Ein Monat - ein Buch/Einmal und nie wieder

April 2016: Donna Tartt – The Goldfinch

Bei diesem Buch überschlugen sich die Kritiker nur so: Es wurde 2014 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, erhielt die Carnegie-Medaille und wurde von Amazon zum besten Buch des Jahres 2013 gekürt (obwohl da wohl auch die nicht geringen Verkaufszahlen eine Rolle spielten). Die New York Times nannte es „a glorious Dickensian novel“ und Stephen King „a smartly written literary novel that connects with the heart as well as the mind“. Eine Verfilmung ist bereits angekündigt. Ich selbst sah es zum ersten Mal in den Händen einer Reisenden, am Flughafen oder Bahnhof, genau weiß ich es nicht mehr. Das Cover zog mich an, auf dem wie durch einen Riss in Packpapier ein kleiner gemalter Fink durchlugt. Trotz seinen stattlichen Umfangs von fast 800 Seiten stand für mich fest, dass ich es lesen musste, auch wenn das hieß, dass ich in dem Monat dann kaum noch Zeit für andere Bücher haben würde.

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Quelle: bustle.comDer arme kleine Distelfink, auf ewig an eine Stange gekettet

Um es kurz zu sagen: Ich war enttäuscht. Für mich steht und fällt ein Roman damit, ob ich mich in die Hauptfigur hineinversetzen kann, mir ihr fühle und – ja– ihre Handlungen gut heißen kann. Letztens überlegte ich, warum mir Bridget Jones eigentlich so unsympathisch ist und kam darauf, dass es nicht nur ihr unausgeglichenes Trinkverhalten und ihre Diäten sind, sie ist auch unglaublich chaotisch und glaubt, „Hedda Gabler“ sei von Tschechow. So etwas finde ich nicht liebenswürdig, sondern dämlich und es würde mich bei einem realen Menschen abstoßen. Genau so erging es mir bei Theo Decker. Seine Geschichte ist schnell erzählt: Im Alter von 13 Jahren überlebt er eine Bombenexplosion im New Yorker Metropolitan Museum of Art, bei der seine Mutter ums Leben kommt. Er kann sich selbst aus den Trümmern befreien und fliehen, doch nimmt er dabei ein kleines Gemälde mit: „Der Distelfink“ des niederländischen Meisters Carel Fabritius. In den darauffolgenden Jahren, während er bei seinem Vater in Las Vegas wohnt und auch als er später in New York mit einem älteren Freund einen Antiquitätenhandel betreibt, lebt er in ständiger Angst, das Bild könnte bei ihm gefunden werden. Es ist das große Geheimnis seines Lebens, seine Obsession. Natürlich verliebt er sich auch – in ein Mädchen, das den Anschlag ebenfalls überlebte – und schließt Freundschaft mit dem ukrainischen Tunichtgut Boris, der ihn gegen Ende der Handlung in eine kriminelle Tat verwickelt. Er nimmt Drogen, um mit seiner Depression klar zu kommen und fälscht Antiquitäten, um sie teuer zu verscherbeln. Logisch macht ihn dieser Lebenswandel erpressbar und es ist nur eine Frage der Zeit, bis alles in die Luft geht, insbesondere seine anstehende Hochzeit, die ihm einen Platz in der feinen New Yorker Society sichern würde.

Der Roman ist insgesamt schon spannend, wenn ihm auch ein paar Kürzungen gut getan hätten. Vielleicht hat er deshalb auch so viele Leser gefunden, die glaubten, dass sie hier etwas mit Anspruch hätten, aber bitte nicht zu viel. 11 Jahre hat Donna Tartt mit dem Schreiben verbracht und das Ergebnis wirkt sehr glatt, wie als Bestseller konzipiert, sie lässt dabei allerdings kaum ein Klischee aus. Natürlich hat Theo eine unglückliche Kindheit (die Mutter ein Model und absolut perfekt, der Vater ein Alkoholiker, der die Familie verlassen hat) und steht nach dem Tod der Mutter ganz allein da, zumindest emotional. Natürlich ist sein ukrainischer Freund, der schon an allen möglichen Orten auf der Welt gelebt hat, trinkfest, vertickt an der Schule Drogen und protzt später mit Nobelkarosse, Chauffeur/Bodyguard und teuren Uhren. Natürlich ist Theo in ein Mädchen verliebt, dass in ihm nie mehr als einen Freund sehen wird. Seine Verlobte betrügt ihn mit einem Bad Boy, der ihm schon in der Schule übel mitgespielt hat. Und so weiter.

Im Grunde sollte der Roman wie für mich gemacht sein, denn im Mittelpunkt steht jemand, der dermaßen von einem Gemälde besessen ist, dass er es ganz für sich allein haben will, auch weil es ihn an den traumatischen Wendepunkt seines Lebens erinnert, von dem er nicht lassen kann.

—if a painting really works down in your heart and changes the way you see, and think, and feel, you don’t think, ‘oh, I love this picture because it’s universal.’ ‘I love this painting because it speaks to all mankind.’ That’s not the reason anyone loves a piece of art. It’s a secret whisper from an alleyway. Psst, you. Hey kid. Yes you.

