Ein Monat - ein Buch

Dezember 2013: Stephen King – 11.22.63

Seit einigen Jahren hat sich Stephen King vermehrt dem Thriller-Genre zugewendet, was ich etwas bedauerlich finde, weil mich immer der übernatürliche Horror am meisten fasziniert hat, vielleicht weil er weniger „real“ und daher unbedrohlicher wirkt. Allerdings hat der Autor zeit seines Lebens stets auch Themen wie häusliche Gewalt, Alkoholismus, Mobbing, psychische Erkrankungen usw. thematisiert, also den ganz alltäglichen Horror, wie er überall gegenwärtig und darum umso beängstigender ist.

In etlichen seiner Romane wagt King interessante Gedankenexperimente, z. B. in „Die Arena“ (Was wäre, wenn eine Stadt unter einer Glasglocke hermetisch von der Welt abgeriegelt würde?) oder in „The Stand“ (Was wäre, wenn die gesamte Menschheit bis auf wenige von einem Killervirus ausgelöscht würde?), und in „11.22.63“ beschäftigt er sich damit, wie sich der Lauf der Geschichte verändert hätte, wenn man ein entscheidendes Ereignis ungeschehen machen könnte: Das Attentat auf John F. Kennedy am 22. November 1963 – von diesem Datum rührt der Titel, im Deutschen heißt das Buch kurz und bündig „Der Anschlag“.

11-22-63

Quelle: booktopia.com

Hauptfigur und Erzähler der Handlung ist der kürzlich geschiedene Lehrer Jake Epping aus einer Kleinstadt in Maine (wo sonst!), der von seinem Bekannten Al, Inhaber eines Diners, eine scheinbare unglaubliche Geschichte präsentiert bekommt: Im Keller der Imbissstube gibt es ein Portal, über das man in die Vergangenheit gelangt, genauer gesagt in den September 1958. Al hat sich dieser Möglichkeit des Öfteren bedient, um z. B. zu den damals niedrigen Preisen Lebensmittel für seinen Imbiss einzukaufen; sogar ganze Jahre hat er dort verbracht, sodass er nun plötzlich stark gealtert und krank ist – denn egal, wie lang man weg war, in der Gegenwart des Jahres 2011 sind bei der Rückkehr stets nur 2 Minuten vergangen. Und nicht nur das: Ein erneuter Gang durch das Portal wirkt auch wie eine Reset-Taste, die alles, was man in der Vergangenheit getan hat, wieder ungeschehen werden lässt. Der ungläubige Jake probiert es aus und ist überwältigt von der „guten alten Zeit“, als die Menschen noch freundlich, Konsumwaren billig und Geschmäcke, Gerüche intensiver waren.

He opened an ice cream freezer and removed a frosty mug roughly the size of a lemonade pitcher. He filled it from a tap and I could smell the root beer, rich and strong. He scraped the foam off the top with the handle of a wooden spoon, then filled it all the way to the top and set it down on the counter. “There you go. That and the paper’s eighteen cents. Plus a penny for the governor.” I handed over one of Al’s vintage dollars, and Frank 1.0 made change. I sipped through the foam on top, and was amazed. It was… full. Tasty all the way through. I don’t know how to express it any better than that. This fifty-years-gone world smelled worse than I ever would have expected, but it tasted a whole hell of a lot better.

Allerdings hat der totkranke Al etwas ganz besonders im Sinn, als er Jake das Geheimnis der Zeitreise verrät: Er will, dass dieser seinen Plan ausführt und den Anschlag auf Kennedy verhindert, indem er den Attentäter Lee Harvey Oswald zuvor unschädlich macht.

