Ein Buch - mehrere Monate

Benito Pérez Galdós – Fortunata and Jacinta

Im Gegensatz zu den Klassikern der französischen, englischen oder russischen Literatur kennt man allgemein aus Spanien eher wenig, zumindest, was Romane angeht. Und dabei wurde das Genre durch „Don Quixote“ quasi mitbegründet. Diese Wissenslücke wurde bei mir ein wenig durch Vollmann geschlossen, in meiner Münchener Zeit las ich das von ihm viel gelobte „Die Präsidentin“ von Clarín sowie eine für Spanischlernende aufgemachte Version von Pío Barojas „Las inquìetudes de Shanti Andía“. Das ist immerhin schon mal ein Anfang. Im März 2014 kam dann ein weiteres Werk hinzu: „Fortunata y Jacinta“ von Benito Pérez Galdós, dem großen spanischen Meister des Realismus, dessen erklärtes Vorbild Balzac und seine „Menschliche Komödie“ war. Das Buch ist eines, an dem man sich abarbeiten muss, man braucht Entschlossenheit und ein festgestecktes Ziel, um damit fertig zu werden, aber so habe ich ja schon weitaus schwierigere Bücher gemeistert. Und dieses ist vom Inhalt her ganz und gar nicht problematisch, einzig und allein die Seitenzahl könnte Leser abschrecken: 848 in der von mir gelesenen englischen Ausgabe; das ist zwar nicht „Krieg und Frieden“, aber der Umfang eines üblichen Dickens-Werks und das liest man ja normalerweise nicht eben in einer Nacht. Ich schaffte „Fortunata y Jacinta“ in etwas über vier Wochen: Jeden Tag 25 Seiten, an den Wochenenden 75, macht 200 pro Woche. Für mich ist es ganz normal, dass ich vor der Lektüre ausrechne, wie viele Seiten ich pro Tag lesen muss, um den von mir selbst vorgegebenen Zeitplan einzuhalten. Nur so gelingt es mir, all die Bücher im Jahr zu lesen und dranzubleiben, wenn es mal langweilig wird oder ich keine Lust habe.

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Quelle: goodreads.com

Das Titelbild „Chica in a bar“ hat den gleichen Maler, Ramon Casas i Carbó, wie die Dame, die diesen Blog schmückt

 „Fortunata y Jacinta“ ist ein spannender Gesellschaftsroman und spielt hauptsächlich in Madrid um 1870. Das verwöhnte Bürgersöhnchen Juanito Santa Cruz tobt sich als junger Mann ordentlich aus, wie man das in seinen Kreisen zu tun pflegt, bevor er seine Cousine Jacinta ehelicht, der er auch in ehrlicher Liebe zugetan ist. Über dem Glück gibt es nur zwei Schatten: Zum einen die Kinderlosigkeit des Paars, die besonders Jacinta psychisch sehr zu schaffen macht, und zum anderen eine alte, voreheliche Affäre von Juanito, von der er nie ganz die Finger lassen kann – die im Titel genannte Fortunata. Sie ist kein solches Glückskind wie ihr Name vermuten ließe, stammt sie doch aus ärmlichen Verhältnissen und hat nie dauerhaftes Glück mit den Männern, die sie entweder schlecht behandeln oder einfach sitzen lassen. Der junge Juan begegnet ihr zum ersten Mal, als er in einem Mehrfamilienhaus auf dem Weg zu einem Freund der Familie Santa Cruz ist und in einer Wohnung das frühreife Mädchen sieht, wie sie ungeniert ein rohes Ei verspeist (ihre Tante hat eine Hühnerzucht). Dieser zweifellos sehr sinnliche Anblick hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck – erst später erfährt man, wie weit das Techtelmechtel gediehen ist, als es über die Jahre immer wieder aufflammt, selbst gegen den Willen Fortunatas. Sie bemüht sich, eine anständige Frau zu werden, geht dafür sogar ins Kloster, als sie ein Mann, der brave und kränkliche Maximiliano Rubín, heiraten will, um sich vor der Ehe von ihren Sünden „reinzuwaschen“; doch am Ende gewinnt ihre Leidenschaft für Juan stets die Oberhand. Und so oft sie ihre Affäre erneuern, so oft wird er ihrer auch wieder überdrüssig. Fortunatas Mann Maxi, den sie für Juan verlassen hat, dreht langsam aber sicher durch und entwickelt messianische Fantasien, während Jacinta weiterhin verzweifelt versucht, ein Kind zu bekommen; schließlich hatte die Geliebte auch eines (Jacinta „kauft“ es sogar von seinem Onkel und nimmt es kurzzeitig bei sich auf, doch wird ihr ein anderes untergejubelt, das tatsächliche ist als Baby gestorben) und dann würde Juan vielleicht aufhören, zu diesem ungebildeten Flittchen aus der Arbeiterklasse zu rennen … Gegen Ende des Romans kommt es zum großen Showdown zwischen den beiden Frauen, bei dem Fortunata behauptet, Juans wirkliche Ehegattin zu sein: Immerhin hatte sie ihn zuerst und zudem sein Kind. Später bekommt sie ein zweites, das sie dann, als sie wie eine typische Romanheldin am Ende stirbt, ihrer Rivalin überlässt und damit eine Versöhnung bewirkt. Jacinta nimmt endlich Vernunft an und bewirkt eine Trennung von ihrem Mann, der sie die ganze Zeit mit wechselnden Damen (darunter Fortunatas bester Freundin) betrogen hat.

