Ein Buch - mehrere Monate

Eugène Sue – Die Geheimnisse von Paris

Die Sächsische Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek, kurz SLUB, in Dresden eröffnete mir ganz neue Quellen an Literatur, die ich in den kleinen Provinzbüchereien nicht bekommen konnte. Goldsmiths „Vicar Of Wakefield“ war solch ein Schatz. Ein anderer Sues berüchtigte „Geheimnisse von Paris“, ein klassischer Fortsetzungsroman über das dunkle Treiben der Pariser Unterwelt, der in den 1840ern die Leser in Atem hielt. Wie schreibt die gute, alte Wikipedia:

Dieser heute kaum mehr bekannte Autor war in den 1840er Jahren einer der meistgelesenen und einflussreichsten Romanciers Frankreichs. Er ist in die Literaturgeschichte eingegangen als einer der Begründer des Fortsetzungsromans in Tageszeitungen und als Verfasser des vielleicht erfolgreichsten Zeitungsromans überhaupt, Les mystères de Paris.

Das Buch hat nicht mal einen eigenen Artikel im Deutschen, sehr traurig. Ohne den geschätzten Herrn Vollmann wäre ich so wohl nie auf den Roman gekommen, aber er ist definitiv lesenswert, schon um ein Gefühl für die wahren Bestseller und Trivialliteratur jener Zeit zu erhalten. Die Leute lieben Krimis und Thriller, Geschichten mit edlen Helden, finsteren Verbrechen und üblen Bösewichten, die am Ende ihre gerechte Strafe erhalten – das war damals nicht anders als heute.

Quelle: buecher.de
Die maximale Leihfrist musste in diesem Fall ausgeschöpft werden.

Wie üblich bei Romanserien (und heutigen Seifenopern oder Telenovelas) gibt es viele Handlungsstränge und Figuren. Der Held der Abenteuer ist Rudolf, angeblich ein einfacher Arbeiter, in Wirklichkeit aber ein inkognito lebender Graf, der Gutes tun möchte für die Ärmsten und Schutzlosesten in Frankreichs Hauptstadt und gleichzeitig so richtig aufräumt mit den bösen Buben. Das bringt ihn oft in brenzlige Situationen, einmal wird er z. B. in einem Keller eingeschlossen, der sich langsam mit Wasser füllt. Er rettet die Prostituierte „Marienblume“, auch genannt „Die Schallerin“, und befreit sie aus den Fängen einer bösen Alten namens „Die Eule“. Später stellt sich die hohe Herkunft des Mädchens heraus. Die meisten Figuren haben solche Decknamen und reden ein seltsames Kauderwelsch, im Original „Argot“, eine Geheim- und Umgangssprache, der sich vor allem Kriminelle und untere Schichten bedienten. Sue war vermutlich einer der ersten, der die Sprache in einem literarischen Werk verwendete, Victor Hugo sollte später folgen. Auch die Beschreibungen zu den Lebensumständen und dem Elend der Arbeiter, die sie fast unwillkürliche auf Abwege führte, waren neu und beeinflussten viele Autoren in ganz Europa mit seiner Wendung hin zum Realismus und Naturalismus. Die Leser wurden für soziale Probleme sensibilisiert – tatsächlich lesen sich die Zustände in den Kammern mit vor Hunger halbwahnsinnigen Menschen noch heute erschreckend –, die in den Großstädten nach der industriellen Revolution immer offensichtlicher wurden. Im krassen Gegensatz dazu wird der mitleidlose und dekadente Adel gezeigt, der sich der Unterschicht als Werkzeug für seine Intrigen bedient. Ein besonders krasser Fall ist ein korrupter, verbrecherischer Notar, der an seiner Lüsternheit und seinen Trieben buchstäblich zugrunde geht – Sex and Crime im 19. Jahrhundert. Auch wenn der große Schock und Nervenkitzel in unserer modernen, abgehärteten Welt verlorengeht, bietet es noch Unterhaltung und Spannung genug und angesichts seiner beachtlichen Stärke von fast 2000 Seiten ist für wochenlangen Lesestoff gesorgt.

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