Ein Buch - mehrere Monate/Lieblingsbücher

Georg Hermann – Jettchen Gebert/Henriette Jacoby

Wie schon öfter in diversen Posts erwähnt, habe ich Rolf Vollmanns „Roman-Verführer“ viele interessante und gute literarische Entdeckungen zu verdanken, aber keine war so überraschend und herrlich wie die zwei Romane „Jettchen Gebert“ und „Henriette Jacoby“ von Georg Hermann. Es ist jetzt zwei Jahre her, dass ich sie las, und zur Vorbereitung auf diesen Blog-Eintrag blätterte ich in der Bibliothek, wo ich die Bücher damals fand, noch mal darin, kopierte auch einige Stellen, und war sofort wieder betört von den Szenen, die mich schon 2012 so begeistert hatten. Ich weiß nicht, wie der Autor es angestellt hat, so viel Romantik und Tragik in ein Buch zu bringen, dass es einem schier das Herz zerreißt, und dann heutzutage noch völlig vergessen zu sein – mir sagte weder der Name Georg Hermann noch die Buchtitel vor dem Lesen etwas. Es sieht so aus, als hätten die Nazis hier ganze Arbeit geleistet, als sie nicht nur seine Bücher verbrannten, sondern den über 70-jährigen Hermann aus seinem niederländischen Exil zusammen mit so vielen anderen nach Auschwitz brachten und ermordeten. Welch schreckliches Ende.

Der Mord an Georg Hermann war so gründlich, dass er heute noch wirkt. Es gab bei uns eine Taschenbuchausgabe von Jettchen Gebert, in der DDR war Hermann immer so etwas wie ein Volksschriftsteller geblieben. Hermanns jetziger Verlag, Das Neue Berlin, ist mit der Werkausgabe (es liegen zehn Bände vor) an den Rand des Ruins geraten, obwohl er Zuschüsse erhält; 800 oder noch weniger Käufer waren es, die Hermanns Bücher haben wollten. (Quelle)

In seinem Geburtskiez Berlin-Friedenau trägt immerhin ein kleiner Park seinen Namen. Das wusste ich nicht, als ich 2012 einen kleinen Jettchen-Gebert-Gedächtnisspaziergang im Park von Schloss Charlottenburg machte; dieser Ort spielt im Roman eine wichtige Rolle.

Quelle: openlibrary.org

Die Geschichte spielt in Berlin um 1840 und besteht aus den zwei genannten Bänden, die 1906 und 1908 erschienen. Im ersten lernen wir die Titelfigur kennen (und lieben): Jettchen Gebert ist eine junge, schöne, stolze Frau Ende 20, die früh ihre Eltern verlor und darum bei ihrem Onkel Salomon und ihrer Tante Rikchen wohnt. Die Familie ist bürgerlich, wohlhabend, hat einen Tuchwarenhandel, doch kämpft trotzdem um ihre gesellschaftliche Anerkennung, da sie jüdisch ist. Für Jettchen wird es Zeit zu heiraten, doch wer kommt dafür in Frage? Nun, es gäbe da den Vetter Julius aus Benschen in Schlesien – aber passt dieser feiste, allzu am geschäftlichen Aspekt interessierte Mensch (wäre Hermann nicht selbst Jude, könnte man ihm bei diesem Charakter fast antisemitische Tendenzen vorwerfen, so sehr ist Julius ein „Klischeejude“) zu dem mondänen und doch träumerischen Jettchen? Außer ihrem geliebten Onkel Jason, ein Dandy und geborener Philosoph, und dem Familienpatriarchen Eli scheint keiner sie so richtig zu verstehen. Und dann lernt sie durch Jason diesen Doktor Kößling kennen, in Braunschwieg geboren, ein auf den ersten Blick unscheinbarer und linkischer Kerl, der sich mehr recht als schlecht mit Artikelschreiben durchschlägt und gleichzeitig höhere literarische Ziele verfolgt. Auf den ersten Blick, wie sie sich auf der Straße begegnen, ist er von ihr hingerissen und schenkt ihr ein Sträußchen Veilchen, das sie sorgsam aufbewahrt.

Kößling war sich ja gar nicht klar darüber, ob er Jettchen zugetan, ernstlich zugetan wäre. Er hatte sich das hundert Mal zu widerlegen gesucht, in den letzten Nächten, wenn er nicht schlafen konnte; er wusste auch nicht, ob sie klug oder angenehm oder liebenswürdig wäre, – er hatte noch gar keine Gedanken daran verschwendet, – es war ihm nur Bedürfnis, Jettchen zu sehen, all ihre Schönheiten in seiner Nähe zu fühlen. Er konnte nicht atmen ohne sie und begriff nicht, wie das Leben ohne sie je möglich gewesen. – Aber er liebte sie nicht. Das hatte er sich gesagt. Er haschte nicht nach Gunstbeweisen, Aussichten und Hoffnungen, er stand als Bettler vor ihr, der von ihrer Schönheit ein Almosen erbat, das ihn unendlich reich und sie nicht ärmer machte.

