Ein Monat - ein Buch

Juni 2005: Francis Scott Fitzgerald – Der große Gatsby/The Great Gatsby

Mit diesem Buch ging es mir wie mit „Catcher In The Rye“: auf Deutsch gelesen, fand ich es so lala, aber die Originalversion begeisterte mich dann sehr. Von der Lektüre der Übersetzung habe ich vor allem in Erinnerung, dass ich sie während der Klassenfahrt im Bus las und ich davon leicht reisekrank wurde. Außerdem verstand ich die Partyszene in New York irgendwie nicht, alles ging in meinem Kopf durcheinander. Deshalb war es gut, dass wir ein Jahr später im Englischunterricht den „Gatsby“ noch mal durchnahmen. Eine Gruppe von Schülern spielte dann Schlüsselszenen des Romans nach, es wurde Erdbeerbowle kredenzt und Jazzmusik gespielt, um das Gefühl der „Roaring Twenties“ aufleben zu lassen. Und seitdem hat das Buch einen Platz in meinem Herzen und natürlich schaute ich mir die letzte Verfilmung an (Baz Luhrman als Regisseur und Leonardo DiCaprio als Gatsby – das musste einfach gut werden. Zwar sehr „over the top“, sehr goldflimmernd und mit Längen, aber der Augenblick, in dem Leo zum ersten Mal als Jay Gatsby zu sehen ist, wie er lächelnd und mit erhobenem Champagnerkelch die ganze Leinwand einnimmt, gehört sicher zu den Kinomomenten des Jahres.). Wenn ich an Fitzgerald denke, stelle ich mir vor, dass sein Leben auch so eine endlose Aneinanderreihung von Partys gewesen sein muss, wie sie im Roman beschrieben werden. Sicher klischeehaft, aber so ist nun mal sein und Zeldas Mythos.

Quelle: findagrave.com

Dieses Autorenfoto fand ich in einer Zeitung und es gefiel mir so gut, dass ich es ausschnitt und als Lesezeichen für „Gatsby“ benutzte…

Die Romanhandlung wird aus der Sicht von Nick Carraway geschildert, einem jungen, hoffnungsvollen Aktienverkäufer, der in ein kleines Haus auf Long Island, New York zieht und dort jede Nacht miterlebt, wie sein Nachbar große Partys schmeißt, zu denen alle Amüsierwilligen der Stadt eingeladen sind. Den Hausherrn selbst, einen gewissen Jay Gatsby, bekommen anfangs jedoch weder Nick noch die Gäste zu Gesicht, und es schwirren die wildesten Gerüchte herum, wer er ist und wie er zu seinem Vermögen kam. Auf der anderen Seite der Bucht wohnt Nicks Cousine Daisy in einem schönen Anwesen mit ihrem Mann Tom Buchanan. Nick besucht das Paar und lernt dort Jordan Baker, eine Freundin Daisys, kennen, in die er sich verliebt (ein Handlungsstrang, der leider im Film kaum behandelt wird). Tada, meine Lieblingsszene:

We passed a barrier of dark trees, and then the facade of Fifty-ninth Street, a block of delicate pale light, beamed down into the park. Unlike Gatsby and Tom Buchanan I had no girl whose disembodied face floated along the dark cornices and blinding signs and so I drew up the girl beside me, tightening my arms. Her wan, scornful mouth smiled and so I drew her up again, closer, this time to my face.

 Bei einem Ausflug nach New York mit Tom und Jordan wird Nick in das Doppelleben von Daisys Gatten eingeweiht: Der Herr unterhält noch eine Geliebte, mit der er sich in einem Apartment in der Stadt trifft. Dort erlebt Nick zum ersten Mal eine richtige Orgie, die aber unschön und im Streit zwischen Tom und Myrtle, der bewussten Dame, endet. Als Nick eines Tages endlich auch zu einer von Gatsbys Partys eingeladen wird und den geheimnisvollen Mann zum ersten Mal persönlich kennenlernt, erfährt er, dass dieser nur einen Plan verfolgt: Er will seine alte Liebe zurückgewinnen, die er damals aufgrund des 1. Weltkrieges verlassen musste und die in der Zwischenzeit jemand anderen geheiratet hat – Nicks Cousine Daisy Buchanan. Sein Nachbar und zunehmender Vertrauter soll ihm dabei helfen, indem er ein Wiedersehen arrangiert. Die alte Liebe flammt wieder auf, und Gatsby drängt Daisy, sich scheiden zu lassen. Doch in einem großen Eklat zwischen den zwei Rivalen Tom und Gatsby zieht der Geliebte den Kürzeren, und bei der anschließenden Autofahrt zurück nach Hause gibt es einen Unfall, der unglücklicherweise tödlich für die herauseilende Myrtle endet (Gatsby fuhr Toms Wagen und sie glaubte, ihr Liebhaber wäre der Fahrer). Die Nemesis in Form von Myrtles verzweifeltem Ehemann lässt nicht lange auf sich warten…

Quelle: amazon.de

Dies ist die Geschichte eines Emporkömmlings, eines Self-Made-Man, an dem nicht einmal der Name echt ist, nur eines: seine Liebe zu Daisy, die vielleicht ein Bindeglied zu seinem alten Selbst darstellt, das „ferne grüne Licht“, das er nachts über die Bucht hinweg anstarrt und das zu Daisys Bootssteg gehört. Ein ewiges Sehnen nach etwas Vergangenem, das man nicht mehr zurückholen kann – aber Gatsby glaubt felsenfest daran, dass man die Vergangenheit ungeschehen machen kann (so wie er seine eigene ausgelöscht hat):

 Gatsby believed in the green light, the orgastic future that year by year recedes before us. It eluded us then, but that’s no matter – tomorrow we will run faster, stretch out our arms farther… And one fine morning —

Dabei merkt er nicht, dass Daisy seine Gefühle gar nicht richtig erwidert, sich nur in ihrer Ehe langweilt und insgesamt viel zu oberflächlich ist, eine leere Schönheit, die Gatsbys Bemühungen gar nicht wert ist (hätte sie ihn wirklich geliebt, hätte sie damals auf ihn gewartet, davon bin ich überzeugt). Der arme Nick wiederum ist wie ein Spielball zwischen den Parteien, jeder – Tom und Gatsby insbesondere – versucht, ihn auf seine Seite zu bringen, indem er ihn ins Vertrauen zieht. In der reichen, vergnügungssüchtigen Gesellschaft vergisst er schnell, dass er eigentlich nicht dazu gehört und verliert am Ende alle Illusionen über diese Glitzerwelt, auch über seine Affäre mit Jordan, und geht zurück in seine Heimat, den mittleren Westen, wo man noch bodenständige und ehrliche Menschen trifft (meine Implikation). Vielleicht hätte Fitzgerald das auch tun sollen, dann wäre er nicht mit 44 an einem Herzinfarkt gestorben… Sein Vermächtnis ist dieses Buch, nicht nur ein erstklassiges Zeugnis der 20er Jahre und der „lost generation“, sondern ein zeitloser Klassiker über die tiefe, nie aufhörende Sehnsucht nach einem vergangenem Glück und das vergebliche Streben nach einem Gefühl, das für immer verloren ist.

So we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past.

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s