Ein Monat - ein Buch

Februar 2015: Michael Faber – The Crimson Petal and the White

Ich habe zuletzt festgestellt, dass ich doch nicht der genre-offene Leser bin, für den ich mich immer gehalten habe. Denn im Großen und Ganzen sind es hauptsächlich historische Romane, zu denen ich greife. Meine geliebten Klassiker spielen ja naturgemäß immer in der Vergangenheit und selbst bei Liebesromanen bevorzuge ich Geschichten, die vor 100, 200 Jahren spielen: die von heutigen Sitten abweichenden Gepflogenheiten und deutlich markierten Standesgrenzen machen sie in meinen Augen noch reizvoller.

Quelle: thecatthatwalksbyherself.wordpress.com

So war es kein Wunder, dass ich neugierig auf „The Crimson Petal and the White“ wurde, als ich davon in einem dieser Handbücher mit Lektüretipps las (möglicherweise „100 Must-read Historical Novels„), es wanderte jedenfalls auf meine To-read-Liste. Wie in anderen Fällen hat die gute alte BBC bereits eine Miniserie draus gebastelt, die 2011 über die britischen Bildschirme flimmerte. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das Ansehen einen solchen Genuss bot wie das Lesen dieses ganz ausgezeichneten Romans, der ca. zehn Jahre zuvor die Kritiker erfreute. Was mich an englischen Büchern wirklich stört, ist, dass man auf ihrem Umschlag fast nie etwas über den Inhalt erfährt, dafür aber eine lange Reihe von Lobpreisungen findet, die sich im schlimmsten Fall am Anfang des Buchs noch über mehrere Seiten weiter erstreckt. Möglicherweise lassen sich britische (und mit Sicherheit amerikanische) Leser von so etwas beeindrucken, aber ich möchte einfach nur eine kurze Synopsis haben und dann selbst entscheiden, ob es lesenswert ist oder nicht. Deshalb wusste ich im Vorfeld nicht allzu viel über die Handlung, nur dass sie in London um 1875 spielt und eine Prostituierte namens Sugar die Hauptrolle einnimmt. Faber gestaltet sie als kluge, ehrgeizige junge Frau – gerade 18, hat sie bereits fünf Jahre Erfahrung in ihrem Gewerbe vorzuweisen –, die leidenschaftlich gern liest und heimlich an einem Roman schreibt, in dem sie ihre Rachefantasien gegenüber Freiern auslebt und der endlich authentisch über ihre verfemten Leidensgenossinnen berichten soll. Schließlich sind Prostituierte nicht nur in der britischen Hauptstadt allgegenwärtig und werden trotz ihrer unentbehrlichen Dienste von den höheren Klassen verachtet, am meisten von den ehrenwerten, makellosen Damen. Sugar ist allerdings keine dahergelaufene Straßendirne wie etwa Caroline, die den Leser in die Geschichte einführt und mit der sie einst ein Zimmer teilte: Nein, sie ist kultiviert, kann sich elegante Kleidung kaufen und beeindruckt ihre Freier mit tiefgründigen Gesprächen, sofern sie denn Wert darauf legen. Ihr einziger Makel ist eine Hautkrankheit (eine Art Schuppenflechte) und auf den ersten Blick ist sie keine klassische Schönheit, doch hat sie das gewisse Etwas und flammend rote Haare.

Sugar leans her chin against the knuckles of the hand that holds the pen. Glistening on the page between her silk-shrouded elbows lies an unfinished sentence. The heroine of her novel has just slashed the throat of a man. The problem is how, precisely, the blood will flow. Flow is too gentle a word; spill implies carelessness; spurt is out of the question because she has used the word already, in another context, a few lines earlier. Pour out implies that the man has some control over the matter, which he most emphatically doesn’t; leak is too feeble for the savagery of the injury she has inflicted upon him. Sugar closes her eyes and watches, in the lurid theatre of her mind, the blood issue from the slit neck. When Mrs Castaway’s warning bell sounds, she jerks in surprise.
Hastily, she scrutinises her bedroom. Everything is neat and tidy. All her papers are hidden away, except for this single sheet on her writing-desk.
Spew, she writes, having finally been given, by tardy Providence, the needful word.