Die Geberts ziehen zur „Sommerfrische“ vor die Stadttore, eben nach Charlottenburg, in das Haus von Frau Könnecke, wo alles grünt und blüht und wo an einem Maitag Kößling Jettchen einen Besuch abstattet, nachdem sie viel heimlich an einander gedacht haben. Sie spazieren durch den Garten und später durch den Schlosspark, sie reden und reden, träumen und scherzen, merken eine gewisse Seelenverwandschaft oder vielleicht ist es auch nur der Frühling, dessen Zauber sich keiner entziehen kann, so wie ich völlig von diesen Sätzen verzaubert wurde.

Jettchen stand ganz still an ihn gelehnt, zitternd und glutübergossen. Und dann umschlangen sie sich plötzlich; es war als ob sie zueinander gezogen wurden, als ob eines zum andern hin müsse, ganz nah und ganz eng. Und ihre Lippen trafen zusammen und lösten sich wieder und ruhten aufeinander, als ob sie diesen Platz nie mehr verlassen wollten. Und Kößling sah, wie aus Jettchens samtig schwarzen Augen ein paar Tränen kamen, ganz langsam sich sammelnd und lösend, sah wie sie ganz langsam über die Wangen liefen; – und er suchte mit den Lippen ihr Gesicht, die Wangen, die Augen, die Stirn, das Haar an den Schläfen, nichts ließ er unbenetzt von seinen Küssen, die ein Echo hatten, ein nahes, rotes Echo.

Plötzlich riss sich Jettchen zusammen und sagte:

„Komm, mein lieber, guter Junge, wir wollen vernünftig sein, ich muss gehen.“ Und dann neigte sie sich wieder vor und küsste ihn so lange, so lange, dass Kößling fast die Sinne schwanden.

„Das ist der letzte“, sagte sie und wandte sich.

[…]

Und plötzlich schien es Jettchen, als ob es um sie lebendig wurde, – oder war es nur der Nachthauch, der von den Bäumen her hereinzog?

Und Jettchen lag eine ganze Weile da, heiß, zitternd, verängstigt, auch nicht ein Glied wagte sie zu rühren, und eine Sehnsucht kam über sie, dass sie schreien mochte, und sie fühlte wieder diesen ganzen Sprühregen von Küssen auf Haar und Mund und Wangen, der sie überstäubt hatte.

Wer das kitschig findet, war nie jung und verliebt. Aber wenn ich an einem Tag vor romantischen Gefühlswallungen schluchzte, dann am nächsten, weil die Geberts mit ihrem Heiratskandidaten ernst machen: Vetter Julius kommt nach Berlin und die beiden werden im Handumdrehen verlobt. Dass da längst jemand anderes Jettchens Herz erobert hat, dass sie und Julius so gar nicht zusammenpassen, will keiner sehen. Kößling kommt als Gatte einfach nicht in Frage, nicht nur, weil er arm, sondern auch, weil er Christ ist – so weit dürfen die Integrationsbemühungen dann doch nicht gehen. Das merkwürdigste ist aber, dass Jettchen kaum protestiert, aus Pflichtbewusstsein lässt sie sich demütig wie ein Lamm zur Schlachtbank bzw. zum Traualtar führen. – Das nahm mich derartig mit, dass ich nur das Buch aufschlagen musste und die Tränen begannen zu fließen, was ich aber geradezu genoss, es machte das Lesen nur zu einem unso intensiveren Erlebnis und das Buch wurde mir dadurch nur umso lieber, wie es mir auch bei Filmen oft so geht (siehe „Samtpfote und Mäusejäger“). – Kurz vor der Hochzeit treffen Jettchen und ihr Fritz aber doch noch einmal aufeinander und alles ist wieder da, keine Vernunft kommt dagegen an:

Und sie standen im Flur eines Hausen und hielten sich fest an beiden Händen gefasst und konnten vor Tränen einander kaum erkennen, trotzdem sie nicht die Blicke voneinander wandten. Und Jettchen murmelte immer wieder, dass sie nun die Rechnung doch bezahlen müsse. [weil sie zwanzig Jahre bei ihrem Onkel gelebt hat, fühlt sie sich verpflichtet, seinem Wunsch zu gehochen] Und Kößling wusste jetzt wohl, was sie damit meinte, und er sagte, dass sie es sich nun so bewahren müssten wie jetzt und dass sie trotzdem so glücklich werden möchte, wie sie ihn jetzt gemacht hätte; und dass vielleicht das Leben sie beide noch einmal zusammenführe würde, wenn sie rein und ruhig geworden. Und innerlich zieh ihn jedes Wort einen Lügner. Und dann flossen sie wieder zusammen und konnten sich gar nicht trennen, und immer wieder segneten sie Augen, Stirn und Lippen mit Küssen und beschworen einander, nahmen Abschied, gingen langsam einen Schritt fort und dann zog es sie wieder zusammen wie zwei Eisenspäne, die mit unwiederstehlicher Gewalt an einen Magneten herangezogen werden.

