Ein Monat - ein Buch

September 2012: Alessandro Manzoni – Die Verlobten

Nach Manzonis „Verlobten“ habe ich lange und erfolglos gesucht, in keiner meiner zwei Stammbibliotheken war es verfügbar, dabei ist es ein echter Klassiker des Realismus und sicher das bekannteste italienische Buch aus dem 19. Jahrhundert. In der großen Münchener Zentralbibliothek wurde ich dann endlich fündig. Und zu meiner Überraschung las es sich erstaunlich gut und war kein bisschen veraltet.

Die Geschichte spielt im Italien des 17. Jahrhunderts, wo zwei Verlobte ihre Hochzeit planen, daran aber von einem Adligen, der die Braut Lucia gern selbst hätte, gehindert werden. Er engagiert eine Räuberbande, die das Mädchen entführen soll, doch der Plan schlägt fehl und sowohl Lucia als auch ihr Verlobter Renzo können fliehen: Sie in ein Nonnenkloster, er nach Mailand, wo es einen Aufstand wegen zu hoher Preise gibt und später noch die Pest umgeht. In den Wirren verlieren sich die beiden Liebenden fast, doch am Ende überleben beide und sind wieder glücklich vereint. Dies wird sehr lebendig dargestellt, die Charaktere aus dem Heimatdorf der Verlobten haben oft eine Bauernschläue oder sind, wie der Priester, der das Paar trauen soll und von den Drohungen des Adligen davon abgehalten wird, feige und komisch zugleich. Es gibt außerdem die eingeschobene Geschichte einer unfreiwilligen Nonne, die ihr eingekerkertes Leben hasst und Lucia an einen (namenlosen) Bösewicht ausliefert, der sie an den wollüstigen Adligen weiterreichen soll, von ihrer Unschuld und Frömmigkeit aber so gerührt ist, dass er sich später zum barmherzigen Christen bekehren lässt. Die Pestepidemie in Mailand wird sehr anschaulich geschildert, bei den hygienischen Zuständen scheint es ein Wunder, wenn aus den Lazaretten überhaupt jemand lebendig zurückkehrte.

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Quelle: randomhouse.de

In Italien ist das Buch, wie erwähnt, ein Standardwerk, nicht zuletzt, weil Manzoni mit seinem Roman eine moderne, einheitliche Literatursprache etabliert hat:

Der Roman ist Pflichtlektüre an den weiterführenden Schulen, jeder Italiener kennt ihn, viele Angehörige der älteren Generation können den Anfang immer noch auswendig, es gibt Berge von Sekundärliteratur. Durch diese exzessive Kanonisierung und Dauerkommentierung ist er in den Ruf eines öden, verstaubten Klassikers gekommen, der von den meisten Italienern heute abgelehnt, ja gehasst wird. Im Gegensatz dazu pflegt Umberto Eco zu sagen: „Ich liebe diesen Roman, weil ich das Glück hatte, ihn das erste Mal zu lesen, bevor ich in der Schule damit gequält wurde.“ (Quelle: Wikipedia)

Für einen historischen Roman aus dieser Zeit ist er auch erstaunlich gut recherchiert (teilweise mit seitenlangen Auszügen aus Archivschriften) und liefert ein lebendiges Bild von den sozialen Schichten und Zuständen in Italien während des Dreißigjährigen Krieges. Und nein, er ist weder verstaubt noch öde, sondern sehr lesenswert (und dank der wunderbaren Manesse Bibliothek der Weltliteratur auch schön handlich), wenn man ihn erst mal gefunden hat.

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