieser vollkommen hirnlosen, idiotischen Bierdosenverklappung, wie er es in Gedanken nannte.

Wenig später wiederholt sich die Szene in einer Kneipe, und damit ist es für ihn beschlossene Sache, zumal Erwin ein Tresentalent erkennt, wenn er eines sieht und ihm umgehend einen Job anbietet. Dass er am Ende auch seinen Bruder findet, wird fast zur Nebensache – Frank ist jedenfalls in der Stadt angekommen, soviel ist klar. Auch ist klar, dass er nie Teil der angesagten Szene sein wird, weil er sich in der Rolle des Beobachters, der sich so seine Gedanken macht, viel wohler fühlt und weil er auch viel zu nüchtern ist, um als Punk, Hippie, Künstler oder was auch immer die Welt verändern zu wollen. Tatsächlich kommt er dem Leser wie einer der wenigen „Normalen“ in der ganzen abgefahrenen Welt von West-Berlin vor, mit dessen Augen wir auf all die anderen schauen und uns herzlich über sie amüsieren können.

Überhaupt kommt der Humor ähnlich wie in „Herr Lehmann“ hier nicht zu kurz, ich kicherte beim Lesen im Bus die ganze Zeit vor mich hin (was etwas peinlich war). Und wie sollte es anders sein angesichts all der absurden Typen und Situationen, den vielen Diskussionen (gern auch als „Plenum“ bezeichnet) um scheinbar existenzielle Fragen, bei denen jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wurde; des Krempels, der als Kunst gehandelt wurde – Karl z. B. steckt kleine Metallobjekte in Holzkisten, die man nicht öffnen darf, weil sie Teil des Kunstwerks ist –; den Partys, die oft genug auch „Performances“ waren; der sturen Verbissenheit, mit denen sich Punks und Nicht-Punks gegenüber standen, wo jedes Aufeinandertreffen schnell eskalieren konnte. Überhaupt erstaunt die Ernsthaftigkeit, mit der damals über scheinbare Nichtigkeiten gestritten wurde, aber das waren eben die Nachwirkungen der hochpolitischen 70er. Als später Geborener guckt man sich das Ganze jedenfalls amüsiert, erstaunt und in dem Wissen an, dass die Zeit und das Milieu unwiderruflich der Vergangenheit angehören [die auch mit viel Nostalgie in der Doku „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989“ dargestellt werden].

Szeneviertel wie Kreuzberg wuchern mit dieser Vergangenheit zum Teil noch heute, auch wenn die Realität längst eine andere ist. Sven Regener gelingt es nun, diese beispiellose Atmosphäre der damaligen Stadt einzufangen und dabei auch die ihr innewohnende Leere und Verlogenheit aufzudecken, die unter der Oberfläche lauerte. Für viele erfüllten sich die Träume nicht, die sie nach West-Berlin geführt hatten: Wolli haut bereits nach 2 Tagen wieder ab, weil ihm die Hinterhaus-Punks allzu links und heftig drauf sind. Karl erleidet am Ende der 80er einen Nervenzusammenbruch. Aber Frank Lehmann wird seinen Weg auch durch die 90er und Nuller-Jahre gefunden habe, davon bin ich überzeugt. Was immer also aus ihm geworden sein mag, ich wünsche ihm alles Gute.

Als er auf den Kudamm trat, war er ziemlich überwältigt von dem Trubel, den Lichtern, dem Verkehr, dem Schmutz, dem Lärm und dem Gestank. Jetzt, wo die Sache mit Freddie erledigt war, hatte er wieder einen Sinn dafür, da blinkten die Leuchtreklamen und hupten die Autos und auf dem Gehweg herrschte ordentlich Gedränge. […] Frank ließ das alles eine Weile auf sich einwirken, und atmete dazu die Luft, die nicht mehr so kalt und scharf war, sondern mild und so feucht, dass jedes der vielen Lichter eine eigene kleine Aura hatte. „Wird Zeit, dass ich hier wegkomme“, dachte er. „Wird Zeit, dass ich rauskomme aus der Touristenscheiße hier.“

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