Ein Monat - ein Buch

Mai 2002: Cynthia Voigt – Heimwärts

Manchmal gibt es Bücher, die man vor langer Zeit gelesen hat und die einen damals ungewöhnlich tief beeindruckten, aber mit den Jahren vergisst man, warum eigentlich. Nur das Gefühl und die Erinnerung an den tiefen Eindruck bleiben und das muss wohl bedeuten, dass sie gut sind. So geht es mir mit Cynthia Voigts „Heimwärts“. Ich hatte eine Szene im Kopf, von der ich dachte, dass sie aus diesem Buch stammen würde, aber wie ich durch ein wenig Recherche heraus bekam, gehört sie zu dem Nachfolger, „Wir Tillermans sind so“: Darin fährt ein Mädchen mit dem Zug durch die USA und trägt ein Gefäß bei sich, mit dem sie die Aufmerksamkeit der anderen Passagiere erregt. Es handelt sich dabei um die Urne mit der Asche ihrer Mutter …

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Quelle: lovelybooks.com

Das Mädchen heißt Dicey und in „Heimwärts“ lernen wir sie und ihre drei Geschwister kennen: James, Maybeth und Samuel. Sie wohnen mit ihrer Mutter zusammen, die offenbar psychische Probleme hat, sodass Dicey mit ihren 13 Jahren schon eine Art Ersatzmutter für die jüngeren Kinder ist und viel Verantwortung und Selbstständigkeit entwickeln muss. Eines Tages fahren sie alle zusammen mit dem Auto zu einer Tante und halten unterwegs bei einem Einkaufszentrum an. Dort steigt die Mutter aus.

Das traurige runde Gesicht der Frau erschien vor dem offenen Autofenster. »Seid so gut«, sagte sie. »Hört ihr mich, ihr Kleinen? Tut, was Dicey sagt. Verstanden?« »Ja, Mama«, sagten sie.

»In Ordnung.« Sie legte den Gurt ihrer Handtasche über die Schulter und ging weg; ihre Schritte waren unsicher wegen der ausgeleierten Riemen ihrer Sandaletten. Ihre dünnen Ellenbogen schimmerten durch die Löcher ihrer zu weiten Strickjacke, ihre Jeans waren ausgebleicht und verbeult. Als sie in der Masse der Leute, die an diesem Samstagmorgen ihre Einkäufe machten, untergetaucht war und die Seitentüren des Einkaufszentrums erreicht hatte, beugten sich die drei kleineren Kinder hinüber zum Vordersitz. Dicey, saß vorne. Sie war dreizehn und für das Lesen der Karten zuständig.

»Warum haben wir angehalten?« fragte James. »Wir sind doch noch nicht da. Wir haben was zu essen. Es gibt keinen Grund anzuhalten.« James war zehn und meinte, es müsse für alles einen guten Grund geben. »Dicey?« – »Ich weiß es nicht. Du hast genau wie ich gehört, was sie gesagt hat. Was soll’s?«

»Alles, was sie gesagt hat, war, „wir halten hier an“. Sie hat nicht gesagt, warum. Sie sagt nie, warum. Haben wir kein Benzin mehr?«

»Ich hab nicht nachgesehen.« Dicey brauchte etwas Ruhe zum Nachdenken. Irgend etwas war seltsam an dieser ganzen Reise. Sie konnte nicht sagen, weshalb – noch nicht. »Warum erzählst du ihnen nicht eine Geschichte?« »Was für eine?«

Das ist das letzte Mal, das die Kinder ihre Mutter sehen: Sie verschwindet einfach. Und Dicey bleibt nichts anderes übrig, als sich irgendwie mit den Geschwistern nach Bridgeport, Connecticut, zur Tante durchzuschlagen. Dabei haben sie noch das Glück, auf hilfsbereite Menschen zu treffen, etwa auf zwei Studenten, die sie den letzten Teil der Strecke mit dem Auto fahren. Am Ziel angekommen, finden sie dort nicht das erhoffte neue Zuhause, denn die Tante ist verstorben und ihre Tochter macht den Kindern das Leben alles andere als einfach. So sieht sich Dicey gezwungen, erneut den Aufbruch ins Unbekannte zu wagen, dieses Mal zu ihrer Großmutter in Maryland.

Es ist eine ziemlich erstaunliche Geschichte, oft genug traurig, aber immer spannend und sehr berührend. Vor allem die mutige und willensstarke Dicey ist eine tolle Hauptfigur, vor der man große Achtung haben muss. Wie erwähnt, gibt es den Nachfolgeband „Wir Tillermans sind so“, in dem man erfährt, wie sich die Kinder allmählich bei der Großmutter einleben, natürlich nicht ohne Schwierigkeiten, in ihrer neuen Umgebung (vor allem in der Schule) zurecht zu kommen. Cynthia Voigt hat zudem noch etliche andere Romane über die Familie geschrieben, wovon ich „Samuel Tillerman, der Läufer“ (über den jugendlichen Geländeläufer „Bullet“, der später einmal Diceys Onkel werden würde) las. Die Bücher sind alle aus den 80er Jahren, aber ich glaube, dass sie inhaltlich zeitlos sind, weil man darin gerade als ein zum Teenager heranreifendes Kind etwas über das Leben lernt, über die vielfältigen Beweggründe von Menschen für ihr Verhalten (z. B. das der Mutter, ihre Kinder im Auto allein zurückzulassen) und wie man mit Trauer, Verlust und schwierigen Situationen umgeht. Wie man nicht verzweifeln und aufgeben darf, sondern weiterkämpfen muss, weil es nie nur um einen selbst geht. In diesem Sinne verhält sich Dicey „erwachsener“ als manche Menschen, die sehr viel älter sind als sie. Kein Wunder, dass sie mich damals so beeindruckte.

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