Ein Buch - mehrere Monate

Barry Miles – Many Years From Now

Mal wieder eine Biografie über Paul McCartney, allerdings die bis dato umfangreichste und freundlichste – logisch, denn sie entstand mit seiner engen Zusammenarbeit und der Autor ist ein langjähriger Freund von ihm. Miles war in den 1960ern in der Londoner Kunstszene involviert und gab die Underground-Zeitung „The International Times“ heraus, in der 1967 eine Petition zu Legalisierung von Drogen erschien, unterschrieben von allen vier Beatles. „Many Years From Now“ deckt Pauls Leben während der Beatles-Zeit ab, mit einem kleinen Postskriptum zu Lindas Tod, von Paul selbst verfasst und zu Tränen rührend. Der Titel ist übrigens dem Song „When I’m 64“ entnommen: „When I get older, losing my hair, many years from now…”

Quelle: en.wikipedia.org

So schön…

Eine solche Quasi-Autobiografie hat ihre Vor- und Nachteile. So ist Sir Paul natürlich darum bemüht, sein Bild für die Nachwelt etwas gerade zu rücken und vor allem die noch immer vorherrschende Meinung zu korrigieren, dass John immer der avantgardistische, progressive innerhalb der Band gewesen sei (weil er z. B. „Revolution 9“ auf dem White Album unterbrachte), dabei machte Paul solche Experimente schon viel früher, besuchte Avantgarde-Konzerte, drehte verrückte kleine Filme usw. Das unter seiner Führung entstandene Stück „Carnival of Light“ blieb bislang leider unveröffentlicht. Generell war er durch sein Haus in London der sozial und kulturell aktivste Beatle, während die anderen in ihren Vororten weniger mitbekamen. Diese Atmosphäre der „Swinging Sixties“ wird hier sehr gut vermittelt, auch bekommt man eine Ahnung von Pauls ausgelassenem Junggesellen-Dasein – denn ganz machomäßig sah er sich in keiner Weise zur Treue gegenüber Jane Asher verpflichtet, solange sie nicht verheiratet waren (ob er ihr umgekehrt die gleiche Freiheit zugestand, erwähnt er nicht). Welche Tricks er sich einfallen ließ, um den Fans zu entkommen (er kletterte durchs Fenster und beim Nachbarn wieder rein). Von höchstem Interesse sind sicher die Hintergründe zur Entstehung einzelner Songs, denn bei manchen Titeln wie „Eleanor Rigby“ oder „In My Life“ ist es strittig, ob nun Lennon oder McCartney einen größeren Beitrag geleistet haben. Paul nennt da gern Prozentzahlen, die sich zum Teil erheblich von den Angaben Lennons unterscheiden. Aber da er nur die eine Seite des Autorenteams ist – John aber auch nie sehr sorgfältig mit seinen Erinnerungen war und diese ohnehin stets subjektiv sind -, kann selbst dieses Buch manche Fragen nicht endgültig lösen. Und der erwähnte Nachteil einer autorisierten Biografie ist natürlich, dass der Porträtierte Einfluss darauf hat, was geschrieben wird, was nicht, und wenn ja, auf welche Weise. Ich möchte Paul hier um Himmels willen nichts unterstellen, er ist ein Gott unter den Lebenden für mich, aber selbst Götter sind nicht unfehlbar und wie man allgemein von ihm hört, behält er gern über alles die Kontrolle, nicht zuletzt über sein öffentliches Bild. Deshalb wäre es geradezu merkwürdig, wenn „Many Years From Now“ eine gänzlich ungeschminkte Version seines Lebens und Wirkens liefern würde. Nichtsdestotrotz enthält sie viele selbst für mich neue und interessante Mosaiksteinchen über die „Arbeitsgemeinschaft“ Lennon-McCartney, über Pauls Kindheit und Jugend, seine Beziehung zu Linda oder den anderen Beatles. Obwohl mit fast 700 Seiten ein recht dickes Buch, liest man es schneller als gedacht.

Quelle: beatlesblogger.com

Momentan beackere ich ein weiteres Werk zu Pauls Leben, er bietet wahrlich Stoff für ganze Regalreihen an Biografien. „Fab: An Intimate Life of Paul McCartney“ ist recht aktuell (2011 erschienen) und umfasst sein gesamtes Leben bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, inkl. vieler unerfreulicher Details aus seiner Ehe mit Heather Mills. Das Buch – obwohl bei einer Erzählzeit von fast 70 Jahren mitunter etwas oberflächlich – ist sehr gut recherchiert, gibt sich Mühe, auch negative Seiten auszuleuchten bzw. ein paar „Kiss and Tell“-Geschichten mit einzubauen – indiskret, aber nie reißerisch. Mein Heiligenbild hat über die Jahre viele Kratzer erhalten und manches hätte ich lieber nicht erfahren, aber am Ende tut all dies meiner Verehrung und Liebe für Paul, für seine Musik und seine charismatische, jungenhafte Persönlichkeit keinen Abbruch. Was mich am meisten schmerzt, ist, ihn altern zu sehen. Was ich am meisten fürchte, ist der Tag, an dem ich aufwache und er nicht mehr da ist.

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