Ein Monat - ein Buch

Dezember 2003: Astrid Lindgren – Das entschwundene Land

In meinen Augen hat kein Autor je das Geheimnis des Kindseins so wunderbar in Büchern zum Ausdruck gebracht wie Astrid Lindgren. Voraussetzung dafür war, dass sie selbst eine glückliche Kindheit erlebte, aus deren Erlebnissen sie für ihre Geschichten schöpfen konnte. Und von dieser Kindheit erzählt sie in „Das entschwundene Land“.

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Quelle: bookcrossing.com

Der Titel bezieht sich nicht nur auf die Jugend, in der man wie in einer eigenen Welt lebt, zu der man irgendwann den Schlüssel verliert (zumindest passiert das den meisten), sondern auch auf das ländliche Småland, in dem sie am 14. November 1907 auf dem Hof Näs ihrer Eltern geboren wurde.

Wie lange her das sein muss! Wie hätte sich die Welt sonst so unglaublich verändern können? Konnte das alles wirklich in einem kurzen halben Jahrhundert so anders werden? Meine Kindheit verlebte ich in einem Land, das es nicht mehr gibt, aber wohin ist es entschwunden?

Als sie in den 1970er Jahren darüber schrieb, war vieles nur noch eine Erinnerung, die sie in Büchern wie „Michel aus Lönneberga“ oder „Rasmus und der Landstreicher“ festhielt: Die Welt der Großgrundbesitzer und einfachen Bauern, der Mägde und Knechte, der Katenbewohner und Armenhäusler. Die meisten Leute verdienten sich ihren Lebensunterhalt mehr schlecht als recht und erlebten nur wenige Höhepunkte und Ablenkungen vom harten Alltag, wie Jahr- und Viehmärkte oder einen Festtagsschmaus. Die Kinder mussten selbstverständlich nach der Schule und in den Ferien auf dem Feld und im Haus mithelfen und waren ansonsten meist sich selbst überlassen, denn die Eltern waren viel zu sehr mit dem eigenen Tagewerk beschäftigt, um sich ständig darum zu sorgen, wo die lieben Kleinen denn jetzt gerade steckten und was sie taten. Das bedeutete aber nicht, dass sie verwahrlosten, denn der ganze Hof, ja das halbe Dorf war an der Kindererziehung beteiligt, die Größeren kümmerten sich um die Jüngeren, während die Mutter bei Bedarf liebevoll, aber auch konsequent eingriff. Astrid empfand ihr Leben auf Näs rückblickend stets als paradiesisch:

Gunnar, Astrid, Stina und Ingegerd, so hießen die Ericssonskinder auf Näs. Es war schön, dort Kind zu sein, und schön, Kind von Samuel August und Hanna zu sein. Warum war es schön? Darüber habe ich oft nachgedacht, und ich glaube, ich weiß es. Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit.

„Das entschwundene Land“ ist außerdem eine Liebesgeschichte, der zwischen ihren Eltern Samuel August und Hanna (1999 wurde sie von den Hörern des schwedischen Radios zur „Liebesgeschichte des Jahrtausends“ gewählt). Samuel August sah Hanna zum ersten Mal, als er erst 13 und sie gerade 9 Jahre alt war, während einer Schulprüfung, für die alle Kinder der Gegend zusammenkamen. Für den Bauernjungen war das Leben kein einfaches, denn er stammte aus ärmlichen Verhältnissen und musste sich nach der Schule bei seinem Onkel als Knecht verdingen. Das war schwer verdientes Brot und nur in den Wintermonaten fand er Zeit, seine Bildung in einer Volkshochschule zu vertiefen. Durch glückliche Umstände konnte sein Vater den Pfarrhof Näs pachten, den Samuel August später übernahm, doch bis er sich ein Herz fasste und um die Hand seiner geliebten Hanna anhielt, vergingen noch einige Jahre. Für ihn gab es keine andere Frau im Leben, sie war sein Ein und Alles, mit der er 60 Jahre lang verheiratet war. Die große Liebe zwischen den Eltern war sicher ein entscheidender Grund dafür, dass Astrid und ihre Geschwister ihre Kindheit als so harmonisch empfanden.