Das kann ich als Kunstliebhaber noch halbwegs nachvollziehen, ebenso das zwanghafte Verstecken und Täuschen, das sich wie ein roter Faden durch Theos Leben zieht. Trotzdem ließ mich sein Schicksal am Ende merkwürdig unberührt – keine Ahnung, ob es daran lag, dass es eine männliche Hauptfigur ist … Doch Geschlechtergrenzen sollten bei guter Literatur keine Rolle spielen, sie haben es nie bei Dickens getan, mit dem Donna Tartt verglichen wurde (obwohl dieses Kompliment heutzutage inflationär verteilt wird, ich las es auch bezüglich Eleanor Cattons „Luminaries“ und Michael Fabers The Crimson Petal and the White). Es gab zwar auch Szenen, in denen ich mit Theo mitfieberte, insbesondere als er nach dem Anschlag allein zu Hause sitzt und darauf wartet, dass seine Mutter zurück kommt, verzweifelt die Ahnung verdrängend, dass sie unter den Opfern ist; oder als er, wiederum ganz allein, mit dem Greyhound von Las Vegas nach New York fährt und dabei nicht nur das Gemälde, sondern auch einen kleinen Hund mit sich schmuggelt. Diese Szenen bleiben im Gedächtnis, doch gibt es davon zu wenige, als dass man sich am Ende groß etwas aus Theo macht, den man nie richtig zu fassen bekommt, vielleicht gerade, weil das Buch aus der Ich-Perspektive erzählt ist. Wir sehen ihn nicht durch die Augen anderer (die ihn größtenteils aber auch nicht richtig kennen, bis auf Boris vielleicht).

Der Schluss des doch teilweise recht langatmigen Werks rettet es nicht, im Gegenteil: Wir erleben eine abenteuerliche Räuberpistole in Amsterdam, bei der Theo einen Mann erschießt und sich dann, paranoid wie er ist, im Hotel versteckt, zwanghaft versucht, seine Klamotten zu säubern und nicht weg kann, weil sein Reisepass weg ist. Man wird die ganze Zeit das Gefühl nicht los, dass Tartt versucht, einen „normalen“ Menschen zu konstruieren, der schuldlos und schicksalshaft in Verbrechen verwickelt wird und darüber durchdreht – so würde es doch jedem ergehen in seiner Situation, oder nicht?! Am Ende muss er uns noch seine Seelenpein offenlegen, weil er seinem Herzen nicht trauen kann. Ach Mensch, Junge, dann mach dem Ganzen doch ein Ende, wie du es manchmal schon versucht hast.

A great sorrow, and one that I am only beginning to understand: we don’t get to choose our own hearts. We can’t make ourselves want what’s good for us or what’s good for other people. We don’t get to choose the people we are. Because–isn’t it drilled into us constantly, from childhood on, an unquestioned platitude in the culture–? From William Blake to Lady Gaga, from Rousseau to Rumi to Tosca to Mister Rogers, it’s a curiously uniform message, accepted from high to low: when in doubt, what to do? How do we know what’s right for us? Every shrink, every career counselor, every Disney princess knows the answer: „Be yourself.“ „Follow your heart.“

Only here’s what I really, really want someone to explain to me. What if one happens to be possessed of a heart that can’t be trusted–? What if the heart, for its own unfathomable reasons, leads one willfully and in a cloud of unspeakable radiance away from health, domesticity, civic responsibility and strong social connections and all the blandly-held common virtues and instead straight toward a beautiful flare of ruin, self-immolation, disaster?…If your deepest self is singing and coaxing you straight toward the bonfire, is it better to turn away? Stop your ears with wax? Ignore all the perverse glory your heart is screaming at you? Set yourself on the course that will lead you dutifully towards the norm, reasonable hours and regular medical check-ups, stable relationships and steady career advancement the New York Times and brunch on Sunday, all with the promise of being somehow a better person? Or…is it better to throw yourself head first and laughing into the holy rage calling your name.

Es ist gut, man muss nicht jeden Bestseller mögen und wer sagt denn, dass jeder Leser, der ihn gekauft hat, auch wirklich mochte? (Mögliche Antwort könnte das Zitat eines Amazon-Rezensenten sein: „Ein  gebundenes Buch für deutlich über 20 Euro muss ich auf jeden Fall zu Ende lesen, egal wie gut oder schlecht – in diesem Fall grottenschlecht – ich das Werk finde“. Das passiert einem als Bibliotheksbenutzer nicht, da geht es nur um die Ehre.) Im Übrigen gefiel mir Tartts Debüt, „The Secret History“, ausnehmend gut, obwohl es eigentlich nach dem ähnlichen Muster gestrickt wurde: ein Außenseiter, der sich unversehens in besseren Kreisen wiederfindet, ein Geheimnis, eine unglückliche Liebe, ein Ich-Erzähler, der immer seltsam entrückt bleibt. Nur funktionierte es für mich dort besser. Don’t believe the hype!

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