Ein Monat - ein Buch

März 2005: Michael Ondaatje – Der englische Patient

Als ich 2005 das Buch las, hatte ich den Film noch nicht gesehen, der den Roman noch mal um etliches bekannter machte, woran die neun Oscars (von zwölf Nominierungen), unter anderem als Bester Film, sicher auch nicht ganz unschuldig waren. Wie das so ist mit Bildern: Sie bleiben oft besser im Gedächtnis als Worte, deshalb kann ich mich an die eigentliche Lektüre des Romans auch gar nicht mehr so gut erinnern, aber ich fand die Struktur und Erzählweise etwas verwirrend. Die ganze Wucht und Tragik der Geschichte ging mir jedenfalls erst beim Sehen auf, als die Handlung vom Regisseur – bei dem es sich übrigens um Anthony Minghella handelt, der sich danach auch an „Der talentierte Mr Ripley“ versuchte – quasi geglättet und in eine verständlichere chronologische Reihenfolge gebracht wurde.

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Quelle: picclick.de

Der titelgebende „englische“ Patienten ist interessanterweise gar kein Brite, sondern Ungar: Ladislav Graf von Almásy, der sich allerdings zunächst nicht an seine Identität erinnert. Bettlägerig und nach einem Flugzeugabsturz mit einer bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Haut, wird er in einer Villa in der Nähe von Florenz von der jungen kanadischen Krankenschwester Hana gepflegt.

Der Mann liegt auf dem Bett, sein Körper dem Luftzug ausgesetzt, und er wendet den Kopf langsam zu ihr, als sie hereinkommt. Alle vier Tage wäscht sie seinen schwarzen Körper, angefangen bei den kaputten Füßen. Sie macht einen Waschlappen nass, presst ihn über seinen Knöcheln zusammen und lässt das Wasser auf ihn tropfen, blickt auf, als er etwas murmelt, und sieht sein Lächeln. Am Schienbein sind die Verbrennungen am schlimmsten. Tiefviolett. Knochen.

Sie liest ihm aus einem Exemplar von Herodots „Historien“ vor, das er bei seinem Fallschirmsprung aus der brennenden Maschine bei sich trug, und allmählich kehren seine Erinnerungen zurück. Was er davon erzählt, hinterlässt tiefe Eindrücke bei seinen Zuhörern: Hana, dem britischen Spion Caravaggio (dessen Hände von den Deutschen verstümmelt wurden und der eigentlich die Identität des Patienten aufdecken will, den er von Anfang an für Almásy hält) und der schöne, stolze Kip, ein indischer Sikh, der im Auftrag der Briten Bomben entschärft und sich zu diesem Zweck in der Villa aufhält. Gerade Hana, die sich aufgrund ihrer vielen Begegnungen mit dem Tod – bei ihrer Arbeit, aber auch privat – eine Art emotionalen Panzer zugelegt hat und der Liebe abschwört, beginnt, sich intensiv und liebevoll um ihren Schützling zu kümmern, verabreicht ihm Morphium und füttert ihn mit gehamstertem Essen. Außerdem beginnt sie eine kurze, aber intensive Affäre mit Kip, sodass die Wochen in der Villa zu einer echten Katharsis für sie werden.

Die Geschichte, die Almásy allmählich erinnert und erzählt, ist die einer leidenschaftlichen Liebe, die tragisch ausging. Als Teil einer Forschungsgruppe, die in der ägyptischen Wüste tätig ist, und die er für den britischen Geheimdienst ausspionieren soll, trifft er 1936 auf das frisch verheiratete Paar Clifton. Bald verliebt sich Lászlo in die 15 Jahre jüngere Katherine, zunächst in ihre Stimme, als sie am abendlichen Lagerfeuer aus Herodot vorliest. Seine Gefühle werden erwidert und nach anfänglicher Zurückhaltung werden sie ein heimliches Liebespaar.

He sweeps his arm across plates and glasses on a restaurant table so she might look up somewhere else in the city hearing this cause of noise. When he is without her. He, who has never felt alone in the miles of longitude between desert towns. A man in a desert can hold absence in his cupped hands knowing it is something that feeds him more than water. There is a plant he knows of near El Taj, whose heart, if one cuts it out, is replaced with a fluid containing herbal goodness. Every morning one can drink the liquid the amount of a missing heart. The plant continues to flourish for a year before it dies from some lack or other.

He lies in his room surrounded by the pale maps. He is without Katharine. His hunger wishes to burn down all social rules, all courtesy.

Her life with others no longer interests him. He wants only her stalking beauty, her theatre of expressions. He wants the minute and secret reflection between them, the depth of field minimal, their foreignness intimate like two pages of a closed book.

Die Affäre dauert bis 1938, als Katherine, von Schuldgefühlen zermürbt, einen Schlussstrich zieht. Doch ihr Mann Geoffrey weiß längst Bescheid und als er Almásy (der mittlerweile die Fronten gewechselt hat und undercover für die Deutschen arbeitet) im Spätsommer 1939 mit dem Flugzeug aus dem Basislager der Forscher abholen soll, fasst er den mörderischen Plan, sie alle drei auf einen Schlag zu töten – den Rivalen mit der Maschine, sich selbst und Katherine durch den anschließenden Absturz. Es misslingt und nur Geoffrey kommt ums Leben, doch Katherine ist schwer verletzt und sie befinden sich meilenweit von jeder Zivilisation. Ihr Geliebter bringt sie in eine Höhle, die er einige Jahre zuvor entdeckt hat und deren Wände von antiken Malereien bedeckt sind, die ihm zum Namen „Höhle der Schwimmer“ inspirieren. Dann läuft er tagelang durch die Wüste, um Hilfe zu holen. Aber er wird als Spion verhaftet und eingesperrt, was Katherines Todesurteil bedeutet … Dennoch versucht er auch Jahre später noch, sein Versprechen zu erfüllen, und dieser Versuch lässt ihn schließlich zu dem verbrannten Patienten in Hanas Pflege werden.

An dem Buch scheiden sich ein wenig die Geister: Die sinnliche, ausgefeilte Sprache brachte Ondaatje 1992 den Booker Prize ein und wenn sich die Szenen auch bisweilen leicht in Filmbilder übersetzen lassen (wozu sich die Schauplätze in der Wüste, dem sonnendurchglühten Kairo oder in der halb verfallenen italienischen Villa hervorragend eignen), so ersetzen sie nicht die Lektüre, in der man so viel mehr über die Charaktere durch alles unscharf Erinnerte, Geträumte, Angedeutete erfährt. Die nicht-chronologische Handlung und die Handlungsarmut gerade bei den Kapiteln, die in der Villa spielen, sorgen jedoch bei einigen Lesern auch für Unmut:

Der Rest des Buches ist eine Ansammlung von mühsamen Beschreibungen und öden Charakteren, die nichts mit sich anzufangen wissen. Und weils allen so geht, passen sie ganz wunderbar zusammen und öden sich gegenseitig an.

Die Geschmäcker sind eben unterschiedlich und wer keine Geduld hat, sich auf die Poesie des Romans und die sich erst langsam entfaltende Geschichte einzulassen, sollte zu etwas anderem greifen. Ich war vielleicht zu jung dafür, weshalb er keinen bleibenden Eindruck hinterließ bzw. dieser durch Erinnerungen an den (von mir als sehr gut empfundenen) Film überdeckt wurde. Ein klarer Fall für die „Read again“-Liste also.

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