Lieblingsbücher

Astrid Lindgren – Märchen

Es ist unmöglich, meinen Liebling unter allen Lindgren-Büchern auszumachen. Bei diesem, einem Sammelband früherer, kurzer Geschichten und Bilderbücher, verhält es sich so, dass ich es etwas später als die anderen gelesen habe und darum ein besseres Gespür für die Poesie und Schönheit der Geschichten hatte als das vielleicht bei „Ronja Räubertochter“ oder den „Brüder Löwenherz“ der Fall war, deren Stil ein wenig an drei „Märchen“ erinnert, die ich vor allen anderen liebe: „Junker Nils von Eka“, „Die Schafe auf Kapela“ und „Sonnenau“. Sie spielen alle in einer nicht festgelegten, alten Zeit, „in den Tagen der Armut“, als die „Unterirdischen“ und andere Sagenwesen Wirklichkeit waren und Kinder ein gefährliches Leben führten. Ob sie, wie Nils von Eka, gegen einen bösen Ritter kämpfen müssen (wenn auch nur im Fiebertraum, aber auch dabei geht es um Leben und Tod), wie Stina-Maria in die Unterwelt gelockt werden, oder wie Matthias und Anna bei einem hartherzigen Bauern arbeiten müssen – diese Märchen zeigen jedenfalls keine idyllische Welt, sie sind oft traurig und malen keinesfalls ein verzerrtes oder verniedlichendes Bild vom Leben.

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Dies gilt genauso, wenn auch abgeschwächt, für „Allerliebste Schwester“, wo das Mädchen Barbro mit dem Tod ihrer Schwester fertig werden muss (die angeblich noch immer unter einem Rosenstrauch in einem unterirdischen Reich lebt) oder wenn Göran in der Geschichte „Im Land der Dämmerung“ nicht laufen kann und stets im Bett liegen muss – nur in seiner Fantasiewelt ist das kein Problem: „Denn im Land der Dämmerung kann man fliegen.“ Bertil aus „Nils Karlsson-Däumling“ ist den ganzen Tag allein und traurig, bis er sich mit dem winzigen Nils anfreundet. Und „Die Prinzessin, die nicht spielen wollte“ leidet unter einem ähnlichen Problem, auch sie fühlt sich inmitten ihres Spielzeugs im Palast unglücklich, weil sie keinen Spielkameraden hat. Erst die Bekanntschaft mit einem anderen kleinen Mädchen macht sie wieder froh, und sie mag deren Holzpuppe viel lieber als alle prächtigen, sprechenden Puppen in ihrem eigenen Schrank.

Dazwischen gibt es jedoch ein paar einfach zauberhafte und unbeschwerte Märchen, wie „Die Elfe mit dem Taschentuch“, „Kuckuck Lustig“ oder „Die Puppe Mirabell“. „Rupp Rüpel, das grausigste Gespenst aus Småland“ ist eine düster daherkommende Gruselgeschichte, die die Folgen zeigt, wenn Kinder solche Erzählungen hören. „Der Drache mit den roten Augen“ und „Peter und Petra“ schließlich sind liebevolle Erinnerungen an nichtalltägliche Freundschaften mit einem Drachen bzw. einem Zwergen-Geschwisterpaar, von denen der Abschied schwer fiel. Die Illustrationen von Ilon Wikland leisten dabei einen entscheidenden Beitrag zum Reiz dieses Buches. Dazu ist der Stil einfach magisch, eine wunderbare, lyrische Sprache wie ich sie auch in Lagerlöfs „Gösta Berling“ fand – es muss eine schwedische Erzähltradition geben, die Sätze wie „Klingt meine Linde, singt meine Nachtigall“ überliefert. Diese Märchen nehmen einen an die Hand, wie andere Bücher der Autorin entführen sie für einen Augenblick in eine andere Welt, voller Fantasie, Träume und Sehnsüchte, worin sich ein kleines Glück auch im größten Elend findet. Die Stimme des Großvaters, der mit seinem Lied der „Schafe weit und breit, so groß ist die Himmelsweid“ Stina-Maria vor den Unterirdischen rettet. Ein kleiner sonniger Garten mitten im Winter, in den die Waisenkinder Matthias und Anna vor der Kälte und dem harten Leben als billige Arbeitskräfte bei einem Bauern fliehen. Die Pforte dazu ist immer offen, denn einmal geschlossen, kann man den Ort nie wieder verlassen.

„Warum ist diese Pforte nicht geschlossen?“ , fragte sie. „Ach, kleine Anna“ , sagte Matthias, „wenn die Pforte geschlossen wird, kann sie nie wieder geöffnet werden, weißt du das nicht mehr?“ „ Doch, gewiss weiß ich das“ , sagte Anna. „Nie, nie wieder.“  Da sahen sie einander an, Matthias und Anna. Sie sahen einander lange an. Dann lächelten sie ein bisschen. Und dann machten sie ganz sacht und leise die Pforte zu.

Eine Metapher für den Tod durch Erfrieren? Vielleicht, aber für mich der schönste Schlusssatz überhaupt. Die ganze Nacht ruft der Kuckuck von der Insel herüber als Bote des Todes, doch am Morgen des 18. Juni erwacht Nils in der Kate namens Eka, und hat ihn überwunden.

Quelle: ilonart.ee 
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