Ein Buch - mehrere Monate

Charles Dickens – David Copperfield

If you really want to hear about it, the first thing you’ll probably want to know is where I was born, an what my lousy childhood was like, and how my parents were occupied and all before they had me, and all that David Copperfield kind of crap, but I don’t feel like going into it, if you want to know the truth.

Soweit Holden Caulfield am Anfang des Berichts über seine drei Tage in New York, nachzulesen in „Der Fänger im Roggen„. Seine Erzählweise hat tatsächlich wenig mit der von Dickens gemein, der nie mit Details zu seinen Protagonisten sparte und seine Geschichten oft bei den frühesten Kindheitstagen seiner Helden beginnt, die zudem auffallend oft Waisen sind. So u. a. in „Bleak House„, „Great Expectations“ und insbesondere in „David Copperfield“, seinem teils autobiografischen Roman von 1850. Verfasst als klassischer „Bildungsroman“ (ein Wort, dass die Briten von uns übernommen haben), erleben wir hier die Lebensgeschichte eines Jungen, der schwierige Zeiten durchmachen muss und mit fiesen Charakteren konfrontiert wird, bevor er am Ende berufliches und privates Glück findet.

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Quelle: smith.edu

Titelblatt der Originalausgabe

Unser Held wird bereits als Halbwaise geboren, da sein Vater ein halbes Jahr zuvor verstarb. Seine noch recht junge und kindliche Mutter sowie die Haushälterin Peggotty verhätscheln den Kleinen und er verbringt unbeschwerte Jahre, bis sich seine Mutter erneut verheiratet. Dieser Mr Murdstone ist ein hartherziger Mann, der ein strenges Regiment einführt und jeden in seinem Haushalt so klein wie möglich halten will. David kommt vorübergehend zur Familie der Haushälterin, eine Fischerfamilie an der Küste von Norfolk (Great Yarmouth, ein malerischer Ort und mein erstes Ziel für einen Tagesausflug zur Nordsee). Die „kleine Em’ly“, eine Adoptivtochter von Mr Peggotty, ist dort der allgemeine Liebling und gewinnt auch Davids Herz schnell. Nach der Rückkehr zu seiner Familie muss er miterleben, wie die Mutter unter der Tyrannei ihres Mannes und dessen Schwester immer elender wird. Als sich David gegen Schläge zur Wehr setzt, wird er zur Strafe aufs Internat geschickt, dessen Direktor es ebenfalls versteht, Disziplin und Ordnung durchzusetzen. Wenig später sterben Davids Mutter und sein kleiner, erst wenige Monate alter Bruder und als wäre dies nicht Kummer genug, erreicht sein Leben einen neuen Tiefpunkt, als er in London bei einem Weinhändler Flaschen putzen muss – sein Stiefvater ist Teilhaber des Geschäfts. So wird er im Alter von nur 10 Jahren eines der unzähligen schlecht bezahlten, halb verhungerten Kinder, die gezwungen waren, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

Ich weiß, ich übertreibe nicht, auch nicht unabsichtlich, die Dürftigkeit meiner Mittel oder die Bedrängnisse meines Lebens. Ich weiß, dass, wenn Mr. Quinion mir einmal einen Schilling schenkte, ich ihn immer nur für Tee oder ein Mittagessen ausgab. Ich weiß, dass ich als ärmliches Kind mit gewöhnlichen Männern und Knaben von früh bis spät mich abarbeitete. Schlecht und ungenügend genährt, schlenderte ich in meinen freien Stunden durch die Straßen. Wie leicht hätte aus mir ein kleiner Dieb oder Vagabund werden können.

Während dieser Zeit wohnt David bei den Micawbers, eine sehr liebenswürdige Familie, die sich leider permanent in finanziellen Schwierigkeiten befindet, die Mr Micawber sogar ins Schuldengefängnis bringen.

Schließlich reicht es dem Jungen und er fasst den Plan, abzuhauen – zu seiner Tante Betsey Trotwood, die er bis dahin noch nie getroffen hat und die bei seiner Geburt große Enttäuschung zeigte, dass er kein Mädchen geworden war, das man nach ihr hätte taufen können. Allein und zu Fuß macht er sich auf den Weg nach Dover und die gefürchtete Dame erweist sich als schrullig, aber gütig. Sie nimmt sich seiner an, verschafft ihm einen Platz auf einer guten Schule und nennt ihn liebevoll „Trot“.

Nachdem in der ersten Hälfte des Romans Davids Stiefvater der große Widersacher ist, übernimmt im zweiten Teil der Anwaltssekretär Uriah Heep diese Rolle. Er ist das Paradebeispiel für einen, der „nach oben buckelt und nach unten tritt“, ein unheimlicher, tückischer und intriganter Kerl, der sich seinem Chef Mr Wickfield (bei dem David während der Schulzeit wohnt) unterwürfig gibt, doch tatsächlich hinter dessen Tochter Agnes her ist und ihren Vater zu betrügen und erpressen versucht. Von allen Charakteren, die Dickens über die Jahre erschaffen hat, ist dieser Uriah Heep mit Sicherheit einer der unangenehmsten. Mithilfe seines alten Freunds Mr Micawber gelingt es David jedoch, Uriah zu überführen und Gerechtigkeit walten zu lassen.