Diese Zusammenfassung kann natürlich nur sehr grob wiedergeben, worum es im Buch geht. All die größeren und kleineren Nebenfiguren, die oft sehr umfangreich charakterisiert werden und deren Geschichten ganze Kapitel gewidmet werden. So hat Maxi zwei Brüder, der eine ein Priester mit einer Vorliebe für reichhaltige Speisen, der andere ein aufrührerischer Geist, der gerne in Caféhäusern sitzt und sich an gelehrten Diskussionen beteiligt. Maxis Tante Doña Lupe hat ihren Neffen unter ihrer Fuchtel, mischt sich ständig in die Angelegenheiten des Paars und ist insgesamt eine respekteinflößende Persönlichkeit. Madrid als Schauplatz der Ereignisse wird in all seiner verwirrenden Größe beschrieben (eine Karte wäre nützlich für jemanden, der mit der Stadt überhaupt nicht vertraut ist) und die geschichtlichen Ereignisse mit Auseinandersetzungen zwischen Republikanern und Monarchisten spielen ebenfalls keine geringe Rolle. Alles in allem entsteht ein breites Gesellschaftspanorama, das mit denen Balzacs mühelos mithalten kann. Lesenswert dazu ist der englische Artikel „Fortunata and Jacinta, by Benito Perez Galdos: The Greatest Novel You’ve Never Heard of.“ Fortunata selbst ist das prächtige Porträt einer jungen Frau, die mit ihren Kämpfen, Leidenschaften und Wünschen so realistisch wie nur möglich wirkt, die sich wie wir alle nach etwas Glück und Liebe sehnt und doch nur betrogen, missverstanden, verteufelt wird – mit Ausnahme eines Mannes, der sie großzügig und gut behandelt, ihr Manieren beibringt und eine Zuflucht bietet, als sie kaum noch einen Ausweg sieht.

Die Übersetzerin Agnes Moncy Gullón wies in der Einleitung auf sprachliche Feinheiten hin, die in der englischen Version verloren gehen, z. B. Jacintas Sprache, die ihre bescheidene Herkunft verrät, oder es wurde im Text der aussagekräftige Wechsel zwischen dem vertraulichen „tú“ und dem höflichen „vosotros“ in einem Gespräch angemerkt. Da ich den Originaltext nicht kenne und ihn auch nicht gut verstehen würde, kann ich die Qualität nach dem Gesichtspunkt der Texttreue nicht beurteilen, aber sprachlich war sie hervorragend und es wurde die nötige Balance zwischen Verfremdung und Einbürgerung (um zwei Begriff der Übersetzungstheorie zu bemühen) gefunden. Somit machte es nichts, dass ich entgegen meines Prinzips eine Übersetzung ins Englische las – ich bin immer der Ansicht, dass ich beim Lesen eines Textes in meiner Nichtmuttersprache, und wenn ich sie noch so gut beherrsche, ihn doch unwillkürliche auch für mich übersetze, d. h. es findet dann eine doppelte Übersetzung statt. Aber wie gesagt, hier hatte ich wirklich einen Glücksgriff getätigt und soweit ich durch eine kurze Internetrecherche herausfand, ist die letzte deutsche Ausgabe 1961 erschienen und somit nur antiquarisch zu erhalten. Autor und Roman scheinen quasi vergessen zu sein, wie auch aus seinem Wiki-Eintrag hervorgeht: Aus seinem umfangreichen Gesamtwerk wurde gerade einmal eine Handvoll ins Deutsche übertragen und davon nur eine in jüngerer Zeit – wie schade. Wer epische Romane des 19. Jahrhunderts mag und die Gelegenheit hat, „Fortunata y Jacinta“ zu lesen, ob nun auf Spanisch, Deutsch oder Englisch, sollte sich diesen Genuss nicht entgehen lassen, er wird mit einer hübschen Entdeckung belohnt. Definitiv ein literarischer Höhepunkt in meinem Jahr 2014.

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