Zunächst beschließt Jake, die Probe aufs Exempel zu machen, um zu sehen, inwiefern man Vergangenes wirklich ändern kann. Sein „Versuchsobjekt“ ist Harry Dunning, ein Hausmeister mit Lernschwäche, der vor einiger Zeit in Jakes Abendkurs für Erwachsene saß und in einem Aufsatz einen Abend beschrieb, der sein Leben von Grund auf änderte: Der Halloween-Abend 1958, als sein alkoholkranker Vater Harrys Mutter und Geschwister mit einem Hammer erschlug, Harry selbst trug eine Gehirnverletzung davon. Was gäbe es also Besseres, als diese schreckliche Tat ungeschehen zu machen? Jake reist in die Vergangenheit und nach Derry (wohin sonst!), wo er unter anderem die allen King-Fans bestens bekannten Jugendlichen Richie Tozier und Beverly Marsh trifft. Außerdem spürt er, dass in dieser Stadt einiges im Argen liegt, auch wenn der eigentlichen Ursache des Grauens dort eigentlich der Garaus gemacht wurde (glauben zumindest Richie und Bev). Es gibt einige unvorhergesehene Probleme, denn wie Jake, und vor ihm bereits Al, am eigenen Leib erfahren muss, wehrt sich die Zeit dagegen, rückwirkend geändert zu werden. Doch am Ende gelingt der Plan – allerdings hat sich Harrys Leben durch diese scheinbar so heroische Tat nicht wirklich gebessert, wie Jake nach seiner Rückkehr in die Gegenwart bei einem Gespräch mit dessen (nun überlebender) Schwester feststellt. Doch immerhin konnte er sich überzeugen, dass es funktioniert. Gedrängt durch Als Selbstmord, in dessen Folge das Diner bald nicht mehr zugänglich sein wird, begibt sich Jake also auf die Mission zur Umkehrung der Historie.

Als vorgeblicher George Amberson richtet sich Jake in einer Stadt außerhalb von Dallas ein, um mit einem Job als Aushilfslehrer die Zeit bis zur Ankunft von Oswald zu überbrücken, den er dann zu observieren beginnt. Und hier schlägt das Schicksal zu: Jake, der bisher bemüht war, wenig Kontakte zu anderen zu pflegen (aus Angst, sich zu verraten und weil er sich ganz auf seine Aufgabe konzentrieren will), verliebt sich in eine junge Bibliothekarin namens Sadie. Sie hat ihr ganz eigenes Päckchen zu tragen, denn sie hat sich kürzlich von ihrem Ehemann getrennt, der nicht unbedingt ein Glücksgriff war, um es milde auszudrücken… Umso mehr genießt sie die Beziehung mit Jake, obwohl sie allmählich die Wahrheit über seine Identität zu ahnen beginnt. Und er muss erkennen, dass ihrer Liebe kein Happy End beschieden sein kann, ja dass er Sadie durch seine Pläne sogar in Gefahr bringt, denn die Vergangenheit hat Zähne und wird zubeißen, wenn sie jemand zu manipulieren versucht.

Dies ist auf jeden Fall ein waschechter King, ein Pageturner, wie nur er sie schreiben kann. Ich las das Buch über Weihnachten, in den Nächten, als ich nicht auf die Uhr schauen musste und mir einbildete, draußen Vögel singen zu hören (vielleicht war es nur die Heizung, andererseits warum nicht, bei den milden englischen Wintern). Es ist unglaublich detailreich, z. B. wird als wiederkehrendes Motiv zu „In The Mood“ getanzt, was niemand besser kann als Jake und Sadie. Er bringt es auch Richie und Bev bei; das Wiedersehen mit ihnen ist wirklich ein zauberhafter, rührender Moment für alle, die „It“ so sehr lieben wie ich.

Oh, to hell with that. They were beautiful. For the first time since I’d topped that rise on Route 7 and saw Derry hulking on the west bank of the Kenduskeag, I was happy. That was a good feeling to go on, so I walked away from them, giving myself the old advice as I went: don’t look back, never look back. How often do people tell themselves that after an experience that is exceptionally good (or exceptionally bad)? Often, I suppose. And the advice usually goes unheeded. Humans were built to look back; that’s why we have that swivel joint in our necks. I went half a block, then turned around, thinking they would be staring at me. But they weren’t. They were still dancing. And that was good.

