Ein Monat - ein Buch

Dezember 2015: Helen Macdonald – H is for Hawk

Wie so oft, wurde mein Interesse zuerst durch das Cover geweckt: Dieses wird durch die prächtige Zeichnung eines Habichts geziert. So sah ich es im Herbst 2015 in einer deutschen Buchhandlung und merkte mir Titel und Autor, um danach zu suchen, wenn ich wieder zurück in England sein würde. Zum Glück hatte die Bibliothek einige Exemplare und so kam ich bald schon in den Genuss der Lektüre dieses wirklich außergewöhnlichen und großartigen Buchs.

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Quelle: goodreads.com

Es ist kein Roman, sondern ein autobiografischer Bericht Helen Macdonalds über ihren Versuch, ein Habichtweibchen abzurichten, um den traumatischen Tod ihres Vaters zu verarbeiten. Macdonald ist von Kindheit an von Greifvögeln fasziniert und kennt sich perfekt mit Geschichte und Begriffen der Falknerei aus, träumte sogar davon, einmal diesen Beruf zu ergreifen. Mit 12 hatte sie ihren ersten Falken. Ihr Vater hatte sie bei ihrem Hobby immer unterstützt, und als die Trauer sie in ein tiefes Loch stürzen lässt, kommt ihr der Gedanke, das alte Hobby wieder aufzunehmen, um eine Aufgabe zu haben und nicht durchzudrehen.

I sat at my computer in my rain-lit study. I telephoned friends. I wrote emails. I found a hawk-breeder in Northern Ireland with one young goshawk left from that year’s brood. She was ten weeks old, half Czech, one-quarter Finnish, one-quarter German, and she was, for a goshawk, small. We arranged that I should drive to Scotland to pick her up. I thought that I would like to have a small goshawk. ‘Small’ was the only decision I made. I didn’t think for a second there was any choice in the matter of the hawk itself. The hawk had caught me. It was never the other way around.

Schließlich kauft sie Mabel, ein junges Weibchen, und die lange, nervenzehrende Arbeit mit ihr beginnt – Habichte gelten in der einschlägigen Literatur als „schwierig“. Neben kleinen Erfolgen gibt es immer wieder Rückschläge, es ist eine Aufgabe, auf die sich Helen voll und ganz einlassen muss und die ihr kaum Zeit für anderes lässt (also genau das, was sie in ihrer Situation braucht). Über ihre eigentliche Arbeit als Fellow der University of Cambridge erfährt man wenig, nur dass die Stelle zu einem bestimmten Zeitpunkt gekündigt wird und sie aus ihrer Wohnung ausziehen muss. Sie kommt bei Freunden unter, doch mit Mabel verändern sich ihre sozialen Beziehungen, weil ihr gesamter Lebensinhalt nur noch der Habicht ist – sie wird zu einer Einsiedlerin mit Vogel

In die Erzählung ihres eigenen Erlebens flicht sie auch Zitate und Bruchstücke der Biografie von T. H. White ein, einem englischen Schriftsteller, dessen Buch „The Goshawk“ (der englische Name für den Habicht) sie zum ersten Mal im Alter von 8 Jahren las, natürlich weil es ihre geliebten Greifvögel behandelt. Interessanterweise bin ich durch „H is for hawk“ auf ein anderes wunderbares Werk gestoßen, nämlich Whites Romantetralogie „The Once and Future King“, eine Adaption der Artus-Legende, wovon der erste Teil „The Sword in the Stone“ als Vorlage für Disneys „Die Hexe und der Zauberer“ diente (ein Post dazu wird folgen). Die kleine Helen ist von Whites Habichtbuch enttäuscht, das ihr kindliches Verständnis übersteigt, doch die Hauptfigur Gos darin liebt sie und schlussendlich wird es zu ihrer wachsenden Begeisterung für die Falknerei beitragen. Darum kommt sie nicht umhin, dem Autor in ihrer Geschichte einen bedeutenden Platz einzuräumen:

The book you are reading is my story. It is not a biography of Terence Hanbury White. But White is part of my story all the same. I have to write about him because he was there. When I trained my hawk I was having a quiet conversation, of sorts, with the deeds and works of a long-dead man who was suspicious, morose, determined to despair. A man whose life disturbed me. But a man, too, who loved nature, who found it surprising, bewitching and endlessly novel. ‘A magpie flies like a frying pan!’ he could write, with the joy of discovering something new in the world. And it is that joy, that childish delight in the lives of creatures other than man, that I love most in White. He was a complicated man, and an unhappy one. But he knew also that the world was full of simple miracles. ‘There is a sense of creation about it,’ he wrote, in wonderment, after helping a farmer deliver a mare of a foal. ‘There were more horses in the field when I left it than there were when I went in.’

Das tragische Leben von White – einem Eigenbrötler und heimlichen Homosexuellen mit sadistischen Neigungen und wenig Glück in zwischenmenschlichen Beziehungen – berührt den Leser ebenso wie Macdonalds Beschreibung ihres langen Wegs zu Mabels Zähmung, beispielsweise die Szenen, in denen sie Mabel allmählich an Menschen gewöhnt, indem sie mit ihr durch Cambridge läuft, oder ihre Panik, als sie den Vogel verliert und stundenlang nicht wiederfindet, sehr fesselnd sind. Ich fand es auch deshalb besonders interessant, da der Schauplatz mein damaliger Wohnort war und ich mir so recht genau vorstellen konnte, durch welche Straßen und Parks Helen mit Mabel bei ihren Ausflügen ging und wie die Umgebung aussah, in der sie den Habicht fliegen ließ.

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Quelle: http://fretmarks.blogspot.de

Macdonald mit Mabel, ca. 2008.

Auf Englisch las es sich etwas schwierig, insbesondere die Fachausdrücke der Falknerei (viele aus dem Französischen entlehnt, da dies einst der Sport des normannisch-stämmigen Adels war), doch möglicherweise wäre es mir wenig anders bei der deutschen Ausgabe gegangen – die Übersetzung muss auf jeden Fall viel Recherche in diesem Bereich gekostet haben. Die Autorin kann sich auf jeden Fall wunderbar in Mabel hineinversetzen, bis hin zu einer fast völligen Identifikation, sie sieht die Welt durch Mabels Augen und bringt uns diese uns so fremde Sicht auf die Welt näher. Sie findet dafür eine manchmal berückend schöne Sprache, die die Lektüre zu einem besonderen Genuss macht und das Buch zu einem unvergesslichen Schatz. Jeder Mensch geht anders mit Trauer um und manche finden schwerer zurück zur Normalität als andere. Helen Macdonalds Art der Bewältigung mag sehr ungewöhnlich erscheinen, doch durch die völlige Verausgabung in ihrer Aufgabe, in Laufe derer sie manchmal fast selbst zu einem Tier wird, gelingt es ihr schließlich, zurück ins Leben zu kehren, als reiferer Mensch.

I look down at my hands. There are scars on them now. Thin white lines. Once is from her talons when she’d been fractious with hunger; it feels like a warning made flesh. Another is a blackthorn rip from the time I’d pushed through a hedge to find the hawk I’d thought I’d lost. And there were other scars, too, but they were not visible. They were the ones she’d helped mend, not make.

Ein Gespräch mit der Autorin aus dem Jahr 2015 findet man hier.

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