Der erste Band endet damit, wie Jettchen in die Novembernacht hinaus von ihrer Hochzeitsfeier davon läuft; wohlgemerkt zu spät, das Gelöbnis wurde gesprochen, sie ist jetzt Frau Henriette Jacoby, auch wenn die Ehe nie, wie es schön heißt, vollzogen wird. Oh, wie ich dem zweiten Band entgegenfieberte, als ich mit dem ersten fertig war!

Quelle: amazon.com

Dort wird es dann vollends traurig, aber anders als gedacht. Sie kommt bei ihrem Onkel Jason unter, der sich mehr denn je als Retter in der Not erweist. Er ist ihr Anwalt in den sich entspinnenden Verhandlungen, ob das Geschehene rückgängig gemacht werden kann, damit Jettchen doch noch mit Kößling glücklich werden kann. Die Aufregung und der Skandal haben sie stark mitgenommen, sodass sie kaum ausgeht und die Zeit dieses trüben Berliner Winters wie in einem Traum vergeht (so kam es mir zumindest beim Lesen vor). Vor allem bleibt bei all dem Hin und Her und den seltenen Treffen zwischen ihr und Fritz, die sich kaum einmal unter vier Augen sehen, irgendwie die Liebe auf der Strecke … Zumindest bei ihr. Und das konnte ich kaum verstehen, aber es macht sich in vielen kleinen Gesten bemerkbar, er wird unaufmerksam, vielleicht war er von Anfang nie derjenige, den Jettchen (und der Leser) sich ausmalte, nur haben wir das bei all der Romantik übersehen. Es wird plötzlich offensichtlich, dass nur ein Mann voll und ganz zu Jettchen passt: ihr Onkel Jason, der so etwas wie der heimliche Held der Geschichte ist. Hermann führt uns immer wieder vor Augen, das alles geht wie vorherbestimmt (tatsächlich weiß man den Ausgang schon vor Beginn der Handlung), indem er öfter einen Satz wiederholt:

Und so kam alles, wie es kommen musste.

Ja, das Schicksal ist wirklich unbarmherzig. Auch wenn ich über das Ende nur den Kopf schütteln, nur verzweifelnd ausrufen konnte: „Aber warum denn, Jettchen, nimm es dir doch nicht so zu Herzen!“ Doch was will man machen, eigentlich ist ihre Entscheidung nur konsequent und folgerichtig. Also wieder das Taschentuch hervorholen …

Und vielleicht, wenn sich dieser seidene Schal nicht gebläht hätte, und wenn seine schwebenden Enden nicht so schön und verlockend dahingeflattert wären, so wäre Kößling still und traurig nach Hause geschlichen. So aber stürzte er Jettchen nach und ergriff noch einmal ihre Hand. – Und dann kam alles, wie es kommen musste.

Bei Erscheinen waren die Romane übrigens überaus erfolgreich, wurden mit den „Buddenbrooks“ verglichen und 1918 sogar verfilmt, auch wenn dieser Film laut imdb leider verschollen ist. Ich habe es bisher nicht geschafft, ein weiteres Buch von Hermann zu lesen (Vollmann empfahl „Der etruskische Spiegel“), deshalb weiß ich nicht, ob sein restliches Werk ebenso gut ist. Erold Ducke schreibt:

Wer auf raffinierte Plots mit überraschenden Wendungen aus ist, wird an Georg Hermanns epischer Ruhe und Gelassenheit vermutlich wenig Freude haben. Wie bei seinem großen Vorbild Fontane tritt auch bei ihm die Bedeutung der Handlung zurück. Im Vordergrund seiner Berlin-Romane steht die Großstadt-Atmosphäre, diese flirrende, schillernde Metropole mit ihren Farben, Lichtern, Geräuschen und Gerüchen und ihren Bewohnern, die scharf beobachtet und präzise gezeichnet sind, liebevoll zwar, doch nicht ohne Ironie.

Ich kann mich schon glücklich schätzen, Jettchen gefunden zu haben, sie ist mir wie eine liebe Freundin geworden, und wenn ich mit diesem Post nicht wenigstens einen oder zwei Leser dazu inspiriert habe, sich einmal Hermanns Büchern zu widmen, ist der ganze Blog tatsächlich ein so sinnloses Unterfangen, wie manche es vermuten.

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Quelle: de.wikipedia.org

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