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Quelle: gettyimages.com

David zu Gast bei Uriah Heep und dessen Mutter

Weitere Stationen der Geschichte ist seine erste ernsthafte Liebe Dora, mit der er die Ehe eingeht, (die jedoch keine sonderlich glückliche wird und mit Doras frühem Tod endet), das Drama um die „kleine Em’ly“, die von einem Schulfreund Davids verführt wird, sowie seine beginnende Karriere als Schriftsteller. Als er zum Schluss noch begreift, wer sein eigentlicher „guter Engel“ ist, mit dem er den Rest seines Lebens verbringen möchte, ist dem Wunsch des Lesers nach einem Happy End hinreichend Genüge getan.

Charles Dickens zeigt sich hier auf dem Gipfel seines Könnens: Der Plot ist vielschichtig und voller schicksalshafter Wendungen, ohne sich in allzu vielen Nebenhandlungen zu verlieren (was ihm beispielsweise bei „Bleak House“, einem weiteren als Serie geschriebenen Roman, mitunter passiert), er erfindet einige seiner unvergesslichsten Figuren, wie den oben genannten Uriah Heep (nach dem sich eine 70er-Rockgruppe benannte), Mr Micawber oder Betsey Trotwood, und in den Episoden um Davids miserable Zeit als Flaschenprüfer übt er Kritik an der damals noch weit verbreiteten Kinderarbeit. Dabei konnte der Autor aus eigener leidvoller Erfahrung schöpfen, da er bereits mit 12 Jahren seine Familie finanziell als Fabrikarbeiter unterstützen musste. So verwundert es nicht, dass ihm dieser Abschnitt besonders eindrucksvoll gelingt. Auch die Darstellung der Leiden des jungen D. angesichts seines grausamen Stiefvaters, im Internat und nach dem Tod der geliebten Mutter gehen ans Herz, wohl selten zuvor hatte ein Autor sich auf diese Weise in ein Kind versetzt und den Lesern die Welt durch dessen Augen gezeigt.

Daneben gibt es aber auch genügend Ironie und komische Szenen, als eine davon ist mir das Aufeinandertreffen von David mit den unverheirateten Tanten seiner zukünftigen Braut Dora im Gedächtnis geblieben. Bei den Damen handelt es sich um die klassischen viktorianischen „spinsters“, die nie in den Genuss einer Romanze gekommen sind und sich desto inniger die Erinnerung an jede vermeintliche Andeutung von Liebe bewahren.

Ich entdeckte später, daß Miß Lavinia als Autorität in Herzensangelegenheiten galt, weil früher einmal ein gewisser Mr. Pidger im Hause einen kurzen Whist gespielt und sich angeblich dabei in sie verliebt haben sollte. Meiner Meinung nach war dies eine willkürliche Annahme gewesen, denn Mr. Pidger hatte niemals ein Wort darüber verlauten lassen. Aber Miß Lavinia und Miß Clarissa lebten in dem Glauben, er sei nur deshalb von einer Liebeserklärung abgehalten worden, weil er durch den Tod in der Blüte seiner Jahre, nämlich im sechzigsten, infolge übermäßigen Trinkens und darauffolgenden massenhaften Genusses der Heilquellen von Bath, der Welt entrissen wurde. Sie hegten den Verdacht, er sei an unterdrückter Liebe gestorben.

Der Roman war ein wenig meine Einstiegsdroge in die Dickensche Welt, ich hatte zuvor zwar bereits die Weihnachtsgeschichte und „Oliver Twist“ gelesen (möglicherweise auch „The Old Curiosity Shop“), doch erst mit „David Copperfield“ packte es mich richtig und wenn mir heute noch drei seiner Werke fehlen – bzw. vier, wenn man das unvollendete „Edwin Drood“ dazuzählt, das ich aber wahrscheinlich nie lesen werde (ungelöste Rätsel sind nicht gerade befriedigend) – dann liegt es auch daran, dass sich „David Copperfield“ als eines der spannendsten und vergnüglichsten Bücher, die ich während meiner Uni-Zeit auf der täglichen einstündigen Busfahrt zwischen Wohn- und Studienort las, erwies. In der Bibliothek gab es ihn als zweibändige Ausgabe, was immer ein bisschen wie ein Film-Mehrteiler ist, wenn nach dem ersten Teil die Spannung auf den zweiten steigt. Man will wissen, wie es weitergeht, muss sich aber noch gedulden, gleichzeitig hält der Genuss länger an. In meinen Augen ist es alles andere als „crap“, sondern einer der wunderbarsten Klassiker der viktorianischen Epoche und nicht zuletzt auch das persönliche „Lieblingskind“ seines Schöpfern.

NB: Warum sich der dunkelhaarige Zauberkünstler bei der Namenswahl ebenfalls bei Dickens bediente, bleibt sein Geheimnis, angeblich gefiel ihm der Klang.

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