Sie scheint das große Los zu ziehen, als sie den zukünftigen Besitzer einer Parfüm- und Seifenfabrik, William Rackham, kennenlernt. Dieser ist eigentlich nur auf der verzweifelten Suche nach etwas sexueller Erfüllung (insbesondere nach einem Blowjob, zu dem nicht mal die meisten Prostituierten bereit sind), die er bei seiner Frau nicht findet. Agnes Rackham ist ein besonders schlimmer Fall der viktorianischen Hysterikerin: Nie aufgeklärt, hält sie ihre Menstruation für etwas dämonisches und begreift nicht einmal ihre Schwangerschaft (wie realistisch das ist, kann ich nicht beurteilen), sodass sie ihre eigene Tochter Sophie verleugnet. Sie macht diverse Phasen von Geistesverwirrung durch und findet ihren einzigen Lebensinhalt im öffentlichen Leben, in Bällen, Diners und der neuesten Mode. Doch sowas ist kostspielig und da ihr Mann nicht viel Lust zeigt, sich mit der öden Welt der Unternehmensführung zu beschäftigen, wird ihm von seinem Vater der Geldhahn zu gedreht. William befindet sich also in einer ziemlichen Krise: er muss seine Frau zurückgewinnen und sich gleichzeitig von seinem Selbstbild als Bohémian und Dandy verabschieden, um in die raue Wirklichkeit des Geschäftslebens hinabzusteigen. Dabei kommt ihm Sugar wie gerufen: Sie wird nicht nur seine Mätresse, sondern auch seine Sekretärin, Beraterin und der eigentliche Ansporn, viel Geld zu machen, um sie ganz für sich zu haben. William holt sie aus dem Bordell heraus (das übrigens von ihrer eigenen Mutter geführt wird) und verpflanzt sie in eine eigene Wohnung, die sogar über fließendes Wasser verfügt, wo sie aber viele einsame Stunden verbringt. Sugar wäre gern mehr für ihren Liebhaber, drängt sich in sein Leben, spioniert heimlich hinter Agnes hinterher und erweist sich für die zunehmend Verwirrte sogar einmal als Schutzengel. Als Williams Tochter Sophie eine Gouvernante benötigt, sieht Sugar ihre Chance gekommen: Sie wird Teil des Rackham-Haushalts. Allerdings scheint gleichzeitig die Leidenschaft des Hausherren zu erkalten und die Situation eskaliert, als Sugar ihre Schwangerschaft entdeckt …

Das Buch entfaltet auf seinen über 800 Seiten einen vielfältigen Personenreigen, die durchweg sehr tiefschichtig charakterisiert sind. Das fängt bei Williams Bruder Henry an, der glaubt, nicht rein genug für eine kirchliche Karriere zu sein und den seine fleischliche Lust nach einer verwitweten Frau quält, weil er sie als Todsünde ansieht – ein wahrhaft tragischer Charakter. Eben diese Witwe, Emmeline Fox, erwidert seine Gefühle, ist diesen aber sehr viel aufgeschlossener, wie sie sowieso eine praktischere Herangehensweise ans Leben hat. So ist sie sich nicht zu schade, „gefallenen“ Frauen Hilfe zu leisten, wofür sie von anderen schief angesehen wird. Dann hätten wir Bodley & Ashwell, zwei Freunde von William, die mit skandalösen Büchern (etwa zum Nutzen von Gebeten) zu schockieren versuchen und über jede Dirne und sonstige unzüchtige Sensation von London Bescheid wissen. Mrs Castaway, Sugars Mutter und Zuhälterin, die ihrem Kind systematisch ein rabenschwarzes Bild von der Welt malte, bevor sie ihm einen Mann ins Bett steckte, beschäftigt sich derweil am liebsten mit dem Ausschneiden und Aufkleben von Madonnenbildchen. Und schließlich die arme Sophie Rackham, die ohne elterliche Zuneigung aufwächst und in Sugar zum ersten Mal eine Art Mutter und Freundin findet. Ihre emotionale Verwahrlosung ist das Traurigste, was ich seit langem gelesen habe. Ebenso unfassbar ist Agnes Rackhams völlige Ignoranz bezüglich ihres eigenen Körpers und allem, was als nicht geeignet für Damen galt. Der frühe Tod ihrer verklärten Mutter, für den Agnes ihren Vater beschuldigt, hat ihrer jugendlichen Psyche ganz sicher geschadet, und im Internat lernt sie kein Fünkchen praktischen Verstand, bevor sie auf den Heiratsmarkt geworfen wird. Hierdurch entsteht das gleiche Dilemma, wie es Edith Wharton so wunderbar in „The Age of Innocence“ beschreibt: Wie sollten die ungleich weltgewandteren Gentlemen eine ihnen ebenbürtige Frau finden, wenn die jungen Damen sich eben durch ihre Reinheit und Unwissenheit auszeichnen, die von ihnen erwartet wird? Die Ehen sind von vornherein zum Scheitern verurteilt, auch wenn nicht jede Gattin zur „mad woman in the attic“ wird. Es gibt viele frappierende Szenen im Roman, aber eine davon ist ganz sicher, als Agnes von ihrem Hausarzt eine „Unterleibsmassage“ gegen ihre Hysterie erhält. Angeblich waren solche medizinischen Anwendungen damals nicht ungewöhnlich.

