Ein Monat - ein Buch

Dezember 2012: Charles Dickens – Hard Times

„Hard Times“ ist bedeutend weniger umfangreich als andere Werke von Dickens, sodass man es problemlos in zwei Wochen lesen kann (und nicht in zwei Monaten, wie „Martin Chuzzlewitt“ oder „Little Dorrit“). In dieser verdichteten Form werden die angesprochenen Konflikte dann nur umso heftiger und zugespitzter, ohne das sie sich am Ende in Wohlgefallen auflösen. Das macht „Hard Times“ in meinen Augen zu einem der besten Dickens-Romane. Ein weiterer Unterschied zu anderen Werken ist, dass die Geschichte nicht in London spielt, sondern in einer fiktiven Industriestadt im Norden namens Coketown. Dort rauchen die Schornsteine und das Leben der Menschen wird durch die harten Arbeitsbedingungen der Fabrik bestimmt.

Quelle: http://mybookcovers.blogspot.co.uk/

Die Figur auf dem Cover ist wahrscheinlich Bounderby, die Abbildung täuscht über den Inhalt des Romans

Der Roman ist in drei Teile gegliedert, „Sowing“ (Säen), „Reaping“ (Ernten) und „Garnering“ (Speichern, Lagern). Im ersten Teil trifft der Leser auf Mr Gradgrind, einen Lehrer, der allein auf das Vermitteln von Fakten und Berechnungen setzt und jede Art von Emotion oder individuellen Vorlieben außer Kraft setzen will – nur dies ist in seinen Augen der Weg zum Glück, nicht einer einzelnen Person, aber der Gesellschaft. An seinen Kindern Louisa und Thomas wird diese Methode natürlich zuallererst durchexerziert, was ihre sozialen Kompetenzen und die Fähigkeit, Mitgefühl oder gar Liebe zu empfinden, erheblich verringert. Im Gegensatz dazu ist die kleine Zirkuskünstlerin Sissy, die sich vorübergehend in der Stadt befindet, zu genüge damit ausgerüstet, was zu ihrem absoluten Versagen in Mr Gradgrinds Schule führt. Als sich ihr Trunkenbold von Vater aus dem Staub macht (angeblich, um ihr ein besseres Leben zu ermöglichen), beschließt Sissy, den Zirkus zu verlassen und ihre Ausbildung weiterzuführen. Somit wird sie ein Mitglied der Gradgrind-Familie und Louisas einzige Vertraute

Der große Zampano der Stadt ist der Fabrikbesitzer Josiah Bounderby, der stets mit seiner niedrigen Herkunft prahlt und wie er es aus eigener Kraft vom Straßenjungen zum reichen Mann geschafft hat. Er ist nicht nur mit Gradgrind befreundet, sondern hat auch ein Auge auf Louisa geworfen hat. Diese wehrt sich nicht gegen die arrangierte Heirat, hat sie doch kaum einen eigenen Willen und kann mit romantischen Vorstellungen von Liebe nichts anfangen.

Eine weitere wichtige Figur des Romans ist Stephen Blackpool, ein absolut gutherziger Mensch und Arbeiter in Bounderbys Fabrik. Er liebt schon lange seine Kollegin Rachael, ein engelhaftes Geschöpf, doch kann er sie nicht heiraten, weil er bereits eine Frau hat: ein verkommenes, alkoholkrankes Wesen, das ab und zu auftaucht, seinen wenigen Besitz verkauft, um an Geld zu kommen und Stephen dadurch das Leben zur Hölle macht. In einer ergreifenden Szene fragt er seinen Chef, ob es eine Möglichkeit zur Scheidung gäbe, erhält aber nur die Antwort, dass diese lediglich reichen Leuten offen stünde. Von seinen Kollegen wird er gemieden, weil er sich weigert, der neu gegründeten Gewerkschaft beizutreten. Dies macht ihn aber auch in den Augen seines Chefs verdächtig und er wird entlassen. Als es später einen Diebstahl in der Bounderby-Bank gibt, wird Stephen natürlich als erster verdächtigt, weil er in den Tagen davor in der Nähe des Gebäudes gesehen wurde. Keiner ahnt, dass er in ein Komplott verwickelt wurde, das von Louisas verschwenderischem Bruder Thomas eingefädelt wurde. Währenddessen gerät die unglücklich verheiratete Louisa an einen gewohnheitsmäßigen Don Juan, der geschäftlich mit Bounderby zu tun hat und die junge Frau auf Teufel komm raus verführen will. Dies wird von der tückischen, eifersüchtigen Mrs Sparsit beobachtet, die bei Bounderby bis zu dessen Heirat den Haushalt führte und sich nach Rache an Louisa sehnt, indem sie ihre vorgebliche Affäre offenlegt. In Wirklichkeit flieht diese aber vor dem Verführer und zu ihrem Vater, mit der Bitte, sie aus ihrer Ehe zu befreien. Sie wirft ihm vor, ihr nie beigebracht zu haben, wie sie ihre Gefühle deuten oder ausdrücken kann. Zwar wird ihr Wunsch erfüllt und Mr Bounderby wieder zum Junggesellen, doch Glück findet Louisa nur in ihrer Anteilnahme an Sissys Kindern, nicht in einer eigenen Familie.

