Ein Monat - ein Buch

Juni 2012: Arno Geiger – Der alte König in seinem Exil

Auf dieses Buch wurde ich im Vorfeld der Leipziger Buchmesse 2011 aufmerksam, für deren Preis es nominiert war. Es handelt sich nicht um einen Roman, sondern um einen guten, liebevoll geschriebenen Bericht über Geigers Vater, der an Alzheimer erkrankt ist. Der Verlauf der Krankheit in all ihren Facetten wird geschildert, Situationen und Gespräche widergegeben in einem Versuch, sowie viel möglich von der Erinnerung des Vaters festzuhalten, die sich immer mehr mit der Gegenwart vermischt. Dies ergibt eine faszinierende, stellenweise sehr amüsante Lektüre, wobei der Ernst der Krankheit und die Schwere des Verlusts – nicht nur der geistigen Fähigkeiten, sondern auch der Persönlichkeit und schließlich des eigenen Selbst – nie in den Hintergrund rückt.

Quelle: http://erichkocina.at/2011/02

In diesem Blog findet man auch ein Interview mit dem Autor.

August Geiger wurde 1926 im österreichischen Dorf Wolfurt geboren. Prägendes Erlebnis seiner Jugend war sein Kriegseinsatz mit 18 an der Ostfront und wie er sich, nach schwerer Krankheit aus dem Lazarett entlassen, zu Fuß zurück in seine Heimat durchschlagen musste. Danach mochte er nicht mehr fort aus dem Dorf, er wurde Gemeindeschreiber, baute ein Haus und gründete eine Familie mit vier Kindern. Seine Erinnerungen schweifen mit Beginn der Alzheimer-Erkrankung immer öfter in seine Kindheit zurück, die er mit neun Geschwistern verbrachte, die alle selbstverständlich bei den Aufgaben im Haus und in der Landwirtschaft mithalfen. Sein Sohn Arno schreibt all die kleinen und großen Geschichten – oft sind es nur Bruchstücke – auf, fragt nach, erhält überraschende, mitunter zweideutig-komische Antworten. Die Familie, selbst die getrennt lebende Ehefrau, nimmt die Pflege solange wie möglich in die eigenen Hände, und der Autor selbst erlebt eine allmähliche Annäherung an den Vater, an dem er ganz neue Seiten entdeckt.

Es muss um das Jahr 2004 gewesen sein, da erkannte er plötzlich sein eigenes Haus nicht mehr. Das geschah überraschend schnell, schockierend schnell, so dass wir es gar nicht fassen konnten. Lange Zeit weigerten wir uns zu akzeptieren, dass der Vater so etwas Selbstverständliches wie das eigene Haus vergessen hatte. Eines Tages wollte sich meine Schwester sein Bitten und Drängen nicht länger anhören. Alle fünf Minuten sagte er, dass er zu Hause erwartet werde, das war nicht zum Aushalten. Unserem damaligen Empfinden nach überstiegen seine endlosen Wiederholungen jedes erträgliche Maß. Helga ging mit ihm hinaus auf die Straße und verkündete:

»Das ist dein Haus!«

»Nein, das ist nicht mein Haus«, erwiderte er.

»Dann sag mir, wo du wohnst.«

Er nannte die korrekte Straße mit Hausnummer. Triumphierend zeigte Helga auf das Hausnummernschild neben der Eingangstür und fragte:

»Und, was steht hier?«

Er las ihr die zuvor genannte Adresse vor.

Helga fragte:

»Was schließen wir daraus?«

»Dass jemand das Schild gestohlen und hier angeschraubt hat«, erwiderte der Vater trocken – was eine etwas phantastisch anmutende Deutung war, die aber keineswegs jede Schlüssigkeit vermissen ließ. »Warum sollte jemand unser Hausnummernschild klauen und an sein Haus schrauben?«, fragte Helga empört.

»Das weiß ich auch nicht. Die Leute sind halt so.«

Das stellte er mit Bedauern fest, gleichzeitig zeigte er nicht den geringsten Anflug von Skepsis angesichts der Unwahrscheinlichkeit seiner Argumentation.

Wenn er sagte, dass er nach Hause gehe, richtete sich diese Absicht in Wahrheit nicht gegen den Ort, von dem er weg wollte, sondern gegen die Situation, in der er sich fremd und unglücklich fühlte. Gemeint war also nicht der Ort, sondern die Krankheit, und die Krankheit nahm er überallhin mit, auch in sein Elternhaus. Sein Elternhaus war nur einen Katzensprung entfernt, blieb aber trotzdem ein unerreichbarer Ort, und das keineswegs, weil der Vater es mit den Füßen nicht bis dorthin schaffte, sondern weil ein Aufenthalt im Elternhaus nicht einlöste, was sich der Vater davon versprach. Mit der Krankheit nahm er die Unmöglichkeit, sich geborgen zu fühlen, an den Fußsohlen mit. Krank wie er war, konnte er den Einfluss der Krankheit auf seine Wahrnehmung des Ortes nicht durchschauen. Und seine Familie konnte unterdessen täglich beobachten, was Heimweh ist.

Es ist ein nachdenkliches Buch, voller Dankbarkeit und Wärme für den Vater. Angehörige von Demenzpatienten werden sicher manche Situation wiedererkennen, aber auch ein „unbelasteter“ Leser gewinnt viele neue Eindrücke. Gerade in unserer Zeit, wo alte Menschen oft überschnell ins Heim sollen und für sie, wenn sie erst mal krank und pflegebedürftig sind, kein Platz mehr in unserer Gesellschaft ist, ist „Der alte König in seinem Exil“ auch ein Plädoyer für die Würde alter Menschen und verdeutlicht einem jungen Spund wie mir, wie viel wir von ihnen lernen und von einem Zusammenleben mit ihnen profitieren können. Oft möchte man im gleichen Absatz lachen und weinen, denn die Licht- und Schattenseiten dieser tückischen Krankheit werden von Geiger auf sensible Art und mit großer Einsicht für das Nebeneinander von Tragik und Komik dargestellt.

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