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Quelle: awesomestories.com

Astrid Lindgren (3. v. l.) mit Eltern und Geschwistern

Der Leser erfährt auch, wie für die junge Astrid „Das grenzenloseste aller Abenteuer“ begann, als sie ihre Liebe zum Geschichtenerzählen und zu Büchern entdeckte. Sie plädiert dafür, dieses Abenteuer jedem Kind zu ermöglichen, indem man ihm vorliest und erzählt. Außerdem plaudert sie im Kapitel „Wo kommen nur die Einfälle her?“ ein wenig aus dem Nähkästchen und verrät, wie sie z. B. auf den Namen ihrer wohl beliebtesten Figur Pippi Langstrumpf gekommen ist – bzw. war es ihre Tochter Karin, die dieses höchst ungewöhnliche Mädchen zuerst in die Welt setzte und für die Astrid Geschichten erfand. Als sie dann im Winter 1944 notgedrungen das Bett hüten musste, begann sie mit dem Schreiben, was sie eigentlich nie vorgehabt hatte:

Schon in meiner Schulzeit erhoben sich warnende Stimmen: ‚Du wirst mal Schriftstellerin, wenn du groß bist.‘ […] Das entsetzte mich derart, dass ich einen förmlichen Beschluss fasste: Niemals würde ich ein Buch schreiben. […] ich hielt mich nicht für berufen, den Bücherstapel noch höher anwachsen zu lassen. Doch dann kam dieser Schnee, der die Straßen glitschig wie Schmierseife machte. Ich fiel hin, verstauchte mir den Fuß, musste liegen und hatte nichts zu tun. Was tut man da. Schreibt vielleicht ein Buch. Ich schrieb Pippi Langstrumpf.

Schließlich gibt sie augenzwinkernd in „Kleines Zwiegespräch mit einem künftigen Kinderbuchautor“ noch hilfreiche Ratschläge, wie man es mit der Schreiberei denn anstellen soll. Ihr Fazit: Lernen kann man es nicht, es muss in einem sein, aber so ist es ja im Grunde mit allen Künsten. Wobei manche bezweifeln würden, ob das Schreiben von Kinderbüchern denn eine solche ist, doch wer Lindgrens Bücher kennt, weiß, dass sie ein unglaubliches Talent gerade dafür hatte. Das Verfassen von „Erwachsenenbüchern“ hat sie nie interessiert, „Das entschwundene Land“ kommt dem vielleicht noch am nächsten. Es ist keine klassische Autobiografie, eher eine Sammlung von Erinnerungen und Ansichten, wie sie eine ältere Frau an die jüngere Generation zum Aufbewahren weitergeben möchte.

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Quelle: soderhult.se

Astrid Lindgrens Elternhaus Näs, das man heute im Rahmen einer Führung besuchen kann: http://www.astridlindgrensnas.se/de/elternhaus

Einige Leser beklagen die Kürze des Buches (es hat gerade einmal 100 Seiten, die recht großzügig bedruckt sind), und dass sie insgesamt doch nur wenig Privates verrät. Dunkle Seiten, an denen ihr Leben nicht arm war, erwähnt sie nicht. Tatsächlich wurden bestimmte Dinge erst nach ihrem Tod 2002 wirklich publik, wie die näheren Umstände ihrer Affäre mit einem älteren Mann, von dem sie mit 18 schwanger wurde, woraufhin sie ihren unehelichen Sohn nach Dänemark zu Pflegeeltern geben musste. Ihr Kindheitsidyll endete recht abrupt und sie hatte vermutlich immer ein schlechtes Gewissen, weil sie ihren Sohn in seinen ersten Jahren nicht bei sich haben konnte. Möglicherweise führte das zu einer Art Verklärung der eigenen Kinderzeit, in der sie noch sorglos und unbeschwert sein durfte. Mittlerweile liegt eine umfangreiche Biografie von Jens Andersen vor, der diesem und anderen, bisher wenig bekannten Aspekten ihres Lebens viel Platz einräumt. Wer sich ernsthaft für Astrid Lindgren interessiert, kommt darum nicht herum, sie wird auf jeden Fall in naher Zukunft auf meiner Leseliste erscheinen. Doch wer von der Autorin selbst erfahren möchte, wie sie zum Schreiben gekommen ist und woher sie ihre Inspirationen nahm, muss „Das entschwundene Land“ lesen. Das sie literarisch ganz wunderbar dem Vergessen entreißt.

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