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Februar 2011: Jean Paul – Titan

Jean Paul, einer der erfolgreichsten deutschen Autoren am Ende des 18. Jahrhunderts, ist einer dieser Autoren, die heute keiner mehr liest – ähnlich wie Tieck oder Wieland oder Klopstock, allesamt „Klassiker“, aber außer von Germanisten und anderen Verrückten allgemein links liegen gelassen. Als zu altmodisch, zu schwierig und unverdaulich gelten sie (was bei Klopstock wohl zutreffen mag). Gerade das reizt mich aber immer wieder, und da „Titan“ von Rolf Vollmann sehr empfohlen wurde und er auch in der Bücherei vorrätig war, probierte ich es einfach mal aus.

Quelle: de.wikipedia.org
Wahrscheinlich waren es seine wilden Locken, die den Damen so gefielen

Erschienen zwischen 1800 und 1803, betrachtete der Autor dieses Werk als sein wichtigstes. Es ist unterteilt in Bände, „Jobelperioden“ und Zyklen und erzählt hauptsächlich von den Jugendabenteuern des Albano de Cesara, Sohn eines spanischen Ritters. Zuerst aufgewachsen auf der idyllischen Insel Isola Bella im Lago Maggiore, wird er früh in ein (fiktives, wahrscheinlich in Süddeutschland angesiedeltes) Fürstentum geschickt, um dort in einer Pflegefamilie die nötige Erziehung zu erhalten. Seit dieser Zeit sieht er seine Mutter und Schwester nicht mehr, und den Vater selbst lernt er erst an seinem 20. Geburtstag kennen, als er auf Isola Bella zurückkehrt. Dieser erste Blick auf die Schönheit der Natur ist eine wahrhaft große Szene:

„Dian zerriss kräftig die Binde und sagte: ‚Schau umher!‘ ‚O Gott‘, rief er selig erschrocken. Welch eine Welt! Die Alpen standen wie verbrüderte Riesen der Vorwelt fern in der Vergangenheit verbunden beisammen und hielten hoch der Sonne die glänzenden Schilde der Eisberge entgegen – die Riesen trugen blaue Gürtel aus Wäldern – und zu ihren Füßen lagen Hügel und Weinberge – und zwischen den Gewölben aus Reben spielten die Morgenwinde mit Kaskaden wie mit wassertaftnen Bändern – und an den Bändern hing der überfüllte Wasserspiegel des Sees von den Bergen nieder, und sie flatterten in den Spiegel, und ein Laubwerk aus Kastanienwäldern fasste ihn ein…“

Im typisch romantischen Stil gibt es etliche Geheimnisse und übersinnliche Vorgänge, so prophezeit ein Mönch Albano, dass seine Schwester in der Nacht seines Geburtstags sterbe, später sieht er eine weibliche Gestalt über dem See schweben und hört eine Stimme. Er erinnert sich an seine idyllische Kindheit in Blumenbühl beim Landschaftsdirektor Wehrfritz. Zurück in der Residenzstadt Pestiz (ein echt Jean Paulscher Name) lernt er die Geschwister Roquairol und Liane kennen, ersterer wird sein Freund, in letztere, ein schönes aber blindes Mädchen, verliebt er sich. Die sich entspinnende Handlung ist sehr verworren, einige Charaktere sind nicht die, für die sie sich ausgeben, Intrigen und Verwirrungen sind reichlich vorhanden. Liana stirbt, doch Albano tröstet sich mit einer anderen, der Gräfin Linda de Romeiro. Roquairol entpuppt sich als gewissenloser Kerl (er verführt Albanos Pflege-Schwester Rabette, oh oh) mit Hang zur Täuschung und Dramatik, während Albano zwar der unbestrittene Held des Romans ist, doch die meiste Zeit keine Ahnung hat, was wirklich gespielt wird. Jean Pauls Stil mit Abschweifungen, Fußnoten und anderen Belustigungen ist zu Anfang sehr gewöhnungsbedürftig und wenn man nicht kontinuierlich dran bleibt, verliert man rasch die Übersicht bei den vielen Figuren. Der „Titan“ ist ein typisches Kind seiner Zeit, mäandernd, bisweilen schwülstig geschrieben, doch dank der bissigen Ironie und der kleinen Seitenhiebe des Autors wird dies mehr als wett gemacht, sodass es nie wirklich langweilig wird.

2013 jährte sich der Geburtstag Jean Pauls zum 250. Mal, aus diesem Anlass findet sich auf der Internetseite des Deutschlandfunks ein interessanter Artikel zu diesem „vergessenen Meister“, aus dem folgende Zitate stammen.

Die Bescheidenheit seiner Schreibstube, das wenig Repräsentative passt zu dem Bild, das sich die Deutschen seit langem von Jean Paul gemacht haben. Jean Paul: der Autor der kleinen Leute und der Menschenliebe, aufgewachsen als Hungerleider in der vogtländischen Provinz in Franken, der das Leben in einer Kleinstadt wie Bayreuth dem in der geistigen Hauptstadt seiner Zeit, nämlich Weimar, vorzog. Jean Paul, der wetterfroschzüchtende Kauz, der passionierte Biertrinker, der schwärmerische Spaziergänger und Liebling seiner weiblichen Leser.
Jean Paul ist der Ungelesene unter den deutschen Dichtergenies. Den meisten ist er nur durch seine Aphorismen und Bonmots bekannt, die sich allerdings bändeweise aus seinem Werk heraus sieben lassen.

Jean Paul war Meister beider Sphären. Ihm gelingt ein Pathos, eine Wucht des Gefühls jenseits des Kitsches. Die Freiheit der Aufklärung nutzte er aber auch für eine Sprache der ironischen Distanz. Und ist damit ein Humorist, der seinesgleichen sucht. Das Wechselspiel aus beiden Tönen, des Trivialen und des Erhabenen, der Perspektivensprung zwischen dem Spötter und dem Ekstatiker machen seine Werke so einzigartig.

Dabei ist der Meister der Sprachbilder und witzigen Vergleiche auch ein leichthändiger Wortschöpfer. Manche seiner Unzahl an Einfällen sind uns geläufig geblieben: Schmutzfink – Weltschmerz – Sprachgitter – Fremdwort – Ehehälfte – Gänsefüßchen – Gefallsucht – Extrablatt – Nachtseite. Heute heißt das Lob der Stunde in der deutschen Gegenwartsliteratur Realismus und Authentizität. 250 Jahre nach seiner Geburt scheint mit dem Fantasten Jean Paul wenig anzufangen zu sein.
Doch Jean Paul hat seine eigene Form des Realismus. Bei der „Entzifferung der Welt“, die für ihn das Ziel jeder Poesie sein muss, setzt er auf ihre Vielgestaltigkeit. Und ist Schwärmer und Spötter, Idylliker und Verzweifelter zugleich.

Nur keine Angst vor dem Herrn Richter, wer sich traut, wird nicht enttäuscht werden, sondern sich fragen: Warum gehen wir eigentlich so sorglos mit unseren Klassikern um?

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