Herself again a wife—a mother—lovingly watchful of her children, ever careful that they should have a childhood of the mind no less than a childhood of the body, as knowing it to be even a more beautiful thing, and a possession, any hoarded scrap of which, is a blessing and happiness to the wisest?  Did Louisa see this?  Such a thing was never to be.

Stephen Blackpool findet ein trauriges Ende, als er vor den Verdächtigungen aus Coketown flieht, und wie gesagt, außer Sissy wird keiner so wirklich glücklich. Mr Gradgrinds Weltanschauung erweist sich jedenfalls als untauglich dafür.

Quelle: http://clive-w.blogspot.co.uk/

Eine Stadtansicht, wie sie Coketown entsprechen könnte

Dickens rechnet hier nicht nur mit dem pragmatischen Utilitarismus („the greatest amount of happiness for the greatest number of people“) ab, sondern kritisiert scharf die unwürdigen Arbeitsbedingungen in den industrialisierten Städten, wo die Menschen in engen, dunklen Straßen hausten, dauerhaft schlechte Luft atmeten und ihr Leben nur von Arbeit und erschöpftem Schlaf dazwischen bestand.

It was a town of red brick, or of brick that would have been red if the smoke and ashes had allowed it; but as matters stood, it was a town of unnatural red and black like the painted face of a savage.  It was a town of machinery and tall chimneys, out of which interminable serpents of smoke trailed themselves for ever and ever, and never got uncoiled.  It had a black canal in it, and a river that ran purple with ill-smelling dye, and vast piles of building full of windows where there was a rattling and a trembling all day long, and where the piston of the steam-engine worked monotonously up and down, like the head of an elephant in a state of melancholy madness.  It contained several large streets all very like one another, and many small streets still more like one another, inhabited by people equally like one another, who all went in and out at the same hours, with the same sound upon the same pavements, to do the same work, and to whom every day was the same as yesterday and to-morrow, and every year the counterpart of the last and the next.

Wurden sie aus irgendeinem Grund gefeuert, gab es kaum eine Chance, woanders wieder Arbeit zu finden (es sei denn, unter einem angenommenen Namen), sie waren somit zur Armut verdammt. Die Charaktere – abgesehen von den Arbeitern und Sissy – sind meist gefühllos, egoistisch und handeln unmoralisch, ob nun durch Erziehung oder Selbsterziehung (siehe Mr Bounderby, der sich absichtlich eine schlimmere Vergangenheit zulegt, als er sie tatsächlich hatte, um sein rücksichtloses Handeln zu rechtfertigen und seinen Aufstieg zu glorifizieren). Das macht „Hard Times“ zu einer pessimistischen Lektüre, die zu Zorn und zu tiefem Mitgefühl mit den Figuren anregt.  Manchem Leser mag der Humor fehlen, die komischen Charaktere à la Sam Weller oder Mr Micawber, auch merkt man dem Roman an, dass Dickens hier aufklärerisch und aufrüttelnd wirken will. Doch nur wenige Bücher haben in meinen Augen eine solche Kraft, eine solche stetige Melancholie und eine solche Dynamik – wie durch eine gut geölte Maschine in der Fabrik wird die Geschichte vorangetrieben bis zur unerbittlichen Klimax.

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