Ein Monat - ein Buch/Lieblingsbücher

Januar 2012: Selma Lagerlöf – Gösta Berling

Die schwedische Autorin Selma Lagerlöf, wahrscheinlich die berühmteste ihres Landes neben Astrid Lindgren, ist hierzulande vor allem durch das Kinderbuch „Die wunderbare Reise des Nils Holgersson“ bekannt. Der Roman „Gösta Berling“ ist ihr Erstlingswerk und ich hatte ihn schon länger im Auge, bevor ich ihn schließlich aus der Bücherei mitnahm. Und was soll ich sagen: Er ist großartig. Der einzigartige Erzählstil (siehe auch Lindgrens „Märchen“) nahm mich sofort gefangen und ließ mich während des Lesens nicht mehr los. Das Buch besteht eher aus lose miteinander verbundenen Episoden als aus einer fortlaufenden Handlung. Grob gesagt geht es um Gösta Berling, einen früheren Pfarrer, der wegen Trunksucht aus seinem Amt verjagt wird und Zuflucht auf Ekeby findet, einem Anwesen, auf dem die alte Majorin Margareta Samzelius herrscht und wo noch elf andere Männer, die Kavaliere, wohnen. Alle sind etwas abgehalfterte, aber sehr ehrenwerte Herren und Lebemänner, hauptsächlich ehemalige Soldaten, Adlige und Künstler. Im Laufe der vielen, kurzen Kapitel beschreibt Lagerlöf die einzelnen Kavaliere und ihre Schicksale, auch das der Majorin selbst. Sie wurde von ihrer Mutter verflucht, nachdem Margareta vorgegeben hatte, die Mutter nicht zu kennen. Auch andere mehr oder weniger sagenhafte Vorgänge und Charaktere sind in die Geschichten verwoben, es ist eine Art magischer Realismus, denn die Orte und Zeiten sind ganz real und konkret angegeben. Auch die Landschaft des schwedischen Värmland der 1820er Jahre wird sehr anschaulich beschrieben. Aber Lagerlöf lässt alles wie alte Legenden klingen, wortgewaltig und schwärmerisch.

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Quelle: picclick.at

Im Mittelpunkt all dessen steht nun dieser Gösta Berling, ein unglaublich gutaussehender und charmanter Kerl (so stellt man ihn sich jedenfalls beim Lesen vor), in den ich mich glattweg ein wenig verliebte. Nicht anders ergeht es den schönen Frauen im Buch. Die eine, Anna, verlässt sofort ihren Verlobten und will mit Gösta durchbrennen, bis der es sich im letzten Moment anders überlegt. Die andere, Marianne Sinclair, wäre Göstas wegen fast gestorben, weil ihr Vater vor Wut über die Liebschaft sie draußen in der Winternacht stehen ließ. Eine Zeitlang lebt sie bei de Kavalieren auf Ekeby, bis eine Pockenerkrankung ihre Schönheit auslöscht und sie zu ihren Eltern zurückkehrt. Die Gräfin Elisabet Dohna schließlich ist verheiratet und kann doch nicht anders, als Gösta für sein ehrenhaftes Verhalten ihr gegenüber zu bewundern und schließlich zu lieben.

So ward es für sie eine Offenbarung ungekannter Herrlichkeit. Daß noch so etwas auf Erden geschehen konnte, daß so etwas um ihretwillen ausgeführt werden konnte! Was für ein Mann war er nicht, zu allem fähig, gewaltig im Guten wie im Bösen, ein Mann großer Taten, starker Worte, glänzender Eigenschaften! Ein Held, ein Held! Aus einem andern Stoffe gemacht als andere. Sklave einer Laune, der Lust eines Augenblickes, wild und schrecklich, aber im Besitz einer rasenden Kraft, nichts in der Welt fürchtend.

Ihn wiederum berührt ihre Güte und Aufrichtigkeit. Ja, hier gibt es tiefe Leidenschaften und Gefühle, Frauen, die ein Leben lang trauern, viel leiden müssen und große Taten vollbringen (eher noch als die Männer). Womöglich ist dies der Grund, weshalb mich der Roman so faszinierte und begeisterte. Am Ende wird der rastlose, leichtsinnige und schuldhafte Gösta durch Elisabets Liebe bekehrt und führt ein einfaches Leben als Bauer. Die Majorin überwindet den Fluch und kann in Frieden sterben. Nur dem herrlichen Treiben der Kavaliere auf Ekeby wird dadurch ein Ende gesetzt.

Dies ist eines dieser Bücher, von denen man nicht weiß, wie wunderbar es ist, bis man es gelesen hat. Und selten ist mir ein solch strahlender Held untergekommen, der so viele Schwächen hat und den man dennoch lieben muss. Diese Schweden sind uns himmelweit voraus, wie ich immer zu sagen pflege, sei es in der Musik, im Fußball – ab und zu jedenfalls, im Beherrschen der englischen Sprache, im Sozialwesen… (klarer Fall von Bullerbü-Syndrom) und im Erzählen solch großartiger, fantasievoller Geschichten wie der von Gösta Berling sowieso. Könnte ich Schwedisch sprechen, würde ich sofort auswandern.

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