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Quelle: pinterest.com

Leider keine Bilderbuchfamilie: Sophie und William Rackham mit Sugar (aus der BBC-Miniserie)

Dem Autor gelingt es auf verblüffende Weise, die viktorianische Zeit lebendig werden zu lassen. Äußerst kenntnisreich und detailliert beschreibt er den Alltag der Viktorianer, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, ihre Besuche im Pub und im Theater, die Fahrten im Omnibus und in der privaten Kutsche, ihr Umgang mit Dienstpersonal, ihr mehr oder weniger vorhandenes Sexualleben und nicht zuletzt ihre Hygiene: die Kälte in ihren Betten, das alles andere als selbstverständliche warme Wasser (weshalb Sugar sich in ihrer modernen Wohnung am liebsten in der Badewanne aufhält), die Prozeduren der Prostituierten zur Empfängnisverhütung, und mehr als einmal muss jemand ganz dringend aufs Klo bzw. den Nachttopf (was mich als Leser selbst immer ganz unruhig machte). Das macht die Lektüre zu einem unheimlich anschaulichen Erlebnis, man versinkt quasi in der Epoche. Ein Kritiker beschrieb den Roman als „das Werk, das Dickens geschrieben hätte, wäre es ihm damals möglich gewesen, über Sex zu schreiben“. Die Art, wie der Autor ab und zu den Erzählfluss unterbricht und sich direkt an den Leser wendet, hat etwas von Dickens oder Thackeray an sich, aber auch von John Fowles‘ „The French Lieutenant’s Woman“. Man wird als Besucher, als Fremder in dieser vergangenen Welt behandelt, der sich erst langsam an die Gepflogenheiten der Zeit gewöhnen muss.

You can come out of hiding now […] You could even risk, if you wish, lying down beside Caroline […] Yes, it’s all right […] If you are a woman, it doesn’t matter; women very commonly sleep together in this day and age. If you are a man, it matters even less: there have been hundreds before you.

Und immer wieder gibt es herzzerreißende Momente, selbst mit Agnes muss man Mitleid haben –  machtlos und verängstigt, wie sie ist –, aber vor allem mit Sugar, die verzweifelt versucht, mehr als eine Hure zu sein und doch von William letzten Endes nur als solche angesehen wird, wenn auch eine mit ausgeprägtem Verstand gesegnete. Seine rechtmäßige Frau und Mutter seines Kindes kann sie nie sein, auch wenn sie lange braucht, um das zu begreifen. Sie nimmt Rache zu guter Letzt, nicht wie sie es sich in ihren literarischen Versuchen ausmalte, aber auf eine simple und effektive Weise. Das Ende bleibt enttäuschend offen, der Leser kann je nach Veranlagung entscheiden, ob er an einen guten Ausgang glaubt oder nicht. Bezüglich des Titels, der ein Gedicht von Lord Alfred Tennyson zitiert, könnte die “sündhafte” Sugar (deren vollständigen Namen man nie erfährt) für das scharlachrote Blütenblatt stehen und die “unschuldige” Agnes für das weiße. Sie verkörpern auf gewisse Weise zwei Extreme des weiblichen Kampfes um ein kleines Stück Freiheit in einer vollständig von Männern beherrschten Welt, die eine mit ihrem Wahnsinn, in dessen Verlauf sie beispielsweise die Nahrungsaufnahme verweigert, die andere mit ihrem Körper und ihrer Intelligenz. Und ohne das Ende vorweg zu nehmen: Am Ende sind sie frei. Zumindest lässt uns Faber diese Hoffnung.

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