Es sind diese kleinen Szenen, die das Buch so lesenswert machen und die im Gedächtnis bleiben. Die Spannung natürlich auch, ob es nun darum geht, den Mann mit dem Hammer in Derry oder den Mann mit dem Gewehr in Dallas aufzuhalten. Man merkt außerdem, wie viel Spaß King bei seinem Nostalgietrip in die späten 50er/frühen 60er hatte, seine Teenagerzeit. Damit der Leser jedoch nicht in die Versuchung gerät, diese Jahre mit einem allzu verklären Blick zu betrachten, hat er einen wunderbaren Absatz geschrieben, um auf ihre dunkle Seite aufmerksam zu machen:

In North Carolina, I stopped to gas up at a Humble Oil station, then walked around the corner to use the toilet. There were two doors and three signs. MEN was neatly stenciled over one door, LADIES over the other. The third sign was an arrow on a stick. It pointed toward the brush-covered slope behind the station. It said COLORED. Curious, I walked down the path, being careful to sidle at a couple of points where the oily, green-shading-to-maroon leaves of poison ivy were unmistakable… There was no facility. What I found at the end of the path was a narrow stream with a board laid across it on a couple of crumbling concrete posts… If I ever give you the idea that 1958’s all Andy-n-Opie, remember the path, okay? The one lined with poison ivy. And the board over the stream.

Der Autor betrieb einen für ihn ungewöhnlichen Rechercheaufwand, um die damalige Zeit so wahrheitsgetreu wie möglich darzustellen und natürlich musste er sich auch in die Biografie von Lee Harvey Oswald und die genauen Umstände seines Anschlags vertiefen (einschließlich der vielen Verschwörungstheorien, die sich darum ranken). Außerdem musste er eine Antwort darauf finden, wie unsere Welt heute aussehen würde, hätte Kennedy tatsächlich überlebt. Die Theorie von Al und Jake lautet, dass es mit Kennedy niemals die Rassenunruhen der 60er gegeben hätte (und somit möglicherweise nicht den Mord an Martin Luther King) und dass der Vietnamkrieg nicht so eskaliert wäre wie unter Johnson und Nixon, was das Überleben von Millionen Opfern, Soldaten und Zivilisten, bedeuten würde. Somit wäre das Verhindern des Anschlags eine gute Tat für die Menschheit – oder etwa nicht? Auf jeden Fall ginge man laut Al kein Risiko ein: „If things turn to shit, you just take it all back. Easy as erasing a dirty word off a chalkboard.“ Dass es am Ende nicht ganz so leicht ist und was er mit seinen ständigen Zeitreisen und -manipulationen eigentlich anrichtet, wird Jake erst allmählich klar, auch durch den „Yellow Card Man“ bzw. dessen Nachfolger, die über die Portale und neu geschaffenen bzw. gelöschten „Zeitstrahlen“ wachen. Die veränderte Gegenwart, in die Jake schließlich zurückkehrt, ist jedenfalls ein furchtbarer Albtraum.

Der_Anschlag_Miniserie_02

Quelle: kingwiki.de

Jake und Sadie in der Verfilmung

Wenn es also eine Lehre für den Leser gibt, dann vielleicht, dass man erstens nicht allzu nostalgisch auf die Vergangenheit schauen sollte – damals gab es auch Probleme, sie waren nur anders geartet und vielleicht weniger komplex – und dass es zweitens Unsinn ist, Geschehenes rückgängig machen zu wollen. Denn wer weiß schon, ob es bei einem anderen Verlauf insgesamt betrachtet wirklich besser geworden wäre? Wir müssen es akzeptieren und das Beste daraus machen, bestenfalls daraus lernen, damit es sich nicht wiederholt. Aber auch ganz ohne diese philosphischen Betrachtungen darf man sagen, dass „22.11.63“ King at his finest zeigt, das aus all seinen neueren Werken hervorsticht (Mitunter bedauere ich, aufgrund seiner hohen Output-Geschwindigkeit nicht mithalten zu können, doch dann behaupten auch manche, dass die Qualität darunter leide, sodass es vielleicht gar nicht so schlimm ist, den „neuesten King“ nicht gelesen zu haben. Außerdem interessierte mich wie oben erwähnt die Thematik der letzte Bücher nicht so). Mittlerweile gibt es auch eine Serie zum Buch, mit dem Autor und J. J. Abrams als Produzenten und James Franco in der Hauptrolle.

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